Aachen: Reichspogromnacht: Gedenken durchaus mit aktuellem Bezug

Aachen: Reichspogromnacht: Gedenken durchaus mit aktuellem Bezug

Vor 78 Jahren brannten in Deutschland Synagogen und jüdische Geschäfte — auch in Aachen. Hunderte Menschen wurden verschleppt und ermordet. Die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Aachen erinnerte gestern im Rathaus an die Reichspogromnacht vom 9. November 1938.

Im Beisein von Vertretern sowohl der katholischen und evangelischen Kirche als auch der jüdischen Gemeinde wurde im Stillen der Opfer gedacht.

Kein Applaus, Stille, kurze Reden und zwischendurch leichte Gitarrenmusik — der Abend im Rathaus war ein Moment des Innehaltens, in dem die Gäste sich auf die Verbrechen des Holocaust besinnen und dabei vielleicht besonnener werden konnten.

„Die Pogromnacht gilt als Markstein auf dem Weg zur systematischen Vernichtung der jüdischen Bevölkerung”, kommentierte Bürgermeisterin Dr. Margrethe Schmeer die Ereignisse. Umso mehr appellierte sie an die Verantwortung der Gesellschaft dafür zu sorgen, dass sich Vergangenes nicht wiederholt.

Der Appell ist aktueller denn je: Pfarrer Ruprecht van de Weyer, geschäftsführender Vorsitzender der Aachener Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, blickte mit Sorge in die Zukunft. Für ihn sind die jüngsten antisemitischen Entwicklungen in der Gesellschaft alarmierend: „Synagogen und jüdische Einrichtungen benötigen immer stärkere Schutzmaßnahmen“, stellte er in seiner Begrüßungsrede fest. Mit der Gedenkveranstaltung soll deshalb neben der Opfer auch daran erinnert werden, wie wichtig es ist, „eine Gesellschaft auf Toleranz und nicht auf Parolen aufzubauen“.

Einen wichtigen Schritt dazu leistet das Couven-Gymnasium in Aachen. Schulleiter, Lehrer und Schüler stellten am Abend ihre Arbeitsgemeinschaft vor, in der sie sich mit der Biografie von Fredy Hirsch befassen. Der in Aachen geborene Jude setzte sich während seiner Haft für die Kinder aus dem Ghetto Theresienstadt ein, um ihnen das grausame Leben wenigstens etwas erträglicher zu machen. Hätte Hirsch überlebt, wäre er in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden. Doch der ehemalige Schüler des Hindenburggymnasiums, aus dem 1945 das Couven-Gymnasium wurde, starb 1944 im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Schulleiter Michael Göbbels und sein Team wollen sich weiterhin dafür einsetzen, dass Aachen und die Schule „ihren berühmten Schüler nicht vergisst“. Eigens dafür wurde das Mensa-Gebäude in „Fredy-Hirsch-Forum“ umbenannt. An diesem Abend stand Fredy Hirsch repräsentativ für all die Schicksale, die jüdische Mitmenschen unter dem Nationalsozialismus erleiden mussten.

Bereits vor der Veranstaltung im Krönungssaal wurde am Synagogenplatz der Ereignisse jenes 9. November 1938 gedacht. Dort, wo heute die Aachener Synagoge steht und wo seinerzeit das jüdische Gotteshaus in Flammen aufging.