Aachen: Raue Stimme, weiches Herz: Mullefluppet-Preis für Jupp Ebert

Aachen: Raue Stimme, weiches Herz: Mullefluppet-Preis für Jupp Ebert

Was für ein Typ! Irgendwie eine Urgewalt, und doch ganz sensibel. Der markante weiße Schnauzbart kann sein breites Lachen nicht verdecken — das aber immer wieder nachdenklicher Mimik weicht. Eine Erscheinung, wie es sie nicht oft gibt — das ist Jupp Ebert, der Mullefluppet-Preisträger 2016. Er hat „seinen“ großen Abend im Saalbau Kappertz.

Aber drehen wir die Geschichte kurz zurück auf einen Moment, den der Moderator des Abends, AZ-Redakteur Robert Esser, in seiner Laudatio auch erwähnt. Er liegt einige Jahre zurück und spielt am Tivoli. Alemannia war noch Zweitligist und stand vor einem Spiel im DFB-Pokal gegen Eintracht Frankfurt. Die Schlange für den Vorverkauf zog sich von der Kasse Süd quer über den Vorplatz bis zur CHIO-Brücke.

Und im hinteren Teil hatte sich brav jener Jupp Ebert eingereiht, der unter anderem bei jedem Heimspiel die Hymne „Alemannia olé“ singt. Er ist nicht nur Fan, sondern irgendwie auch ein Teil der Alemannia. Und dieser Mensch kommt gar nicht auf die Idee, seine Beziehungen zum Kartenerwerb zu nutzen: „So was mache ich nicht“.

Die rund 400 Gäste bei der Preisverleihung werden gewiss bestätigen, dass diese Tivoli-Anekdote viel aussagt über den Mann, der natürlich als Preisträger — vor allem aber als Sänger — im Rampenlicht steht. Das Mullefluppet-Kuratorium — neben Robert Esser Marga Render, Dieter Kaspari, Michael Cosler und Albert Henrotte (der beruflich unabkömmliche Christian Mourad schickte eine Video-Botschaft) — hatte ein abwechslungsreiches Programm quer durch alle Unterhaltungsgenres zusammengestellt.

Aber das hat natürlich auch eine böse Seite, denn der 69-jährige Preisträger muss sich auf der Bühne überhaupt erst mal seiner Ehre als würdig erweisen. Das schafft er — wen mag es wundern — mit Bravour und beweist damit zugleich seine ausgeprägte humoristische Ader. Denn Jupp Ebert springt ebenso leicht in Rolle und Kostüme der Wildecker Herzbuben, von Schlagersänger Jürgen Drews oder Schlumpf-Papa Vater Abraham. Bestanden, setzen.

Dann wird es emotional. Robert Esser erinnert in der Laudatio an Eberts Werdegang, das Großwerden im Rosviertel, das damals nicht gerade als „intellektuelle Hochburg von Feingeistern“ bekannt gewesen sei. Aber die Zeit hat ihn geprägt, zu dem unverwechselbaren Menschen gemacht, der als Installateur, Fernfahrer, zuletzt als Archivmitarbeiter für Röntgenaufnahmen im Klinikum gearbeitet hat.

Aber auch als Modell, als er gerade 20 war. Stolz habe er damals seiner Mutter erzählt, dass er an der Aachener Werkkunstschule angenommen sei. Auf die Frage, was er da mache, antwortete der junge Jupp: „Aktmodell.“ Was die Mama kurz mit „Ferkel!“ kommentierte. Das Elternhaus vermittelte ihm bleibende Werte, die seinen weiteren Lebensweg und die Karriere als Sänger prägten. Die Musik war und ist das emotionale Standbein in seinem Leben.

Jupp Ebert hat es durchaus in die höheren Regionen der Szene geschafft. Er hat einmal mit der Blues-Legende Joe Cocker, mit der er immer wieder verglichen wird, auf der Bühne gestanden. Und er ist Mitglied der „RTL AllStars“ — was später im Programm noch eine Rolle spielen sollte. . .

Er bekommt den Preis überreicht, ist unübersehbar überwältigt, gerührt, stolz. Und doch ganz Musikprofi. Denn gemeinsam mit Tänzerinnen in der Choreographie von Marga Render zieht er eine Bühnenshow ab, die Cocker selbst gewiss nicht besser hinbekommen hätte: die leicht entschärfte Version des Stripp-Hits „You can leave your hat on“ aus dem Film „9-1/2 Wochen“.

Das Publikum jubelt. Als Jupp Ebert sich bedankt, wird es noch emotionaler. Denn im Publikum sitzen eben auch Martin Ernst und seine Frau Doreen, die seit Jahren mit ihm gemeinsam bei den „RTL AllStars“ singen. Er spricht von „ganz wichtigen Menschen, von unglaublich tollen Freunden“.

Für einen Moment bricht die raue Stimme. Das macht ihn noch viel menschlicher, der Mann ist gelebte Authentizität, die Zuschauer sind gerührt und zugleich begeistert. Sie erleben einen Preisträger, der sein ganzes Können aufbietet, die Klaviatur von der gefühlvollen Ballade bis zum fetzigen Rockstück. Seine Auftritte sind unzweifelhaft der Höhepunkt des Programms, das aber auch für sich alleine hätte bestehen können.

Mit tollen Gesangseinlagen, begeisternden Tanzdarbietungen und ganz viel Öcher Hazz. Dafür steht — auch dies seit Jahren — das Duo „Groschan&Hermanns“, alias Stadtsprecher Bernd Büttgens und der Intendant des Grenzlandtheaters, Uwe Brandt.

Sie brillieren in der Rolle des kleinen Öcher Möchtgerngroß, immer ein bisschen fies und durchtrieben — und doch irgendwie liebenswürdig. Und sie haben für den Preisträger ein besonderes Geschenk: gesammelte Röntgenaufnahmen aus dem Marienhospital. . . Jupp „Evers“, wie sie ihn penetrant nennen, kann sich bedanken. . . Stühle zum Sitzen braucht das Publikum da schon lange nicht mehr.

Nach exakt zweieinhalb Stunden ist das Programm zu Ende. Der Abend aber noch lange nicht. Jupp schüttelt ungezählte Hände. Ihn gehört dieser Abend.

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