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Region: Puppenklinik Aachen verarztet nicht nur die Liebsten der Kinder seit 40 Jahren

Region : Puppenklinik Aachen verarztet nicht nur die Liebsten der Kinder seit 40 Jahren

Gestatten, mein Name ist Schmudel! Schmudel, sonst nix. Ich bin ein Bär. Genauer: ein Teddybär. Zurzeit liege ich in der Aachener Puppenklinik. Die Verwaltungsdirektorin und Chefärztin in einem heißt Margit Blum. Frau Doktor hat mir eine Frischzellenkur verordnet, schließlich steuere ich alter Knabe auf die 80 zu.

Das Leben hinterlässt seine Spuren, klar. Ist bei mir nicht anders. Arg zerzaust war ich in die Jahre gekommen, weshalb meine „Herrschaft“ Heidi mich hier eingeliefert hat. Schmuddelig mein Fell, fadenscheinig da und dort, das rechte Auge baumelte an hauchdünnem Faden, aus einem Riss im Bauch rieselte Inneres, abgemagert wie ein Klappergestell hing ich in meinem alten Baby-Strampelanzug.

FOTO: HARALD KRÖMER DATE 03.07.2018 40 Jahre Puppenklinik Margit Blum Foto: Harald Krömer

Margit Blum hat mich aufgepäppelt. Sie hat mich wieder „op de Stippe“ gebracht, wie die Aachener sagen, wieder auf die Beine gebracht. Die Puppenklinik ist ein Jungbrunnen. Ich bin von Kopf bis Fuß wieder picobello, der fusselige Bart gestutzt und gebürstet, ein paar Pfunde mehr auf den Hüften bin ich der alte mollige Knuddelbär.

Die Arme ist wohl auf das Gesicht gefallen, aber so eine Restaurierung des Puppenkopfes ist in der Klinik reine Routine. Foto: Harald Krömer

Die Puppenklinik Aachen hat einen klangvollen Namen. Deutschlandweit. Ihr hervorragender Ruf hat sich herumgesprochen. In diesen Tagen feiert sie ein tolles Jubiläum. Seit 40 Jahren gibt es die Puppenklinik unter der Leitung von Margit Blum. Frau Blum restauriert alle Arten von Puppen, Teddys, Stofftieren und ähnlichen Wesen. Patienten aus Porzellan, Ton, Zelluloid, Plüsch und Vinyl oder aus was für einem Zeug auch immer suchen Heilung. Spezialisiert ist die Klinikchefin auf Schildkröt- und Käthe-Kruse-Puppen, diese noblen Dinger.

Das bin ich, Schmudel, beim Besuch in der Puppenklinik. Foto: Margit Blum

Ich bleibe noch ein paar Tage auf Station, zur Rekonvaleszenz. Langeweile kommt nicht auf, total spannend hier. Action pur, hier steppt, Pardon!, der Bär. Die Klinik ist nicht so ein Riesending wie das Aachener Universitäts-Klinikum, i-wo, winzig ist sie, keine fünf Quadratmeter das Räumchen, niedlich und supergemütlich, eine Puppenstube halt, jeder Quadratzentimeter ausgefüllt.

Regale mit Nähgarn, Wimpern, Schleifsteinen, Schmirgelpapier, Töpfchen, Tuben, Acrylfarben, Wasserlack, Pinseln vollgestopft. Neben einer Mini-Nähmaschine rascheln von der Wildseide über Brüsseler Spitzen jede Menge Stoffe für schicke Puppenkleider. Kneif- und Schnabelzangen, Lupen, Heißpistole, UV-Strahler, Schleifmaschine, farbbekleckerter Fön, Atemschutzmaske, Lacke, Terpentin, Ventilator liegen da, Krempel wie bei Hempels unterm Sofa.

Organspende-Bank für Puppen

Hinter einem gelben Vorhang das Schärfste, so etwas hat die Bärenwelt noch nicht gesehen. In Rollcontainern so etwas wie eine Organspende-Bank, das Ersatzteillager, vollgepackt mit Köpfen, Armen, Beinen, Rümpfen, in runden Schachteln Mama-Stimmen, Bären-Stimmen. Dutzende Augenpaare purzeln kreuz und quer und schielen aus einer Kiste, mit und ohne Wimpern, die klimpern. Blonde, schwarze, braune, mittelaschblonde Perücken quellen aus einem Karton.

Auf dem OP-Tisch vorm Fenster sitzen und liegen Patienten, große, kleine, Däumlinge. Pudelnudel. Mit Löchern im Kopf und Platzwunden im Gesicht, Rissen im Körper, mit zerbrochenen Händen und Füßen, mit eingedrückten oder rausgekullerten Augen, Puppen und Teddys ohne Arm oder Bein, Bär Paul mit ausgehöhlter Wampe, Familienhund Benno hat ihn mit seinem Spielknochen verwechselt. Ein Porzellankopf nur noch ein Scherbenhaufen, in Dutzend Stücke zerbrochen.

Neben einer mulattischen Schönheit liegt ihr pechschwarzer Skalp, ein Zopf, die Schädeldecke mit glattem Schnitt amputiert, schmaler Zugriff von oben für die Chirurgin, um von innen ein neues Augenpaar transplantieren zu können. Puppen warten auf neue Skelette, komplizierte Gummiband-Geflechte im Innern, die Arme, Beine und Kopf bewegen. Einem Plüschpferdchen ist der Rücken aufgeplatzt, Margit Blum hat einen Sattel genäht, der die Wunde schließen wird. Ein Pinguin blickt kummervoll, sein Frack schlenkert an dünnem Faden.

Puppenfee Margit Blum kuriert alle Blessuren. Nach der Behandlung ist nichts mehr von den Schäden zu sehen. „Ich hauche den Puppen ein neues Leben, eine Seele ein“, sagt sie. „Und erst wenn sie mir selbst gefallen, gebe ich sie wieder zurück.“ Wirklich erstaunlich, nicht Kinder bringen ihr Kranke und Verletzte, Erwachsene sind es in den meisten Fällen. Puppen und Teddys, Hunde und Katzen, Pferde und Schafe und, und, und — Spielsachen aus Kindertagen, als Erinnerung über die Zeiten gerettet, geliebt und gehätschelt, nun sollen sie aufgehübscht werden.

Über die Schlachtfelder

So wie meine Freundin Sonja, auch in meiner Familie bei Heidi daheim, geboren 1948 in bitterster Nachkriegsarmut, von Heidis Mutter aus Stoff modelliert und mit einem laufmaschenfleißigen Perlonstrumpf überzogen, handgemalt darauf ein schönes Puppengesicht. Eine zartbesaitete Kostbarkeit ist die Sonja. Frau Blum hat sie geliftet, die Gute geht glatt zwanzig Jährchen jünger durch. Auch Wollbäckchen zählt zur heimischen Truppe, ein nicht mal handgroßer Bärchen-Kollege, mit Heidis Vater über die Schlachtfelder des Weltkriegs gezogen, heiß geliebtes Andenken, seine arthritischen Knochen von Margit Blum perfekt gestärkt. So sind wir drei auf die alten Tage bei allen Reisen unserer Familie noch immer mit von der Partie.

Jede Menge Lobeshymnen sind im Gästebuch der Puppenklinik zu finden. „Dank für die professionelle Arbeit!“ heißt es. Oder ein Sohn schreibt, „meine Mutter hatte Tränen in den Augen, als sie ihr Gretchen wiedersah“. „Sie sind eine superliebe Puppenkrankenschwester“, bedankt sich eine Dame. Eine andere rühmt die „tolle Künstlerin, die mein Kathrinchen restauriert und ihr liebevoll ein neues Kleid mit Täschchen und Schleifchen nebst passenden Knöpfen genäht hat“. Andere erzählen in Briefen von den Abenteuern, die sie mit ihren Zöglingen erlebt haben. „Wenn Menschen kommen, und ich kann helfen, bin ich glücklich“, freut sich Frau Doktor Blum.

Von Berlin nach Aachen

„Margit“, brummbäre ich, „ich bin der Ältere, duzen wir uns, Margit, wie fing das an mit Deiner fantastischen Puppenklinik?“ Tja, das ist nun wieder eine ganz andere Geschichte, abendfüllend, aber ich mache_SSRqs kurz: 1969 zog es Margit, eine echte Berliner Jöre, über eine Zwischenstation in Köln nach Aachen. Porzellanpuppen kamen in diesen Jahren in Mode. Köpfe, Hände und Füße beweglich und aus Porzellan. Die damals 23-Jährige hatte sich zur Restauratorin weitergebildet und war sich sicher: „So etwas kann ich auch.“ Und wie sie das konnte. Gesagt, getan, in den 70er Jahren modellierte sie Hunderte Puppen. Ihre lachenden und weinenden Porzellan-Clowns waren nicht nur auf Flohmärkten der große Renner.

Für Begeisterung über Aachen hinaus sorgten später ihre kunstvoll und haargenau nachgebildeten Porträt-Puppen von Promis. Heinz Rühmann, Friedrich Nowottny, der russische Starclown Oleg Popow, Mireille Mathieu, Roncalli-Chef Paul, um nur einige zu nennen, waren begeistert von ihren Doppelgängern. Der kölsche Junge Willy Millowitsch eilte glückstrahlend vom Rhein herbei, seinen täuschend echten Mini-Willy nach Kölle heimzuholen. Die Medien schrieben und sendeten über die Kunst der Margit Blum. Viele Promi-Puppen wurden zugunsten der Kinderkrebshilfe versteigert, so ein Popow holte beispielsweise knappe 3000 Mark rein.

Margit Blum präsentierte ihre Geschöpfe in Ausstellungen, wozu sie bis ins Ruhrgebiet hinein eingeladen wurde. Auf einer Internationalen Tourismusbörse im texanischen Houston warb die Stadt Aachen nicht nur mit Dom und Rathaus und Printen, sondern als besonderer Clou mit Puppen der Margit Blum. Die Amis waren hin und weg, total aus dem Häuschen, die wollten die Dinger vom Fleck weg kaufen, der Aachener Stand war der Hammer.

„Zur Sache, Schätzchen, wie lief das mit der Puppenklinik?“ So: Eines Tages tritt eine Dame in den Puppenladen und fragt: „Sie zaubern so wunderschöne Puppen, können sie denn auch kaputte reparieren?“ Das Stichwort, das Margit Blum elektrisierte. Die Marktlücke. Die Restauratorin reagierte prompt. 1978, vor 40 Jahren, öffnete die Puppenklinik Aachen ihre Pforten.

Das Clown-Fieber ist abgekühlt

Die Margit setzt längst keine porzellanenen Clowns mehr in die Welt, das Clown-Fieber ist vorbei. Aber sie modelliert noch heute mit 72 Jahren Puppen nach Porträt. Foto einschicken, ein paar Wochen später steht das Ebenbild en miniature zum Abholen parat, im Kleid, Anzug, Doktorkittel, Jägerkluft oder in welchem Dress auch immer gewünscht. „Herrlich!“, „Verblüffend!“, „Gesicht perfekt nachgebildet!“ rühmt die Kundschaft im Gästebuch. „Das macht mich schon stolz auf meine Arbeit. Und ich merke, dass ich mit den Jahren immer besser werde“, sagt eine selbstbewusste Meisterin ihres Fachs.

Auf der Station gehen die Lichter aus, ich halte jetzt wohl besser mal meine Klappe. Margit spricht mit ihrer Bagage, Macht der Gewohnheit. Ich höre sie flüstern: „Paulinchen, nicht traurig sein, alles wird gut. Morgen rufe ich deine Mutti an, sie kommt dich bestimmt bald abholen.“ In die Stille ringsum wispern drei Dutzend Puppen und Püppchen: „Schlaf gut, Paulinchen!“ Zeit bald auch für mich, Sonja und Wollbäckchen, unser Köfferchen zu packen. Waren echt lustige Tage hier.