Prozess in Aachen: Drogenabhängiger beklaute Dompropst von Holtum

Prozess am Landgericht : Drogenabhängiger soll Dompropst von Holtum beraubt haben

Er wollte Geld stehlen, beklaute einen der bekanntesten Aachener Geistlichen – und hatte plötzlich den Generalschlüssel für den Dom in der Hand: Ein 37-Jähriger hat vor Gericht zugegeben, Dompropst Manfred von Holtum beraubt zu haben.

Es ist vielleicht sieben Jahre her, dass sich die beiden Männer erstmals begegnet sind. Manfred von Holtum traf Peter B. am Kaiserplatz. Er gab dem damals Obdachlosen etwas zu essen. Im Laufe der Jahre hat der Aachener Dompropst immer mal wieder Kontakt zu dem jungen Mann. „Er hat mir häufiger geholfen“, sagt Peter B. am Dienstag. Mal bekam er etwas Geld, häufig etwas zu essen. Und als Peter B. wieder einmal im Gefängnis saß, half ihm der Seelsorger, einen Fernseher zu bekommen.

Das ist die Vorgeschichte, die nur am Rande eine Rolle spielt, als sie sich am Dienstagmorgen erstmals seit dem 14. Oktober des letzten Jahres wiedersehen – in einem Gerichtssaal des Landgerichts Aachen. Der Angeklagte Peter B. senkt den Blick, er vermeidet den Augenkontakt, als der Zeuge von Holtum von diesem herbstlichen Tag berichtet, der sein Leben verändert hat.

Das dritte Stück Kuchen in der Küche

An diesem Abend des 14. Oktobers klingelte es gegen 20.40 Uhr an der Wohnung des Dompropstes an der Johannes-Paul II-Straße unweit des Domes. Peter B. steht da – nicht zum ersten Mal in den letzten Jahren, nicht zum ersten Mal an diesem Tag. Er berichtete dem Kirchenmann, dass er gerade aus der Haft entlassen sei und wieder einmal hilfsbedürftig sei. Von Holtum ließ ihn in seine Wohnung auf der ersten Etage. Man kann sagen, dass der Dompropst gutgläubig reagierte, an seiner Pforte wird häufig um eine milde Gabe gebeten.

Ein paar Stunden vorher hatte Peter B. bereits zwei Kuchenstücke bekommen, nun saß er in der Küche des Geistlichen und erhielt das nächste Stück. Als von Holtum in sein Schlafzimmer ging, um sich einen Schal zu holen, passierte das Unerwartete. Völlig verdutzt sei er gewesen, als plötzlich die Türe geschlossen und verriegelt wurde, sagt er dem Richter. „Anfangs glaubte ich an einen Scherz.“ Auf sein Klopfen reagierte niemand, die Rufe durch das geöffnete Fenster nahm der Weihbischof gegenüber nicht wahr. Erst der Nachtwächter im angrenzenden Kreuzgang des Doms registriert später die Hilferufe. Es ist schon 22.10 Uhr, als von Holtum aus seiner misslichen Lage befreit wird.

Dompropst Manfred von Holtum am Dienstag vor seiner Zeugenaussage im Justizzentrum. Foto: dpa/Ralf Roeger

In aller Seelenruhe durchsuchte Peter B. die Wohnung, er entwendete einen Generalschlüssel für den Dom, einen Wagenschlüssel und ein Notebook. Schon am nächsten Tag wurde der 37-Jährige gefasst und ist seitdem wieder ein Häftling.

„Du sollst nicht stehlen“

Vor der 6. Großen Strafkammer des Landgerichts Aachen geht es um das 7. Gebot „Du sollst nicht stehlen“. In der Sprache der Justiz klagt Staatsanwalt Hanno Gläsker den 37-Jährigen wegen „schweren Raubes“ an. Peter B. steht nicht zum ersten Mal vor Gericht. „Unser Standardthema ist, dass die Drogen viel kaputt machen in den Lebensläufen“, sagt Richter Matthias Quarch.

Schon seit dem zwölften Lebensjahr konsumiert Peter B. Betäubungsmittel, er hat eine lange Heroin- und Drogenkarriere hinter sich, gilt als schwerstabhängig. Sein Drogenkonsum führte immer wieder zu Straftaten und zu langen Gefängnisaufenthalten. Sein Sündenregister ist ellenlang, fast immer geht es um Beschaffungskriminalität. „Sechs oder sieben“ Therapieversuche hat er erfolglos abgebrochen. Ohnehin hat der Mann aus Eschweiler viel abgebrochen in seinem Leben: die Hauptschule, Ausbildungen zum Maler, Koch oder Industriemechaniker und dann auch überwiegend den Kontakt zu seiner Familie. Seit 2004 sei er an Hepatitis C erkrankt, sagt er, inzwischen leide er an Schwächeanfällen und Leberschmerzen.

Marihuana, Methadon, Kokain im Blut

Als er von Holtum im letzten Herbst besuchte, hatte er erst kurz zuvor eine siebenjährige Haftstrafe beendet. Eigentlich habe er sich für den Fernseher bedanken wollen, sagt Peter B. Auch an diesem Tag stand er wieder unter Drogen: Zum Frühstück ein Marihuana-Joint, danach Methadon als Ersatzdroge für Heroin, ehe er von seinem Überbrückungsgeld ein halbes Gramm Kokain erwarb – „meine Tagesration damals“.

Als er in der Küche beim Kuchen saß, so ist seine Version, sei die Sucht für die nächste Kokainpfeife hochgestiegen. Dafür benötigte er Geld, „spontan“ habe er den Kirchenmann eingeschlossen, sagt der Angeklagte. Er nahm das Schlüsseletui, weil er es für ein Portemonnaie hielt – warf es dann aber achtlos ein paar Meter vor der Wohnung an einer Baustelle weg, als er den Irrtum bemerkte. Nach seiner Festnahme half er mit, dass die wertvollen Domschlüssel wiedergefunden werden. Mit dem Laptop unterm Arm ging er ins Aachener Rotlichtmilieu und verkaufte den Klapprechner in einem Bordell für „60 oder 70 Euro“. „Das reichte für das nächste Pfeifchen.“

Ein paar Stunden später wurde er wieder einmal verhaftet, er war komplett geständig. Bei seiner Tat führt er eine Waffe, ein Klappmesser, bei sich. Auch das wird ihm zur Last gelegt. Peter B. sagt, er hätte das Messer immer nur benutzt, um seine „Bubbles“, die abgepackten Drogenpäckchen, zu öffnen. Bei früheren Taten hatte Peter B. andere Opfer regelmäßig mit einem Messer bedroht.

Gewalt wendete der Angeklagte gegenüber dem Dompropst nicht an, aber die Tat hallt auch so nach. „Das verfolgt mich heute noch“, sagt der Zeuge Manfred von Holtum im Gericht. Er tritt als Nebenkläger auf. „Gefangen in der eigenen Wohnung, fühlt sich nicht gut an.“ Natürlich wirke sich das auf seine Hilfsbereitschaft aus. „Ich bin vorsichtiger geworden“, sagt er und findet das „schade“. Das Verfahren wird am Freitag fortgesetzt. Dann soll ein Urteil fallen.

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