Projekt „75 Jahre Befreiung und Demokratie“ in Aachen und Maastricht

Schüler gehen grenzüberschreitend auf Spurensuche : „Wir dürfen das alles nicht vergessen“

Deutsche und niederländische Schüler waren jüngst auf den Spuren des Zweiten Weltkriegs in Maastricht unterwegs. Die jungen Leute nehmen teil am Projekt „75 Jahre Befreiung und Demokratie“.

„Ich finde es schlimm, dass Menschen einander so etwas antun können“, sagt Jaimy-Lee Karssemakers, Schülerin des Berhardinuscollege Heerlen, 16 Jahre alt, am zweiten Tag des Projekts „75 Jahre Befreiung und Demokratie“. Sie befindet sich auf den Spuren des Zeiten Weltkriegs in Maastricht, geht vorbei am Haus der Gestapo oder einem Monument an der Maas.

Mit 18 Altersgenossen, davon zehn vom Anne-Frank-Gymnasium in Aachen, ist sie drei Tage in die noch nicht so ferne Geschichte eingetaucht, die ihr allerdings so unvertraut nicht ist: „In meiner Familie habe ich viel über den Zweiten Weltkrieg gesprochen.“ Sie habe auch ein ehemaliges deutsches Konzentrationslager im heutigen Tschechien besichtigt, sagt sie. „Das hat mich sehr beschäftigt.“

Mitschüler Tim Hennemann steht ebenfalls eindeutig unter dem Eindruck der Erfahrungen dunkler Zeiten im Dreiländereck. „Ich bin fasziniert, dass so viel Geschichte auch vor Ort passiert ist.“ So habe ein damaliger Soldat zwei Stunden lang am Stück von seinen Erlebnissen in Kriegszeiten in Kerkrade erzählt, berichtet Tim. Geschichte findet eben nicht nur von oben und in Geschichtsbüchern statt, sondern in Einzelschicksalen, die den jungen Leuten in drei Tagen auf vielfältige Weise nahegebracht wurden.

„Wir dürfen das alles nicht vergessen, vor allem die menschliche Seite“, sagt Martin van der Weerden, Geschichtslehrer der beiden Schüler am Berhardinuscollege. Er klärt seine Schüler seit 35 Jahren über die Folgen des mörderischen Gemetzels auf. Die Mutter des Niederländers stammt aus Deutschland, sein Vater aus Mittellimburg – typisch für das Grenzgebiet. „Wir hatten auch Verräter im eigenen Land, und es gab Deutsche, die dem System unter großem Druck gehorchten,“ versucht der gelernte Historiker zu differenzieren. „Wichtig ist es, die Kraft darin zu setzen, den Krieg zu verhindern, nicht den Krieg zu führen.“ Dem pflichtet auch die 16-jährige Lisa Beeretz vom Anne-Frank-Gymnasium in Laurensberg während des Rundgangs in Maastricht bei: „Es ist gut, die verschiedenen Perspektiven von Leuten kennenzulernen, die diese Dinge miterlebt haben.“

Untergebracht sind die 19 Schüler in einem Hostel in Maastricht, und das sei auch gut so, meint ihr Niederländisch-Lehrer Marco Esser, denn: „Die beiden Schulen in Aachen und Heerlen liegen keine zwölf Kilometer auseinander, doch es handelt sich um komplett verschiedene Welten, die sich überhaupt nicht begegnen.“ So könne man in der Fremde leichter zueinander finden: „Wir wollen auch auf die Gegenwart und die Zukunft schauen.“ Und daran, so sein Eindruck, seien die 15-bis-16-Jährigen, die beidseitig die jeweils andere Sprache – Niederländisch oder Deutsch – lernen, sehr interessiert.

Emile Ramakers, Historiker des Kulturzentrums Centre Céramique, führte die jungen Leute im Schnelldurchgang entlang wichtiger Kriegsstationen in Maastricht, angefangen an einer der Maasbrücken, wo beim deutschen Einmarsch am 10. Mai 1940 zwei Panzer beschossen und ausgeschaltet wurden. Es geht vorbei am ehemaligen Wehrmachtsheim, der Sammelstelle für Juden, die zum großen Teil in Konzentrationslager verschleppt und umgebracht wurden, am SS-Hauptquartier, an Häusern, in denen Verfolgte versteckt wurden, an Klöstern, in denen Kriegsgefangene untergebracht waren, und am Ende zu dem Gebäude, in denen der alliierten Befreier, unter ihnen der britische Oberbefehlshaber Montgomery und sein amerikanischer Kollege und spätere Präsident Eisenhower, die Ardennenoffensive vorbereiteten.

Mehr Eindruck machten aber die persönlichen Gespräche mit Zeitzeugen, etwa mit Jac Havenith vom „Komitee 75 Jahre Freiheit und Demokratie“ des Heimatvereins Simpelveld-Bocholtz, von dem die Initiative zu dem Projekt ausgegangen war und von dem auch zwei Vertreter den Rundgang durch Maastricht begleiteten. Havenith wurde als Wehrpflichtiger 1962 für 18 Monate nach Neuguinea (West-Papua) geschickt und stieß statt der erwarteten Abenteuer im Dschungel auf Kämpfe mit Toten und Verwundeten. Oder die Erlebnisse der in den Niederlanden sehr bekannten Schriftstellerin und Tierschützerin Rosalie Sprooten, Jahrgang 1938, die lange zur See gefahren war und als Psychiaterin gearbeitet hatte und die anhand eigener Recherchen und Bücher über den Zweiten Weltkrieg eine hochinteressante Interviewpartnerin der Schüler war.

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