Aachen: Professor Doris Casse-Schlüter münzt Kaiser Karls L(i)eben um

Aachen: Professor Doris Casse-Schlüter münzt Kaiser Karls L(i)eben um

Wenn Fastrada barbusig gegen ihre Feinde anreitet, statt ihnen den Kopf abzuschlagen, prägt das den Eindruck von Professor Doris Casse-Schlüter. Und — apropos Bares — solche Szenen prägen so buchstäblich wie visuell die Münz-Zeichnungen der renommierten Aachener Grafik-Designerin.

Mit feinen Graphit-Strichen hat die 72-jährige Folkwangpreisträgerin großformatig auf Pergamentpapier die neunteilige Serie „Karl der Große und die Frauen“ geschaffen — natürlich pünktlich zum Karlsjahr. Casse-Schlüter charakterisiert inklusive Fastrada fünf Ehefrauen des Kaisers, erinnert an seine Geliebten, sein Faible fürs Baden in heißen Quellen, und sie feiert ihn als „fortwährenden“ Urvater des Euros.

All dies mündet ins zentrale Werk der Serie: ein „umgemünzter“ Reichsapfel, der Kaiser Karl die Frauenwelt auf den Kopf stellt. Dem Wortsinn nach. Weil Casse-Schlüter die Reichsinsignie um 180 Grad dreht, verwandelt sich das Sinnbild männlicher Macht in das Symbol für „weiblich“ — unten Kreuz, oben Kreis.

Natürlich entstammt die gezeichnete Münzsammlung übers „L(i)eben“ Kaiser Karls allein der Fantasie der emeritierten FH-Designprofessorin — genauso wie der Scherz zum 1. April in unserer Zeitung über den vermeintlich sensationellen Fund einer Münze mit Karls Konterfei in einer Stawag-Tiefbaustelle. Hier stand der Spaß im Vordergrund. Anders bei Casse-Schlüter.

Sie meistert einen waghalsigen Spagat, bedient mehr als Klischees. Einerseits fokussiert sie ihr Thema mit einem Augenzwinkern. Wenn die Grafik-Designerin den Frankenherrscher auf einer Münzprägung bis zur kaiserlichen Nase im heißen Badewasser absaufen lässt, gelingt der Scherz auf Karls Kosten.

Andererseits kreiert die Künstlerin auf einigen Motiven (be)rührende Ernsthaftigkeit. Etwa auf der Münze, die Gattin Hildegard zärtlich mit Baby zeigt. „Das zwölfjährige Mädchen heiratete Karl im Jahr 772 als dritte Ehefrau“, erklärt Casse-Schlüter. „Hildegard starb schon 783.

Aber in den elf Ehejahren gebar sie dem Kaiser neun Kinder. Was für ein Leben! Hildegard war bis zu ihrem Sterbetag fast ununterbrochen schwanger, begleitete ihren Mann trotzdem auf den meisten Reisen“, sagt sie. Und fügt hinzu: „Das geht unter die Haut.“

Casse-Schlüter beweist: Witz, Weisheit und Wahrhaftigkeit finden auf nur einer einzigen Seite einer Medaille Platz. Jedenfalls wenn die Professorin ihre Ideen mit spitzem Stift zu Papier bringt. Dabei ist ihr geliebter Fachbereich Design längst im Computerzeitalter angekommen. Warum also die handzeichnerischen Mühen? „Sehen Sie, ich habe Anfang der 80er Jahre meinen ersten Computer an die Hochschule geschleppt. Da wurde ich belächelt“, erinnert sich die enorm technikaffine Professorin.

Danach überrollten Bits und Bytes überall Stifte und Staffeleien. „Inzwischen gibt es aber — nicht nur bei mir, sondern auch unter heutigen Studierenden — eine Art Gegenbewegung“, erläutert die langjährige Dozentin. „Man möchte nicht nur virtuell am Bildschirm gestalten. Es geht vielen — auch mir — darum, mit eigenen Händen zu arbeiten, Materialien echt zu spüren“, sagt sie.

Wobei ihr zu bezeichnender Untergrund, das transparente Papier, sogar Ursprünge ihre gestalterischen Leidenschaft verrät. „Als Kind bekam ich von meiner Mutter Pausenbrot in Pergamentpapier“, verrät Casse-Schlüter. Damals habe sie weniger am Brot als am Pergamentpapier Geschmack gefunden, „durch das man per Bleistift herrlich Konturen und Reliefs — auch von Münzprägungen — rubbeln konnte“.

So schließt sich quasi, passend zur runden Münze, ab dem 20. Juni ein weiterer Kreis. Dann päsentiert Casse-Schlüter ihre Werke neben vielen anderen Künstlern unter dem Titel „Art meets Karl“ auf Einladung von Annely Kall, der Vorsitzenden des Kulturwerks Aachen und des Berufsverbandes Bildender Künstler Aachen-Euregio, im Einkaufszentrum Aachen-Arkaden. Obwohl: Verkaufen will Casse-Schlüter eigentlich nichts. Um Bares macht sie sich keinen Kopf. Was prägt.

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