Aachen: Preisgekrönte Komödie „Atmen“ im Theater Aachen

Aachen: Preisgekrönte Komödie „Atmen“ im Theater Aachen

Es ist eine provokative Frage, die Theaterschriftsteller Duncan Macmillian seinen Figuren und auch seinem Publikum stellt: Ist es angesichts der ökologischen Lage dieses Planeten eigentlich noch richtig, ein Kind in die Welt zu setzten? Dieser Frage widmet sich das neue Stück im Mörgens, „Atmen“, das mit der Premiere am Donnerstag, 21. September, gleichzeitig auch die neue Spielzeit im Theater Aachen einläutet.

Stefan Herrmann, verantwortlich für die Inszenierung des Stückes, sagt: „Beim ersten Lesen fand ich die Fragestellung absurd.“ Dabei zeigt das Stück auf interessante, witzige Art, dass diese Frage keineswegs absurd ist und sich im Gegenteil, mit einem der letzten gesellschaftlichen Tabus in Bezug auf Umweltschutz beschäftigt. Denn darum geht es dem Paar, dem diese Frage beim Ikea-Einkauf geradezu in den Einkaufswagen fällt. Die Frage rüttelt an den Grundfesten des bisherigen Lebens des Paars, das modern, global, umweltbewusst und ökologisch leben möchte.

Sprachlich schnell

Als Komödie tituliert, beginnt das Stück sprachlich schnell, witzig und mit Slapstick-Einlagen; doch dringt „Atmen“ im Verlaufe des Stückes immer weiter in die Persönlichkeit seiner Figuren vor. Immer wieder geht es um den Zwiespalt zwischen Verstand und Gefühl, denn das Paar will ein Kind, steht sich aber selbst mit seinen Ansprüchen im Weg. „Atmen“ gefiel Herrmann deshalb besonders gut, weil das Stück selbst auch mit den gewohnten Konzeptionen eines Theaterstückes spielt.

Hannes Schumacher als „Mann“ und Shari Asha Corsson als „Frau“ führen rund 90 Minuten lang einen Dialog, in dessen Verlauf Orts- und Zeitwechsel stattfinden. So durchlebt der Zuschauer mit dem Paar dessen gesamtes Leben, über die Entscheidung für oder gegen ein Kind hinweg, bis ins hohe Alter. Wo und wann sich das Stück gerade befindet, muss der Zuschauer selbst feststellen, die Szenenwechsel sind fließend und nicht direkt erkennbar.

Für das Stück selbst ist dies nicht schlecht, bleibt so ein Fluss erhalten, der bisweilen durch schwarze Bühnen oder sogar einen geschlossenen Vorhang unterbrochen werden würde. Neben der Frage nach dem CO2-Abdruck, den ein neues Kind hinterlässt, geht es auch um andere Fragen: Was passiert mit meinem eigenen Leben? Mit meinen eigenen Plänen? Wie geht es mit der Promotion weiter?

Die „Frau“ dekliniert auch durch, welche körperlichen Folgen eine Schwangerschaft auf sie hat. Die philosophische Frage danach, was man an eigener Freiheit aufgeben möchte, steht ebenso im Vordergrund wie die Frage nach dem „richtigen“ Leben — wenn es ein solches denn überhaupt geben sollte. „Privates und Öffentliches lassen sich bei solchen Fragen heutzutage nicht mehr trennen“, so Dramaturgin Vivica Bocks.

Vieles, was man früher rein in den privaten Bereich eingeordnet hätte, ist zum Politikum geworden. Fliege ich von Berlin nach München oder fahre ich mit der Bahn? Fahre ich in Urlaub oder bleibe ich zu Hause? Welche Nahrung konsumiere ich? Wo kaufe ich ein? Die Frage nach einem Kind ist da tatsächlich einer der wenigen Bereiche, der auch heute von den meisten Menschen ins Private verortet wird, wobei die Auswirkungen, positiv wie auch negativ, durchaus gesellschaftlich sein können.

Trotz des Anspruches, den das Stück somit auch an sein Publikum stellt, bleibt „Atmen“ aber eine Komödie, wohl aber mit tragischem Einschlag. Vielleicht ist das ein Grund, warum das 2013 erschienen und preisgekrönte Werk, so gut ankommt: Denn auch, wenn die Figuren zunächst überspitzt wirken, zeigt sich im weiteren Verlauf: Eigentlich sind es Personen „wie du und ich“, Menschen, die nachdenken über ihre Entscheidungen und sich damit mal um mal der Frage stellen, wem sie folgen sollen: ihren eigenen Wünschen und den Dingen, die sie gerne tun würden, den Dingen, die die Gesellschaft erwartet und den Dingen, die gut für unseren Planeten wären.

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