Aachen: Polizei plädiert: Bordelle raus aus der Stadt

Aachen : Polizei plädiert: Bordelle raus aus der Stadt

Wenn sich ein Polizeipräsident mit einem unmissverständlichen Plädoyer in die Debatte um die städtebauliche Entwicklung des Altstadtquartiers Büchel einschaltet, ist das für sich schon ungewöhnlich. Wenn er dabei auch noch solch deutliche Worte wählt, wie Dirk Weinspach es gestern auf Anfrage unserer Zeitung getan hat, lässt das erst recht tief blicken.

Und wenn er dann auch noch sagt, dass die aktuellen städtischen Pläne zur Aufwertung des Viertels die Probleme mit der Kriminalität im Rotlichtbezirk Antoniusstraße nicht nur nicht lösen, sondern „an manchen Stellen sogar verschärfen werden“, dann haben die Planer in der Verwaltung und vor allem die Politiker ein massives Problem.

Bislang stehen nämlich die Ratsfraktionen — mit Ausnahme der FDP — in dieser Frage Seite an Seite: Die Bordelle in der Antoniusstraße sollen am angestammten Ort in der Innenstadt verbleiben, auch wenn das ganze Quartier rundherum aufgewertet wird. Dort sei unter anderem die soziale Kontrolle höher als irgendwo am Stadtrand, heißt es immer wieder.

Und in verkleinerter und besser abgeschotteter Form — vor allem in einem „Laufhaus“ — könnte der Rotlichtbezirk auch neben neuen Einkaufs-, Gastronomie- und Wohnbereichen existieren, ohne dass es da Konflikte geben würde. Sogar Familien mit Kindern, so der Gedanke der Planer, könnten dort dann problemlos wohnen.

„Das funktioniert so nicht“

„Nein, das funktioniert so nicht“, sagt Weinspach dazu jetzt. In einem Brief an Oberbürgermeister Marcel Philipp äußert er seine Bedenken gegen diese Pläne aus kriminologischer und polizeitaktischer Sicht noch relativ moderat und plädiert dabei für eine Auslagerung der Bordelle an den Stadtrand. Rotlichtmilieus seien „immer ein Anziehungspunkt für alle Formen der Straßen- und organisierten Kriminalität“, heißt es beispielsweise in dem Schreiben.

Und „diese negativen Umstände“ würden durch die „neue bauplanerische Situation“ noch begünstigt. „Das systematische Einschreiten von Polizeibeamten würde erheblich erschwert oder ganz verhindert“, kommentiert Weinspach die Idee, den Rotlichtbezirk in der unteren Antoniusstraße durch eine räumliche Trennung abzuschotten. Dies würde „für Einsatzkräfte, aber auch für mögliche Opfer eine regelrechte Fallensituation darstellen“, kritisiert er. Und: „In Notsituationen wäre das Eingreifen weder schlagartig, noch mit vielen Beamten möglich.“

Auf Anfrage unserer Zeitung legen der Behördenchef und seine Spitzenbeamten verbal noch deutlich nach: Ständig werde die Polizei von Anwohnern und Geschäftsleuten wegen Lärms, Randale, Sachbeschädigungen und Straftaten gerufen, beschreibt Helmut Lennartz, Leiter der Direktion Gefahrenabwehr im Aachener Präsidium, die „Ausstrahlungswirkungen des Bordellbetriebs nur 200 Meter Luftlinie entfernt von einem Weltkulturerbe“.

Und hält den Glauben daran, dass dies im runderneuerten Viertel besser werde, für eine Illusion: „Bauliches Aufhübschen bringt nichts, wenn dort immer noch ein Bordell existiert.“ Denn: „So wie ein Misthaufen Fliegen anzieht, zieht ein Bordell eine bestimmte Klientel an.“

Auch die Antwort des Polizeipräsidenten auf die Frage, warum er seinen Vorstoß gerade jetzt platziere — schließlich werden die Pläne schon lange diskutiert —, lässt tief blicken. „Wir haben immer darauf gewartet, dass wir mal offiziell einbezogen werden“, sagt Weinspach, „aber wir sind von der Stadt bis heute nicht umfassend über die Planungen informiert worden.“

Jetzt sei „der Zeitpunkt erreicht, auch auf ungestellte Fragen Antworten zu geben“. Offensichtlich war man in der Behörde mit der Geduld am Ende. Eine Entscheidung müsse „sehenden Auges getroffen werden“, mahnt er und fügt hinzu, dass man die Sicht der Polizei beispielsweise auch im städtischen Ordnungsamt teile.

Und das alles bietet offenkundig auch dem OB die Möglichkeit, dazu offener seine Meinung zu sagen als bisher im politischen Prozess: „Ich begrüße diese grundsätzliche Aussage der Polizei. Das zeigt, dass bisher vielleicht zu sehr an Details herumgedoktert wurde.“

Und: „Das fällt bei mir auf fruchtbaren Boden, es muss darüber eine offene Diskussion geben, und man muss offen sein für grundsätzliche Veränderungen der Pläne.“ Auf die Frage, ob er offen dafür sei, trotz des deutlichen Mehrheitsvotums der Politik über eine Bordellverlagerung nachzudenken, sagt Philipp: „Absolut. Da stehe ich mit der Polizei in einer Reihe.“

In ein Gewerbegebiet?

Natürlich weiß der OB auch, dass die Suche nach einem Alternativstandort enorm schwierig würde. Die Polizei will sich in diese Debatte nicht einmischen, wie Weinspach betont. Gleichwohl sieht die Behörde einen Platz ohne die Nähe von Kindern, Anwohnern, Touristen, Geschäften und Gastronomie für geeignet an — also etwa in einem Gewerbegebiet.

Der Oberbürgermeister, den der Vorstoß der Polizei kaum überrascht haben dürfte, hat auch schon eine Vorgehensweise im Kopf. So solle zunächst einmal der sehr gute städtebauliche Entwurf umgesetzt werden. Die Bordelle könnten erstmal in das „Laufhaus“ einziehen, während man so Zeit für die Alternativensuche gewinnt. Eine Auslagerung wäre dann ein zweiter Schritt.

In diese Richtung marschierten neben der FDP bisher nur die Investoren Norbert Hermanns und Gerd Sauren, denen der Verbleib der Bordelle von Beginn an ein Dorn im Auge war. Jetzt darf — und wird — wieder diskutiert werden.

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