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Aachen: Polizei liefert „gute bis sehr gute Zahlen“ für Aachen

Aachen : Polizei liefert „gute bis sehr gute Zahlen“ für Aachen

Exakt 700 Prozent mehr Morde in Aachen, fast 50 Prozent mehr Vergewaltigungen, knapp 30 Prozent mehr Fälle von gefährlicher Körperverletzung auf offener Straße — und dazu ein Polizeipräsident, der sich sichtlich darüber freut, „ganz überwiegend nur gute bis sehr gute Zahlen präsentieren zu können“?

Wer sich hier im falschen Film wähnt, muss wissen: Mit Statistiken ist das oft so eine Sache, und bloße Zahlen erzählen nicht immer die ganze Wahrheit.

Das gilt auch für die Kriminalstatistik für das Jahr 2017, die Aachens Polizeipräsident Dirk Weinspach am Mittwoch vorstellte. Diese Datensammlung zeichnet sowohl in der Städteregion als auch in der Stadt Aachen insgesamt ein erfreuliches Bild rückläufiger Kriminalität — und das trotz der oben erwähnten, dramatisch anmutenden Prozentzahlen.

Denn: Bei den dort verzeichneten acht Morden blieb es in sieben Fällen glücklicherweise beim Versuch, wobei vier Delikte dem derzeit vor Gericht stehenden Mann zur Last gelegt werden, der auf Spielplätzen Rohrreiniger verteilte. Es herrscht also nicht unbedingt Mord und Totschlag auf Aachens Straßen, wie die Zahl nahelegen könnte.

Ein näheres Hinsehen verdient auch der Anstieg bei den Vergewaltigungen, der einem Angst und Bange machen könnte. 56 Fälle alleine in Aachen, 2016 waren es 38, 2015 nur 23. Doch heißt das nicht, dass in der Stadt nachts nun mehr Vergewaltiger lauern. Denn: Nur einer dieser Fälle hat sich im vorigen Jahr im öffentlichen Raum ereignet. Vergewaltigung findet in der Regel im „Nahumfeld“ der Opfer statt, wie Ermittler das nennen. Im Freundes- und Familienkreis, in der Ehe.

Und: Im Zuge der „#meToo“-Debatte und nach der Kölner Silvesternacht habe sich wohl auch das Anzeigeverhalten verändert, vermutet Weinspach. Außerdem seien die Hürden für Sexualstraftatbestände gesenkt worden. Die Folge: Die Polizei erfasst unter „Vergewaltigung“ nun viel mehr Delikte als früher. Gleichwohl sieht der Polizeipräsident die Zunahme bei den Sexualdelikten — auch beim sexuellen Missbrauch von Kindern gibt es einen leichten Anstieg — mit „besonderer Sorge“, wie er betont. Bloß: „Da sind unsere Eingriffsmöglichkeiten oft begrenzt.“

In vielen anderen Bereichen sieht sich die Polizei dagegen auf Erfolgskurs, und das nicht nur, weil man weniger Straftaten verzeichnet (minus 7,2 Prozent) und davon mehr aufgeklärt hat (plus 6 Prozent). Unter anderem bei Autodiebstählen (minus 48,2 Prozent), Wohnungseinbrüchen (minus 6,3 Prozent), Straßenkriminalität (minus 19,1 Prozent) und Gewaltkriminalität (minus 7,2 Prozent) kann Weinspach Zahlen präsentieren, die teils so niedrig sind wie lange nicht.

Und auch bei den eingangs erwähnten Fällen von gefährlicher Körperverletzung auf der Straße kommt es auf die Perspektive an. Zwar ist diese Zahl von 294 auf 378 gestiegen, doch ist das immer noch der zweitniedrigste Wert der vergangenen zehn Jahre. Es sei „besonders erfreulich“, sagt Weinspach, dass man dort gute Daten vorweisen könne, „wo es für das Sicherheitsgefühl der Bürger relevant ist.“

Dies zeige, dass Polizeipräsenz und Präventionskampagnen wie „Riegel vor“ erfolgreich seien. Getrübt wird das Bild dadurch, dass mehr Taschendiebe ihr Unwesen treiben (plus 8,7 Prozent) und immer mehr ältere Menschen Opfer von Trickbetrügern — vor allem falschen Polizisten — werden.

Um unter anderem diesem Phänomen zu begegnen, könnte der Polizeipräsident mehr echte Polizisten gebrauchen. Die Kollegen arbeiteten „im Grenzbereich der hinnehmbaren Belastung und manchmal darüber hinaus“, sagt Weinspach — ein eindeutiger Ruf nach mehr Personal, um auf Kurs bleiben zu können.