Aachen: Politischer Aschermittwoch: Wenn die SPD auf ein Karnevalslied setzt

Aachen : Politischer Aschermittwoch: Wenn die SPD auf ein Karnevalslied setzt

Am Aschermittwoch ist alles vorbei — dass Sozialdemokraten einmal Hoffnung und Zuversicht aus einem Karnevalslied schöpfen würden, hätte man vor ein paar Jahren wohl auch noch nicht gedacht. Aber Ulla Schmidt sagt diesen Satz an diesem politischen Aschermittwoch in Aachen gleich mehrmals.

Beim Plausch an der Theke, wo die Aachener SPD-Bundestagsabgeordnete herzlich langjährige Genossen begrüßt. Und später in ihrer Rede. „Am Aschermittwoch ist alles vorbei“, zitiert sie da, „und ich hoffe, dann sind auch diese Personaldiskussionen endlich vorbei. Denn wir müssen uns endlich wieder mit Inhalten beschäftigen!“

„Wir müssen jetzt Ja sagen zur Verantwortung“: Die frühere Bundesministerin und Bundestagsvizepräsidentin Ulla Schmidt appellierte an ihre Parteifreunde, einer großen Koalition mit der CDU/CSU zuzustimmen. Foto: Andreas Steindl

Dafür gibt es Applaus, auch wenn die ehemalige Bundesministerin und Bundestagsvizepräsidentin mit dem Begriff „Personaldiskussionen“ eine ausgesprochen moderate Umschreibung für das Trauerspiel findet, das die SPD-Parteispitze seit einigen Tagen und Wochen in Berlin aufführt. Oder sollte man eher Kasperletheater sagen? Oder das Ganze verantwortungslos nennen?

Hoffen auf ein Ende der leidigen und schädlichen Personaldebatten in ihrer Partei: die Parteimitglieder Toni Göckler (links) sowie Ramona und Bertram Steininger. Foto: Andreas Steindl

Auf diese Gedanken kann man kommen, wenn man sich mit ganz einfachen Parteimitgliedern unterhält, mit altgedienten ebenso wie mit jüngeren. Denn was Martin Schulz, Sigmar Gabriel, Andrea Nahles und all die anderen aus der SPD-Politprominenz da zuletzt so in Berlin angerichtet haben mit ihrem Personal- und Postengeschacher, löst an der Basis Fassungslosigkeit und bei manchem auch Wut aus.

Mahlzeit: Gastronomin Maria Poquett hielt für die zuletzt so leidgeplagten Sozialdemokraten im „Klömpchensklub“ Fischspezialitäten bereit. Foto: Andreas Steindl

„Das macht einen nur noch sprachlos, jeden Tag kommt da was Neues“, kann beispielsweise Manfred Sicking, Dezernent in der Aachener Stadtverwaltung, die regelmäßigen Hiobsbotschaften aus der Hauptstadt nur schwer verkraften. Willi Mülligans ergeht es ähnlich. „In den letzten Tagen haben sie nichts ausgelassen“, kommentiert der 65-jährige frühere Polizeibeamte das Chaos in der Parteispitze und beschreibt seinen alltäglichen Horror beim Betrachten der Fernsehnachrichten: „Da sitzt man dann und denkt, jetzt ist es aber gut, das muss euch doch mal auffallen ...“ Und trotzdem geht es weiter, das „Kasperletheater“, über das auch Toni Göckler (68) und Ramona und Bertram Steininger (beide 35) nur noch den Kopf schütteln können.

Dass sich diese und rund hundert weitere Genossen von der Aachener Basis an diesem Aschermittwoch ausgerechnet im „Klömpchensklub“ treffen — wollte man der armen SPD Böses, könnte man sich darüber jetzt lustig machen. Schließlich bezeichnen die Alemannia-Fans so liebevoll ihren vor allem fürs Chaos bekannten Fußballklub. Und dann liegt diese Kneipe auch noch in jenem Stadion, dessen Bau entscheidend zum Absturz des ruhmreichen Traditionsvereins bis hinab in die vierte Liga beigetragen hat. Passt prima, könnte man denken. In welcher Liga spielt eigentlich die ehemalige Volkspartei SPD, wenn aktuelle Umfragen sie nur noch bei dramatischen 16,4 Prozent der Wählerstimmen notieren?

Dabei hat man in der Aachener SPD-Spitze tatsächlich darüber nachgedacht, ob man das traditionelle und feucht-fröhliche Fischessen zum Auftakt der Fastenzeit diesmal „aufgrund der politischen Gesamtsituation“ vielleicht besser ausfallen lassen sollte. Karl Schult-heis räumt das freimütig ein, meint mit der „Gesamtsituation“ aber nicht die 16,4 Prozent, sondern wohl eher das Berliner Polittheater. „Aber dann haben wir gedacht“, ruft der Aachener SPD-Chef seinen Genossen zu, „dass wir gerade jetzt zusammenkommen und zusammenhalten müssen.“ Und der Applaus, den er für diese Worte erhält, beweist, dass viele Sozialdemokraten in diesen Tagen offenbar dringend etwas brauchen, woran sie sich festhalten können.

Schultheis scheint das zu spüren und schaltet in den Kampfmodus. Manchmal klingt das nach Durchhalteparole, wenn er sagt: „Die SPD geht mit durchgedrücktem Kreuz nach vorne und kämpft.“ Manchmal aber auch nach ernsthafter, harter und ehrlicher Kritik, etwa wenn er beklagt, wie respektlos sich Schulz und Gabriel zuletzt im Streit um das Außenministeramt gegenüberstanden. „Das wirkt so nachhaltig negativ, wie es nicht sein darf“, sagt er dazu. Und: „Wenn wir untereinander nicht achtsam miteinander umgehen, nimmt uns auch keiner ab, dass wir mit den Menschen achtsam umgehen.“

Apropos Schulz: „Der Martin“, wie der Mann aus Würselen in der Aachener SPD heißt, genießt hierzulande immer noch einen Heimvorteil, auch nach den desaströsen letzten Wochen. Kaum einer redet hier offen negativ über den Politiker, der vor Jahresfrist noch als der große Hoffnungsträger seiner Partei gefeiert wurde. Allenfalls hinter vorgehaltener Hand wird Kritik geübt. „Wer um alles in der Welt hat den Martin bloß beraten?“, heißt es dann. Oder: „Wie konnte er so viele Fehler machen?“ Schultheis betont derweil, dass „auch Schulz Respekt verdient hat“. Und Ulla Schmidt bringt aus Berlin „einen Dankesgruß von Martin“ mit.

Die langjährige Bundestagsabgeordnete lenkt den Blick danach auf das Wesentliche, die Inhalte zum Beispiel. „Wir müssen das Leben der Menschen besser machen“, zitiert sie unter Beifall die Parteiikone Willy Brandt aus einer besonders guten alten SPD-Zeit. Und sie blickt in die Zukunft: Große Koalition ja oder nein? Für Schmidt keine Frage: „Wir müssen jetzt Ja sagen zur Verantwortung“, appelliert sie an die Basis.

Diese diskutiert das danach bei Fisch und Kaltgetränken, und das durchaus kontrovers. „Die Sozialdemokratie kämpft ums Überleben“, warnt der altgediente Genosse Mülligans und hat deshalb große Sympathie für die Position der Jusos, die die Groko strikt ablehnen.

Toni Göckler, ebenfalls seit Jahrzehnten Sozialdemokrat, hält dagegen nichts von dem Gedanken, die Partei könne sich in der Opposition am besten regenerieren.„Die Genossen in Bayern versuchen das seit 50 Jahren, ohne dass es funktioniert“, sagt er. Und räumt unumwunden ein: „Außerdem habe ich große Angst vor Neuwahlen.“ Dann lieber mit der CDU vier weitere Jahre regieren. „Wir haben gut verhandelt“, sagt der 68-Jährige. Der Koalitionsvertrag enthalte viele SPD-Positionen. Das sehen die Eheleute Ramona und Bertram Steininger ebenso — er seit seinem 16. Lebensjahr Parteimitglied, sie seit vorigem Jahr — auch wenn sie von einer Groko „nicht so begeistert“ wäre. Aber: „Wir müssen Verantwortung übernehmen.“

Und dann diskutieren sie weiter — über die AfD und wie man verhindern kann, dass man weiter Wähler an die Rechtspopulisten verliert. Über die SPD-Erfolge in der vergangenen Groko und wie man diese dem Wähler besser verkaufen müsste. Und darüber, wie man generell die einfachen Leute wieder besser erreichen könnte.

Alles spannende Themen für eine SPD im Überlebenskampf. Fragen, die man anpacken und beantworten müsste. Vor allem jetzt, wo am Aschermittwoch alles vorbei ist mit dem Trauerspiel in Berlin. Oder? Die Antwort auf diese Frage benötigt keine Worte, die Blicke dieser Sozialdemokraten sind vielsagend genug. An der Basis hofft man zwar inständig auf ein Ende der Personaldebatten, auf eine Abkehr vom sozialdemokratischen Selbstzerstörungskurs. Doch manchen fehlt der Glaube.