Politiker auf dem Rad: Jörg Lindemann will mehr Fahrradstraßen in Aachen

Verkehrspolitiker auf dem Fahrrad (6) : Ein Verfechter von Fahrradstraßen

Politiker treten in die Pedale: Jörg Lindemann auf dem Rad

Teil sechs unserer Serie „Wir setzen Verkehrspolitiker aufs Fahrrad“. CDU-Politiker Jörg Lindemann, stellvertretender Vorsitzender des Mobilitätsausschusses, hofft auf einen zügigen Ausbau der Radvorrangrouten.

Dass seine Partei nicht den besten Ruf unter Radfahrern hat, weiß Jörg Lindemann natürlich. Gerechtfertigt aber findet der CDU-Verkehrspolitiker das nicht. „Wir sind nicht die Autofahrerpartei, wir sind aber auch nicht die Radfahrerpartei“, sagt er. Man müsse halt alle Interessen im Blick haben. Da passt es ganz gut, dass er auch im Berufsleben schnell und einfach zwischen den unterschiedlichsten Verkehrsmitteln wählen kann.

Vor seinem Büro an der Bayernallee liegen Bushaltestelle, Carsharing- und Velocity-Station unmittelbar nebeneinander. Ideal findet der 53-jährige FH-Angestellte das, der sich dort nach Bedarf bedienen kann und für die Tour von Burtscheid nach Eilendorf auf ein Elektro-Leihrad zurückgreift. Für ihn nichts Ungewöhnliches: Termine in der Stadt erledige er meist per Rad.

Das hat er Gaby Breuer voraus, die als verkehrspolitische Sprecherin der CDU üblicherweise den Ton angibt. In diesem Fall hat die 70-Jährige ihrem jüngeren Kollegen gerne den Vortritt gelassen, zumal er ohnehin bevorzugt alle Radthemen bearbeitet und sich deswegen auch mit den geplanten Radvorrangrouten gut auskennt.

Gemeint ist damit ein Streckennetz, das eines Tages die ganze Stadt durchziehen und Radfahrern ein schnelles und sicheres Fortkommen ermöglichen soll. Weil der Teufel, wie so oft, im Detail steckt, kann auch Lindemann nicht sagen, wann mit der Fertigstellung zu rechnen ist. Politisch aber sollen noch in diesem Jahr alle notwendigen Beschlüsse für die erste Trasse von der Innenstadt bis Eilendorf gefasst werden, versichert er.

Unterwegs auf der geplanten Radvorrangroute nach Eilendorf: CDU-Politiker Jörg Lindemann erläutert seine Vorstellungen zur Trassengestaltung. Foto: ZVA/Harald Krömer

Und das gilt auch für die Lothringerstraße, die er am liebsten auf voller Länge zur Fahrradstraße umgestalten lassen würde. Der Abschnitt gehört zu den problematischeren Teilstücken, weil hier zwar schon jetzt viele Radfahrer unterwegs sind, diese aber auf einen Zweirichtungsradweg gezwängt werden, den sie sich noch dazu mit Fußgängern teilen müssen. Kein guter Zustand, findet Lindemann, der davon überzeugt ist, dass Autofahrer dort zurückstecken und Platz abgeben müssen. Wie die Lösung dort am Ende aussehen soll, vermag er allerdings noch nicht zu sagen – auch mit Rücksicht auf seine Parteifreunde, von denen längst nicht alle überzeugte Anhänger der sogenannten Verkehrswende sind.

Zu den ängstlicheren Radfahrern zählt Lindemann nicht. Meist fühle er sich ganz wohl im Straßenverkehr, wobei er die Nebenstrecken bevorzugt, die auch künftig für die Radvorrangrouten vorgesehen sind. Die entsprechende Umgestaltung von Schlossstraße und Bismarckstraße hält er für unproblematisch, einzig die Kreuzungssituationen müssten geändert werden. Radfahrer sollten dort Vorfahrt haben, die Rechts-vor-Links-Regelungen wären dann passé. Denkbar, dass auch dort noch einige Parkplätze wegfallen müssen, um auf die erforderliche Breite für die Radvorrangrouten zu kommen.

Auch an der Querung der Trierer Straße am Bahnhof Rothe Erde hat Lindemann nicht viel auszusetzen. Etwas schmal sei dann zwar der Vennbahnweg hinter den Aachen Arkaden, das sei aber vertretbar und in jedem Fall die sicherste Variante fürs Fortkommen in Richtung Eilendorf. Abseits des Autoverkehrs geht es somit problemlos bis zur Kleebachstraße, wo erst wieder die Von-Coels-Straße eine größere planerische Herausforderung ist.

Noch teilen sich Radfahrer dort mit Fußgängern eine Druckknopfampel. Das soll durch einen Umbau komfortabler werden. Wie die Lösung aussehen soll, weiß Lindemann allerdings auch noch nicht. Er gehört trotz seiner Neigung, sich viel Detailwissen anzueignen, nicht zu den politischen Lautsprechern, die für alles und jedes sofort die passende Lösung parat haben. Zurückhaltung ist für ihn Teil einer Strategie, die zum Erfolg führen soll. Überzeugen müsse er ja nicht die Fachleute im Mobilitätsausschuss, wo über die großen Grundfragen ohnehin meist Einigkeit bestehe. Überzeugen müsse er vor allem die Zweifler in der eigenen Fraktion. „Wir gehen Schritt für Schritt vor“, lautet somit auch sein Rezept für den Aufbau der Radvorrangrouten.

Hat das nicht unnötig lange Verzögerungen zur Folge? Verstärkt das nicht den Eindruck, dass die große Koalition zu wenig für den Radverkehr tut? „Solche Vorwürfe nehmen wir sportlich, das ist Wahlkampf“, meint Lindemann und verweist auf vergangene Erfolge. „Die meisten Radverkehrsanlagen sind in den letzten zehn Jahren entstanden“ – also stets unter CDU-Beteiligung. Dazu zählen etwa auch die Schutzstreifen an Alleen- und Grabenring, die damals das Maß der Dinge waren und erst heute wieder kritischer gesehen werden. Seine Prognose für Aachens erste Radvorrangroute: „Es dauert keine zehn Jahre, bis sie fertig ist.“

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