1. Lokales
  2. Aachen

Maßnahmen gegen Personalmangel: Politik stellt Weichen für „Aachener Modell“ in Kitas

Maßnahmen gegen Personalmangel : Politik stellt Weichen für „Aachener Modell“ in Kitas

Der Fachkräftemangel in den Kitas ist groß, die Auswirkungen für die Betroffenen teils dramatisch. Die Stadt Aachen will jetzt neue Wege gehen – und mit dem Land über den verstärkten Einsatz von Hilfskräften verhandeln.

Der Notfallplan steht. Jetzt muss nur noch das Land mitziehen. Der Kinder- und Jugendausschuss hat am Dienstagabend mit einem einstimmigen Votum die Weichen für das sogenannte Aachener Modell in der frühkindlichen Bildung gestellt. Damit will sich die Stadt gegen den eklatanten Fachkräftemangel in Kitas stemmen und durch den Einsatz von Hilfskräften zumindest kurzfristig für Entlastung sorgen.

Wie dramatisch die Lage ist, führten Beate Traeger, Abteilungsleiterin Kitas und Tagespflege im zuständigen städtischen Fachbereich, sowie Vertreterinnen und Vertreter der freien Träger den Kommunalpolitikern anhand konkreter, anonymisierter Fälle eindrücklich vor Augen. Da ist zum Beispiel die junge Anästhesistin, die plötzlich keine Betreuung für ihr Kind hat und deshalb selbst an ihrer Arbeitsstelle fehlt. Oder das Kind aus der Großfamilie, von Armut bedroht, mit dessen Eltern die Erzieherin dringend ein gut vorbereitetes Gespräch über Körperhygiene führen muss – doch die Zeit für eben diese Vorbereitung fehlt.

„Wir müssen die Abwärtsspirale im System stoppen“, bekräftigte Heinz Zohren, Geschäftsführer des freien Trägers Pro Futura und Mitglied der Arbeitsgruppe, die das Konzept für das „Aachener Modell“ erarbeitet hat.

Dieses Modell sieht vor, dass mehr Menschen, die keine gelernten Erzieherinnen oder Erzieher sind und auch sonst keine pädagogische Ausbildung haben, in den Kitas eingesetzt werden. Sie sollen zum Beispiel beim Zähneputzen oder beim An- und Ausziehen helfen und bei Verwaltungsaufgaben unterstützen. Die Arbeitsgruppe erhofft sich dadurch eine Entlastung für das Fachpersonal und das System insgesamt, sodass der Betrieb überhaupt aufrechterhalten werden kann. Das Konzept ist seit September in mehreren Gesprächsrunden konkretisiert und mit Träger- und Elternvertretern, der Verwaltung, den Fachschulen sowie Personalräten abgestimmt worden.

Bei den Kinder- und Jugendpolitikern stießen die Vorschläge der Arbeitsgruppe angesichts der Alternativlosigkeit auf breite Zustimmung – wenn auch durchaus „mit großen Bauchschmerzen“, wie etwa Margret Vallot (Die Zukunft) sagte. Über Parteigrenzen hinweg waren sich angesichts der Dringlichkeit alle einig. „Wenn wir nichts tun, ist die Katastrophe spätestens in einem halben Jahr da“, prognostizierte die Ausschussvorsitzende Hilde Scheidt (Grüne).

Einstimmig forderte der Ausschuss die Verwaltung auf, mit dem Land NRW in Verhandlungen einzutreten. Das muss nämlich die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass in Kitas vorübergehend bis zu 20 Prozent des Personals keine Fachkräfte sind.

Wie Hilde Scheidt ausführte, wolle man NRW-Familienministerin Josefine Paul (Grüne) nach Aachen einladen, um mit ihr öffentlich das „Aachener Modell“ zu diskutieren.