Pogromnacht: Wie ein Abend Aachen veränderte

Gedenken an die Novemberpogrome: Es sollte so aussehen, als wären es ganz gewöhnliche Leute

Es war heute vor genau 80 Jahren, als sich am späteren Abend auf dem Katschhof eine Gruppe finsterer Gestalten versammelte. Mitglieder der SS und der SA rotteten sich dort zusammen, wurden jedoch schnell von ihren Anführern wieder nach Hause geschickt.

Sie sollten sich gefälligst zivil kleiden – und dann vor der Synagoge der Jüdischen Gemeinde Aachen erneut aufmarschieren. Alles sollte so aussehen, als wären es gewöhnliche Leute aus dem Volk, die wenig später das Gotteshaus in Brand steckten und danach tatenlos zusahen. An selber Stelle kamen am Donnerstag mehr als 300 Bürger zusammen, um in stillem Gedenken an die Geschehnisse zu erinnern, die als Novemberpogrome in die deutsche Geschichte eingehen sollten.

Angesichts des immer noch weit verbreiteten Antisemitismus in der heutigen Zeit reiche es aber nicht, nur betroffen die Augen niederzuschlagen, mahnte Aachens Bürgermeisterin Margrethe Schmeer. Wichtig seien die Vergegenwärtigung und das Wissen, zu welcher Inhumanität die Menschen fähig seien. „Es erschreckt zutiefst, dass die damalige Bevölkerung nicht aufgestanden war, sondern durch die Jahre der Gewaltherrschaft schon mutlos gemacht wurde.“

Polizei sieht untätig zu

Was in jener Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 in Aachen genau geschah, das haben Schüler des Einhard-Gymnasiums aufgearbeitet und am Donnerstag vorgetragen. Sie berichteten etwa von der Polizei, welche dem marodierenden Treiben der aufgebrachten Meute untätig zusah und diese sogar beschützte. Und wie früh morgens die Feuerwehr gerufen wurde, jedoch nur um die Nachbarhäuser zu schützen, auf die das Feuer überzugreifen drohte. Die Synagoge hingegen brannte bis auf die Grundmauern nieder.

Wie jedes Jahr wurde auf dem Synagogenplatz wieder mit Redebeiträgen, Musik, Gedichten und einer Schweigeminute an die Pogrome erinnert. Ähnlich wie in Aachen wurden im ganzen damaligen Deutschen Reich rund 1400 Synagogen und tausende jüdische Geschäfte oder Versammlungsräume zerstört. Die Pogromnacht sei, so sagte es Bürgermeisterin Schmeer, das letzte Alarmsignal vor dem millionenfachen Völkermord gewesen. Ein Signal jedoch, auf das viel zu wenige reagiert hatten, wie die Geschichte zeigen sollte.

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