„Poetischer Anfall“ spielt Dostojewskis Klassiker

Von: Rolf Hohl
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Wird zur Rede gestellt: der hochnäsige Rodion Raskolnikow (Sven Fritsche) im St. Petersburg des 19. Jahrhunderts.

Aachen. Kann ein Mord auch eine gute Tat sein? Für die meisten Menschen verbietet sich allein schon die Vorstellung, dennoch hatte sich einst der russische Schriftsteller Fjodor Dostojewski auf dieses Gedankenexperiment eingelassen. Entstanden ist daraus „Schuld und Sühne“, bis heute eines seiner wichtigsten und bekanntesten Werke.

Dieses hat die studentische Theatergruppe „Poetischer Anfall“ für ihre inzwischen 31. Inszenierung neu aufbereitet und auf die Bühne gebracht. Am Samstagabend war Premiere in der ausverkauften Klangbrücke Aachen.

Die Handlung des Stücks dreht sich um den von Sven Fritzsche gespielten, ehemaligen Jura-Studenten Rodion Raskolnikow im St. Petersburg des 19. Jahrhunderts. In einem Aufsatz legt er dar, dass es „ungewöhnlichen“ Menschen erlaubt sein müsse, sich über die gewöhnlichen zu erheben, wenn diese ihren hehren Zielen im Weg stünden. Rodion, der in ärmlichen Verhältnissen lebt, sieht sich selbst als einer dieser „Helden“, wie er sie nennt. Als lästige „Laus“ hingegen macht er die Pfandleiherin aus, der er viel Geld schuldet und die ohnehin keinen anderen Lebenszweck habe, als andere Leute auszunehmen.

Durch diese Rechtfertigung gefestigt, erschlägt Rodion die Pfandleiherin schließlich. Aber anders als erwartet, verfliegt die vermeintliche Überlegenheit schnell, die er sich selbst angedichtet hatte. Stattdessen wird er von Fieberträumen und Zweifeln heimgesucht – und von der Untersuchungskommissarin Porfifija.

Diese wird von Anke Seifert verkörpert, welche die Figur mit einem Höchstmaß an gestischer und mimischer Beherrschung spielt. Ständig versucht die Kommissarin in der Folge, dem zwischen Ängstlichkeit und Sicherheit schwankenden Rodion ein Geständnis zu entlocken.

Zuweilen verliert sich das Stück in einigen der zahlreichen Nebenhandlungen, die Dostojevski in die Geschichte verwoben hat. Diese befördern eine Vielzahl zusätzlicher Figuren auf die Bühne, die mal witzige, mal tragische Szenen zeigen. Wenn etwa beim Verhör die Bordellbesitzerin Madame Luisa (Corinna Barkhausen) von einem Trinkgelage in ihrem Haus berichtet, und sich herausstellt, dass der polternde Polizeikapitän Petrowitsch (Leonard Schiel) selbst regelmäßig bei ihr zu Gast ist. Vor allem aber verdeutlichen sie die damaligen Verhältnisse im zaristischen, von Armut und Elend geprägten Russland.

Die Regisseure des Stücks, Laura Bündgen und Akram Idrissi, verkeilen sich dabei nicht im moralphilosophischen Diskurs über Rodions anfängliche Überzeugungen. Sie zeigen stattdessen stringent seine Selbstzweifel und das gleichzeitige Scheitern der Kommissarin, ihn intellektuell zu stellen. Es ist denn auch kein Richter, der schließlich das Urteil über Rodion fällt, sondern seine Geliebte, die gottesfürchtige Prostituierte Sonja: „Du hast dich über die Menschen gestellt“, erkennt sie. Von Cora Ungeheuer glaubhaft gespielt, verdingt sie sich im Bordell, um ihrer bitterarmen Familie zu helfen. Trotz der verbindenden Liebe ist sie der humanistische Gegenpart zu ihm, der nicht nur sein eigenes Schicksal bestimmen möchte, sondern auch das seiner Mitmenschen.

Welchen Schluss Rodion am Ende aus seiner Tat zieht, soll an dieser Stelle offen bleiben. Dem „Poetischen Anfall“ ist es jedenfalls einmal mehr gelungen, ein angestaubtes Stück mit guten Ideen, anspruchsvollem Schauspiel und präzisem Musikeinsatz in die heutige Zeit zu bringen.

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