Aachen: Plötzlich stehen 200 Flüchtlinge vor der Tür

Aachen: Plötzlich stehen 200 Flüchtlinge vor der Tür

Knapp ging es schon ehedem zur Sache. Bisweilen waren es zuletzt nur wenige Stunden, die zwischen der Ankündigung der Bezirksregierung und dem Eintreffen der Flüchtlinge in Aachen lagen. Mit wahren Kraftakten wurden diese Situationen gemeistert. Doch diesmal wurde das noch getoppt. Denn in der Nacht zum Sonntag standen urplötzlich 200 Menschen vor der Tür.

Insgesamt vier Busse rollten ab Mitternacht an der Körner-Kaserne und der Grundschule Michaelsbergstraße in Burtscheid vor — ohne dass davon vorher jemand etwas gewusst hätte. Stadtsprecher Bernd Büttgens spricht von einer „anfangs brisanten Lage“.

Umgehend wurden alle Hebel umgelegt, um diese Situation zu meistern. Die Berufsfeuerwehr kümmerte sich um die Erstversorgung der übermüdeten Menschen, die teils gezeichnet sind von den Strapazen ihrer Flucht. Mehrere Löschzüge der Freiwilligen Feuerwehr rückten aus, ebenso der Malteser Hilfsdienst und später noch das Rote Kreuz. Dazu kamen noch Ehrenamtler, die sich ebenfalls mitten in der Nacht aufmachten, um zu helfen. Alle zusammen schafften es im Schulterschluss, die Lage „im Laufe des Sonntags in den Griff zu bekommen“, so Büttgens.

In der Körner-Kaserne fanden erste medizinische Checks statt. Anschließend wurden die Flüchtlinge in den Turnhallen der Grundschulen Michaelsbergstraße und Barbarastraße (Rothe Erde) untergebracht. Am Sonntagnachmittag lief noch die Registrierung der Menschen. Zu diesem Zeitpunkt konnte Sozialamtsleiter Heinrich Emonts eine Entspannung der Lage signalisieren. Bereits in der Frühe hatte sich Oberbürgermeister Marcel Philipp ein Bild von der Situation gemacht, sprach am Sonntagnachmittag allen Einsatzkräften für ihr Engagement ein dickes Lob aus und konnte bilanzieren: „Wir haben die Lage im Griff.“

Von schier unglaublichen Szenen spricht Walter Wery. Der Laurensberger Bezirksamtsleiter fungierte seitens der Stadt als Einsatzkoordinator. „Umgehend haben sich Ehrenamtler eingefunden, mit deren Hilfe die Essensausgabe sichergestellt werden konnte. Zudem erklärten sich spontan viele Dolmetscher bereit, uns hier zu helfen — und sie kümmern sich auch noch um die Flüchtlinge. Dazu noch Malteser, Rotes Kreuz, freiwillige Feuerwehrleute — das ist eine sensationelle und unglaubliche Geschichte“, so Wery am späten Nachmittag.

Laut OB Philipp bewegt sich die Stadt jetzt innerhalb jener Flüchtlingszahlen, die Anfang vergangener Woche angekündigt worden seien. Insgesamt 680 Flüchtlinge seien in den Notunterkünften in Aachen — Franzstraße, Walheim, Körner-Kaserne, Michaelsberg-straße und Barbarastraße — untergebracht. Hinzu kommen 1100 Menschen in städtischen Einrichtungen sowie rund 500 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge.

Sozialamtsleiter Emonts betonte am Sonntag: „Wir haben nach Köln die dringende Bitte geschickt, uns wieder rechtzeitig zu informieren, wenn wir Flüchtlinge zugewiesen bekommen.“ Eine solche Hauruck-Aktion wie in der Nacht zum Sonntag soll sich nach Möglichkeit nicht wiederholen. Allerdings gab es bereits am Nachmittag Gerüchte über weitere unangemeldet eintreffende Flüchtlinge. Stadtsprecher Bernd Büttgens konnte das nicht bestätigen: „Davon ist uns derzeit nichts bekannt.“

Was allerdings — trotz eines bei der Bezirksregierung eigens ins Leben gerufenen neuen Dezernats für dieses Thema — noch nicht viel heißen muss. Das hat die Nacht zum Sonntag eindrucksvoll gelehrt.

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