Plötzlich geraten Skulpturen in Bewegung

Plötzlich geraten Skulpturen in Bewegung

Die Bühne im Theater K ist dunkel. Nur schemenhaft sind mehrere lebensgroße Skulpturen zu erkennen. Ein dichter Soundteppich wabert durch den Raum, das Plätschern von Wasser, Kinderlachen, Synthesizerklänge sind zu hören. Der Sound wird schriller, und plötzlich beginnt eine der Skulpturen, sich langsam zu bewegen. So beginnt das Tanztheater „Mini-a-tour“ alias Yulia Tokareva und Alexander Bondarev seinen Dialog zu Gerda Zulegers Ausstellung „Die 13 Mäntel der Enthüllung“ im Rahmen des „Kleinen Kunst- und Tanzfestivals“ im Theater K.

Die Idee zu dieser grenzüberschreitenden Aufführung hatte Wolfgang Wichmann-Faber, ein Freund der beiden Tänzer. Er hatte Gerda Zulegers Ausstellung „Mäntel“-Ausstellung gesehen und war begeistert. Entwickelt aus einem Kunstprojekt zu den 17. Aachener Friedenstagen, entstanden innerhalb von zwei Jahren 13 Mäntel, die verschiedene Themen repräsentieren, darunter Macht, Selbst, Gefälligkeit, aber auch Schutz und Kosmos, erzählt die Künstlerin.

Yulia Tokareva und Alexander Bondarev nahmen die Herausforderung an, sich tänzerisch mit diesen Themen auseinanderzusetzen. Viel Zeit hatten sie dafür nicht, sagt Yulia Tokareva, erst seit August dieses Jahres arbeiteten sie daran. Sie besuchten Gerda Zuleger in ihrem Zweifaller Atelier, probierten ihre Ideen aus. Doch erst am Tag der Aufführung, bei der Generalprobe, haben die beiden wirklich mit der kompletten Aufstellung das Programm durchspielen können.

Der Aufführung, ausgerechnet auch noch an einem Freitag, dem 13., merkt man den engen Zeitrahmen nicht an. Ihr tänzerischer Dialog mit den Figurinen sprüht vor Ideen: Immer wieder spielen sie mit dem Thema Ver- und Enthüllung, verschieben und drehen die Figurinen und schaffen so immer wieder andere Eindrücke. Tänzerisch setzen sie die Beziehung von Mann und Frau um, mal sinnlich, mal absurd komisch als Boxkampf, bei dem die beiden mit Klebeband bewaffnet aufeinander losgehen.

Großartig umgesetzt ist auch ihre Idee zu unserem Umgang mit den modernen Medien. Wie nehmen wir im Zeitalter der Klicks und Selfies unser Umfeld eigentlich wahr? Was bleibt von uns übrig, wenn wir uns selbst nur noch pausenlos für kleine Instagram-Geschichten inszenieren? Yulia Tokareva kann sich buchstäblich auf den Kopf stellen, Alexander Bondarev wendet kaum den Blick vom Smartphone.

Selbstironisch nehmen die beiden auch die Kunstszene aufs Korn, wenn ein „Kritiker“ die Bühne betritt und das bisher Gesehene analysiert. Begeistert ist am Ende nicht nur das Publikum, auch Gerda Zuleger ist nach der einstündigen Aufführung sichtlich bewegt: „Was kann ich mir als Künstlerin Tolleres vorstellen? Das ist für mich ein Geschenk.“

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