Pläne für den Hochbunker an der Scheibenstraße in Aachen

Dauerausstellung zum Zweiten Weltkrieg : Verein Os Oche will den Hochbunker wiederbeleben

Der Verein Os Oche will in dem denkmalgeschützten Hochbunker an der Scheibenstraße eine Dauerausstellung über den Zweiten Weltkrieg und das Leben im Bunker in der Nachkriegszeit einrichten. Acht massive Stahltüren stehen dem allerdings noch im Weg.

Wann Thomas Gottschalk in den Hochbunker an der Aachener Scheibenstraße eingezogen ist, ist Dirk Dannenberg nicht bekannt. Es ist ihm vermutlich auch egal. Der 56-jährige Stadtführer beschäftigt sich mit wesentlich relevanteren Daten in der deutschen Geschichte. Zumal das mit Gottschalk und dem Bunker sowieso bald ein Ende haben sollte.

Die Stahltür, auf der Unbekannte den Aufkleber mit dem Konterfei des Talkmasters angebracht haben, soll nämlich so schnell wie möglich verschwinden. Lediglich das Wie ist eine Unbekannte in der Gottschalk-Bunker-Causa, die Dannenberg vom Verein Os Oche durchaus noch Kopfzerbrechen bereitet. Schließlich hat der Verein für den Bunker große Pläne: In den Räumen, in denen vor mehr als 70 Jahren Dutzende Familien in einer Notunterkunft lebten, soll eine Dauerausstellung über den Zweiten Weltkrieg entstehen.

Karg und fensterlos: Diesen Raum mussten sich in der Nachkriegszeit mehrere Familien teilen. Das historische Bild auf dem Smartphone zeigt, wie wenig Platz den einzelnen Familien blieb. Foto: Heike Lachmann

Das Potenzial dafür sei eindeutig vorhanden. Der Hochbunker, von 1941 bis 1943 an der Ecke Scheibenstraße/Hein-Janssen-Straße errichtet, ist nach Ansicht von Dirk Dannenberg ziemlich einzigartig. „Er ist einer der letzten begehbaren Bunker in Aachen, der nicht komplett mit Graffiti bemalt ist“, sagt er begeistert. Weite Teile des dreigeschossigen Baus seien quasi im Originalzustand erhalten. Der Beleg dafür ist beklemmend wie beeindruckend zugleich.

Einladend sieht anders aus: In diesem Raum war nach dem Zweiten Weltkrieg notdürftig ein Kindergarten untergebracht, berichtet Dirk Dannenberg von Verein Os Oche. Foto: Heike Lachmann

Eine gemalte Bordüre mit blauen Bäumchen und bunten Blumen ist stilles Zeugnis vom notdürftig eingerichteten Kindergarten im Obergeschoss. Weil der Wohnraum in Aachen nach dem Zweiten Weltkrieg knapp war, wurde der Schutzbunker kurzerhand zur Notunterkunft umfunktioniert. Von 1945 bis zum Ende der 50er Jahre hätten zeitgleich bis zu 98 Familien in dem Bunker gelebt, berichtet Dannenberg – ausgelegt war der Bunker für 1014 Liege- und 113 Sitzplätze.

Mit den Bemalungen habe man versucht, es sich in den kargen, fensterlosen Räume so gut wie möglich gemütlich zu machen. Wie viel Platz – beziehungsweise wie wenig – den Familien dafür blieb, belegen die unterschiedlich gestalteten Wandgemälde, die die „Wohneinheiten“ farblich voneinander abtrennen: Mal ist es ein dunkles Gittermuster, mal ein gelb-grünes Gemälde. Mehr als acht Quadratmeter seien das nicht gewesen, rechnet der Stadtführer vor – pro Familie. Die Wandbemalungen stehen unter Denkmalschutz.

Um die damaligen Lebensumstände für die Nachwelt zu veranschaulichen, will der Verein die Räume entsprechend wieder möblieren – und freut sich über Spenden von geeigneten Möbelstücken und Spielwaren. Dass es in Aachen bislang keinen fest etablierten Erinnerungsort für die Nachkriegszeit gibt, ist für Dannenberg unverständlich. „Aachen ist ein besonderer Ort. Schließlich ist sie die erste deutsche Stadt, die befreit wurde.“ Und er ist überzeugt: „Wer hier durchgegangen ist, blickt anders auf den Krieg.“

Die Tür muss weg: Jonas Heinen (links) vom Kulturverein Base und Besitzer Manfred Gaspers haben viele Pläne für den Hochbunker an der Scheibenstraße. Foto: Annika Kasties

Bis er jedoch die ersten Führungen durch den Bunker anbieten kann, dürfte noch etwas Zeit ins Land gehen. Und das liegt unter anderem an besagter Stahltür mit dem Thomas-Gottschalk-Aufkleber. Während des Kalten Krieges seien nachträglich acht dieser massiven Druckausgleichstüren im Bunker eingebaut worden. Mit einem geschätzten Gewicht von 800 Kilogramm seien diese nicht ohne weiteres zu entfernen, sagt Dannenberg. Das müssen sie jedoch, wenn größere Veranstaltungen in dem Denkmal stattfinden sollen. Stichwort: Brandschutz. Solange die Fluchtwege nicht auf eine Breite von 1,20 Meter erweitert werden, könnten Dannenberg und seine Mitstreiter keine größeren Gruppen in den Bunker lassen. Das gleiche gilt für den Aachener Kulturverein The Base, der im Erdgeschoss ein Kulturzentrum errichten will.

Dannenberg hofft deshalb auf Unterstützung von kundigen Fachfirmen, um die Stahltüren zu entfernen: Der Erlös des wertvollen Schrotts soll einem Aachener Kinderhilfsprojekt zugute kommen.

Manfred Gaspers, der den Bunker vor zwei Jahren erworben hat, ist von den Plänen für ein Kulturzentrum und eine Dauerausstellung in dem ausgefallenen Objekt begeistert: „In so einem historischen Gebäude ist das die beste Nutzung, die man haben kann“, sagt der 39-Jährige. Sein Blick ist aber nicht nur in die Vergangenheit gerichtet. Auf dem Fachdach des Bunkers sollen langfristig auch Wohnungen entstehen. Vielleicht kann spätestens dann Thomas Gottschalk wieder in die Scheibenstraße ziehen – zumindest als Aufkleber.

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