Aachen: Pionierzeit des Automobils: Als Motoren die Menschen mobil machten

Aachen: Pionierzeit des Automobils: Als Motoren die Menschen mobil machten

Illustre Namen kreisten an diesem Abend durch das Auditorium des Centre Charlemagne am Katschhof. Gottlieb Daimler, Nicolaus August Otto, Carl Benz oder Wilhelm Maybach — Vertreter einer Epoche, deren Drang zu Forschung und Erfindung eines zum Ziel hatte: die motorisierte Fortbewegung des Menschen.

Alle diese Namen treiben den Blutdruck derjenigen in die Höhe, die sich für die Pionierzeit des motorisierten Personenverkehrs interessieren. Und das waren nicht wenige beim Vortrag von Norbert Gilson zum Thema Pionierzeit des Automobilbaus in Aachen. Den einen oder anderen wird es überraschen, die Kaiserstadt in Verbindung mit diesem Thema zu finden, doch Aachen hatte zwischen 1890 und 1930 einiges im Bereich Automobilbau zu bieten. Gilson hat neben einem elektrotechnischen Studium Abschlüsse in Geschichte und Philosophie vorzuweisen und ist seit 1995 freiberuflich als Technikhistoriker in Bereichen wie Industrie- und Unternehmensgeschichte, Industriedenkmalpflege oder Industriekultur engagiert.

Nach einem kurzen Abriss über die ersten Entwicklungsschritte in Sachen Motorisierung — Stichwort Dampfmaschine — in England und Frankreich bog Gilson automobilhistorisch in den Aachener Talkessel ein und ließ vor den Augen der Besucher einige der damaligen Unternehmen wieder auferstehen — aber auch leider genauso schnell wieder verschwinden. Firmen wie Fafnir und Scheibler waren zuvor in der Produktion stationärer Antriebe für Industrieanlagen engagiert. Die unternehmerischen Protagonisten dieser Zeit erkannten aber das Potenzial, das in der Entwicklung, im Bau und natürlich im Verkauf der Fortbewegungsmittel für Individualisten verborgen lag.

Doch zur damaligen Zeit gab es noch viele Unwägbarkeiten. So kämpften ehemals die Autofahrer mit schlechten Wegstrecken, hohen Preisen für Anschaffung und Unterhalt und natürlich einer mangelnden Akzeptanz bei den Menschen, die sich ein solches Gefährt nicht leisten konnten. Und das war damals noch der überwiegende Teil der Bevölkerung. Eine der ersten Firmen, die Autos in Aachen herstellte, war das Unternehmen der Familie Cudell an der Krefelderstraße. Vormals im Baugeschäft tätig, sah man die Zukunft im Autobau. Ab 1897 arbeitete die Firma zunächst anderen Herstellern zu, bevor ab 1899 eigene Fahrzeuge produziert wurden, die zunächst noch ein kutschenähnliches Erscheinungsbild hatten.

Im Repertoire bei Cudell fand sich darüber hinaus ein Motordreirad. Unter Federführung des Konstrukteurs Karl Slevogt gelang 1900 der Sieg eines Cudell-Wagens bei der Fernfahrt von Berlin nach Aachen, was einen enormen Werbeeffekt nach sich zog. 1904 zerstörte ein Großbrand die Werkstätten, 1905 folgte der Konkurs. Aus der Nadel- zur Fahrrad- und Speichenproduktion und von da zum Motoren- und Autobauer, das ist in kurzen Worten der Werdegang der Fafnir-Werke. Ursprünglich firmierte das Unternehmen unter dem Namen „Carl Schwanenmeyer, Aachener Stahlwaaren AG“ an der Jülicherstraße, ab 1902 wurden Autos und Motorräder unter dem Namen „Fafnir“ verkauft, dem Namen des Drachen aus der Nibelungensage. Fafnir-Fahrzeuge galten als erschwinglich und zuverlässig, das kleine, aber feine Unternehmen hatte einen guten Ruf.

Im Jahre 1922 verließen monatlich 50 bis 70 Fahrzeuge den Firmenhof, ein eigener Rennstall wurde etabliert. Einer der Werksfahrer war kein geringerer als Rudolf Caracciola, später mit Mercedes-Benz Europameister. Schon 1879 gründete Fritz Scheibler seine Maschinenfabrik, die 1897 ans Burtscheider Viadukt umzog und dort erweitert wurde. Das Unternehmen produzierte Lastwagen und Omnibusse, 1901 folgten Erweiterungsbauten an der Bachstraße. Ab 1904 baute Scheibler außerdem schwere PKW mit Kettenantrieb als absolutes Luxusprodukt für sagenhafte 16.500 Goldmark. Nach finanziellen Schwierigkeiten stellte man ab 1907 unter dem Namen Mulag ausschließlich Nutzfahrzeuge her. 1913 wurde das Unternehmen von Mannesmann aufgekauft. Ende der 20er Jahre ereilte alle Aachener Automobilbauer das Ende. Die Weltwirtschaftskrise hatte für Kapitalvernichtung im großen Rahmen gesorgt, nach dem Zweiten Weltkrieg rückten andere Standorte in den Mittelpunkt der Autoherstellung.