Aachen: Pietätlos? Pokémon-Pirsch auf dem Friedhof

Aachen: Pietätlos? Pokémon-Pirsch auf dem Friedhof

Das Pokémon-Virus grassiert seit Wochen in Aachen. An neuralgischen Punkten wie vor dem Rathaus rotten sich mitunter hunderte Spieler zusammen, um die kleinen, quietschbunten digitalen Monster via Smartphone zu fangen.

Doch mitunter mutiert das Virus derart, dass immer mehr Menschen nur noch mit dem Kopf schütteln, wenn sie die Pokémon-Jäger im Sammelwahn durch die Straßen streifen sehen. Denn Tabus scheint es kaum noch zu geben, wie jüngste Berichte aus Burtscheid zeigen.

Denn dort weitet sich die Pokémon-Pirsch offenbar immer häufiger auf Areale aus, die eigentlich Orte des Rückzugs, der Ruhe und des stillen Gebets sein sollen. So hat ein Anwohner, wie er gegenüber der AZ berichtet, in den vergangenen Wochen immer häufiger Menschen auf dem Heißbergfriedhof nahe dem Ferberpark gesichtet.

„Wie Zombies aufs Handy starrend“ würden die (nicht nur) jungen Leute da zwischen den Gräbern umherhuschen, um die begehrten Monster zu fangen. Und nicht nur die. Denn wie der Anwohner berichtet, habe er sich selbst in Sachen Pokémon-Welt erkundigt. Seine Recherche habe ergeben: Allein auf dem Burtscheider Friedhof gebe es sieben sogenannte Pokestops.

Das sind von der Software angegebene Stellen auf den Karten, an denen Spieler kleine (digitale) Gegenstände finden können, die bei der Monsterjagd behilflich sind. „Ich habe diese Pokestops gemeldet, allerdings nur eine Meldung bekommen, dass sie meiner Bitte nicht nachgehen können“, sagt der Anwohner, der über das Internet den Entwickler der Pokémon-App angeschrieben hat. Denn seiner Meinung nach hätten solche Hotspots, zu denen die zum Teil fanatischen Pokémon-Fans regelrecht pilgern, definitiv nichts auf einem Friedhof zu suchen.

Gelassenes Ordnungsamt

Der Burtscheider Pokémon-Schwerpunkt ist bis dato beim Ordnungsamt der Stadt noch nicht ins Visier geraten. Natürlich beobachte auch die Verwaltung, was in Sachen digitaler Monsterjagd seit einigen Wochen in Aachen passiere. Gründe, vehement einschreiten zu müssen, habe es bisher aber noch nicht gegeben, sagt Ordnungsamtschef Detlev Fröhlke. „Es ist nicht immer schön, aber erträglich“, meint Fröhlke.

Vor allem der Marktplatz hat sich seit dem Start der Hysterie als der Treffpunkt für Pokémon-Fans entpuppt. Dort kommen seit Mitte Juli zum Teil bis zu zweihundert Menschen zeitgleich — vor allem am Wochenende und abends — zusammen, um Pikachu & Co rund um die Rathaustreppe und den Karlsbrunnen einzufangen. Seitdem müsse man die Treppe etwas häufiger säubern, hin und wieder sei es auch mal so eng, dass man die Spieler auffordern müsse, zumindest eine Gasse zum Eingang freizulassen. Im Großen und Ganzen laufe das aber in mehr oder weniger geregelten Bahnen ab, so Fröhlke.

Wenn Zombies Monster jagen

Apropos Bahn: Davon tuckerte nämlich rund 80 Kilometer entfernt von Aachen eine eigens für Pokémon-Jäger „gecharterte“ Straßenbahn durch die Landeshauptstadt, damit diese — bei geringem Tempo — eine maximale Monsterbeute erreichen konnten. „Wir haben in Sachen Pokémon-Hype in Aachen glücklicherweise noch nicht Dimensionen wie in Düsseldorf erreicht.“

Da bimmelt nämlich nicht nur die Sonderbahn mit 25 km/h durch die City, sondern auch die Girardet-Brücke an der Prachtmeile Kö wurde von der Stadt Düsseldorf mittlerweile gesperrt, da hunderte Pokémon-Spieler diese ständig bevölkert. Autofahrer müssen nun einen Umweg in Kauf nehmen.

Der Anwohner aus Burtscheid fällt in jedem Fall ein vernichtendes Urteil über viele der Pokémon-Spieler, die er in seinem Umfeld beobachtet. So würden sie sich oftmals immer unfreundlicher verhalten, achtlos mit ihrem Smartphone umherlaufen und dabei sogar Leute anrempeln. Und wenn sie ein kleines Vieh entdeckt haben, würden sie „einfach mal die Coladose in die Ecke werfen, die Kippe hinschmeißen“ und dann auch noch „unverschämt“ die Ruhe der Verstorbenen stören, empört sich der Anwohner.

Doch scheinen Nebenwirkungen wie monsterjagende „Zombies“ auf Friedhöfen offenbar ebenfalls zum grassierenden Pokémon-Virus in Aachen zu gehören.