Aachen: Personalmangel: Fleischereien bluten aus

Aachen : Personalmangel: Fleischereien bluten aus

Für ihn geht‘s wirklich um die Wurst. Einsam und verlassen steht Christian Cornely (45) am Mittwoch in seiner kleinen Wurstküche. Und so fühlt er sich auch. „Für Einzelkämpfer in Fleischereien gibt es keine Zukunft mehr“, sagt er. Er ist Metzgermeister in vierter Generation. Er ist kräftig, kreativ — hat sich krumm gemacht fürs Geschäft. Ende Juli schließt er den Familienbetrieb an der Großkölnstraße 38. Gegründet in Aachen vom Urgroßvater 1907. Jetzt endet eine Ära.

Beiderseits der Theke gibt es Tränen. Die Kundschaft reagiere teils entsetzt, sagt Cornely. Denn das (fast) Unbegreifliche ist: Seine kleine, aber feine Traditionsfleischerei, die er vor 20 Jahren von seinen Eltern Helmut und Hildegard Cornely übernommen hatte, läuft eigentlich gut — natürlich nicht mehr so glänzend wie in den goldenen Zeiten, als es noch nicht so viele Fleischabteilungen in Supermärkten gab. Aber Cornelys Laden läuft. Bloß: Er findet einfach kein Personal. Weder für die Wurstproduktion und Fleischveredelung in der Wurstküche noch Fleischereifachverkäufer(innen) an der Theke.

Fachkräfte und Nachwuchs fehlen: Rainer Wilms, Obermeister der Fleischerinnung der Städteregion, beklagt Personalmangel.

„Ja, die Entwicklung ist tragisch. Der Personalmarkt wurde von der Konkurrenz der Lebensmittelmärkte und Discounter leer gefegt“, bestätigt der Obermeister der Fleischer in der Städteregion Aachen, Rainer Wilms. „Dazu kommt das angeknackste Image des Handwerks. Uns fehlen Fachkräfte, uns fehlt Nachwuchs“, beklagt er die kritische Lage der Branche. Zumal die nächsten Fleischerei-Schließungen in der Aachener Innenstadt noch dieses Jahr erwartet werden. Derzeit zählt Wilms 38 Innungsbetriebe in der Städteregion, davon auf Aachener Stadtgebiet gerade mal zehn.

Vor nicht einmal 20 Jahren waren es mehr als doppelt so viele. In den 60er und 70er Jahren gab es 180 Fleischerfachgeschäfte in der Kaiserstadt, wie der Vorsitzende der Aachener Aixtra-Fleischer, Wolfgang Flachs, vorrechnet. Mittlerweile blutet man aus. „Es ist eine Misere, die noch kaum aufzuhalten ist“, seufzt der erfahrene Fleischer. Nachfolger für auslaufende Betriebe würden händeringend gesucht, aber so gut wie nie gefunden. Die letzte Neugründung einer Fleischerei in der Aachener Region liegt — auch aufgrund der explodierten Erstinvestitionskosten von rund einer Million Euro für Geschäft und Produktionstechnik von der Theke über den Kühlraum bis zur Räucherkammer und modernen Flüsterabluftanlagen — schon Jahrzehnte zurück. Das klassische Handwerk ist, sieht man von der Fleischereien in Supermärkten ab, vom Aussterben bedroht.

Von zwölf Menschen im Personalbestand sind Cornely zuletzt noch zwei Festangestellte und zwei Aushilfen geblieben. Pastete, Kochschinken und Leberwurst, natürlich wie fast alles in der Theke aus eigener Herstellung, wird die Kundschaft vermissen. Doch die finde — auch wegen veränderter Einkaufsgewohnheiten und dem gewachsenen Online-Handel ohnehin immer seltener den Weg zum Einkaufen in die Stadt. „Wer auf der grünen Wiese einkauft, holt sich da auch sein Fleisch. Qualität tritt angesichts der Discounterpreise in den Hintergrund“, sagt Fleischermeister Cornely.

Und weiter: „Auch ausufernde Vorschriften von Behörden und Ämtern erschweren uns die Existenz“, sagt der 45-Jährige. „Morgens ab 5 Uhr in der Wurstküche, dann bis Geschäftsschluss an der Theke verkaufen, abends immer länger Buchhaltung und Dokumentationspflichten — das ist alleine nicht zu schaffen, wenn man gesund bleiben will.“ Verärgert ist der Fleischer aber auch über Stadtverwaltung und Politik. Er spricht von städtebaulichen Fehlplanungen, die gerade angesichts des Aquis Plaza zu einer Verschiebung der Kundenströme führe.

Ein wenig Hoffnung hat Cornely noch bei seiner Suche nach einem Nachfolger für sein Geschäftslokal. Er selbst wird in einer anderen Fleischerei als Angestellter der Branche treu bleiben. „Ich liebe meinen Beruf, aber die Existenzängste — ich bin Vater von zwei Töchtern — müssen einfach aufhören“, sagt er. „Es ist bitter, aber ich gehe erhobenen Hauptes.“ 111 Jahre nach der ersten Cornely-Wurst.

Mehr von Aachener Zeitung