Aachen: Patricia Yasmine Graf: Ein kreatives Energiebündel mit jeder Menge Ideen

Aachen: Patricia Yasmine Graf: Ein kreatives Energiebündel mit jeder Menge Ideen

Patricia Yasmine Graf ist ein Energiebündel. Es scheint fast so, als gäbe es kaum noch Designprojekte in Aachen, bei denen die 38-Jährige nicht ihre Finger im Spiel hat. Sie ist zu einem Drittel „Hotel Total“, sie ist Mitbegründerin der Designmetropole Aachen, sie hat ihr eigenes Label PYG — und Dozentin an der FH Aachen ist sie auch noch.

Angefangen hat alles an der Kunstakademie Maastricht und mit Taschen, Möbeln und Accessoires. Zurzeit steckt sie den Großteil ihrer Energie in das Hotel-Projekt in der Elisabethkirche. In ihrem Atelier, das sie sich mit einem befreundeten Designer teilt, herrscht kreatives Chaos. Immer wieder springt sie auf, um irgendwas aus Kisten zu holen, vorzuführen oder testweise anzuziehen. Im Interview erzählt sie, woher sie ihre Energie nimmt, was sie inspiriert und warum sie manchmal aus der Reihe tanzt.

Samstagsinterview mit Patricia Graf von der Designmetropole, in St. Elisabeth am Blücherplatz

Frau Graf, Sie setzen sich — das sagen Sie selbst — aus vielen Facetten zusammen. Wer oder was sind Sie denn nun eigentlich?

Samstagsinterview mit Patricia Graf von der Designmetropole, in St. Elisabeth am Blücherplatz

Graf: Ich bin ich, Patricia Yasmine Graf. Aber dieses „Ich“ ist gleichzeitig ganz viele: Designerin, Dozentin und kreativer Kopf. Ich glaube an die Energie, die ich habe — das ist meine Superkraft. Ich bin einfach so ein Bauch- und Herzmensch und folge meiner inneren Stimme. Und ich glaube daran, dass die Projekte, die ich anpacke, gut werden. Am Anfang steht immer eine Vision. Aber Kommunikation und die Fähigkeit, verschiedene Perspektiven einzunehmen, sind für mich der totale Schlüssel. Ich kann gut Menschen mobilisieren und für etwas begeistern, an das ich selber glaube.

Samstagsinterview mit Patricia Graf von der Designmetropole, in St. Elisabeth am Blücherplatz

Wie Sind Sie denn überhaupt zum Design gekommen?

Graf: Ich hatte in der Schule Kunst- und Physik-LK. Das war natürlich sehr ungewöhnlich, aber ich habe schon als Kind an meiner Kinderzimmertür eine elektrische Klingel installiert. Technik hat mich immer sehr fasziniert. Irgendwie hat dann aber trotzdem das Kunststudium in Maastricht gewonnen — und es war die richtige Entscheidung. Zu Beginn meines Studiums habe ich mir für die Zukunft gewünscht, ein eigenes Atelier und ein Designlabel zu haben und dass ich damit auch auf internationalen Messen unterwegs bin. Und am meisten habe ich mir gewünscht, das nicht alleine zu tun, sondern ein cooles Netzwerk zu haben. Als ich den Zettel mit den Wünschen neulich wiedergefunden habe, dachte ich nur: „Bääm“ — das hat alles geklappt.

Was ist für Sie Design oder, besser gesagt, was muss Design können?

Graf: Im Prinzip ist ja alles auf der Welt irgendwie Design. Alles hat irgendeine Form und irgendwer hat den Dingen diese Form gegeben — ob bewusst oder unbewusst. Hochpreisig unter einem Label verkauft, heißt es dann Design. Mich faszinieren möglichst simple, pure, echte Entwürfe, die emotional berühren — das hat etwas mit Authentizität zu tun, die mir auch im täglichen Leben wichtig ist. So ist auch mein Regal „Kantik“ entstanden. Das ist einfach eine mit Laser geschnittene Platte, die an der Wand lehnt und dadurch zu einem dreidimensionalen Möbelstück wird.

Was inspiriert Sie zu all Ihren Projekten und Entwürfen?

Graf: Materialien inspirieren mich, aber auch Problemstellungen. Ich kann gut improvisieren, das heißt aus wenig viel machen und eine kreative Lösung finden. Ich habe zum Beispiel mal richtig teuren Filz gekauft, um daraus eine Tasche zu nähen. Aber das war viel zu dick und zu steif. Während eines Telefonats mit einer Freundin habe ich dann vor lauter Frust mit dem Messer in das Material gehackt und darin herum gebohrt und plötzlich kam mir der Gedanke: Das muss gar nicht genäht werden, das kann man auch einfach nur ineinanderstecken. So fing das an mit meinen Taschen. Manchmal lasse ich mich aber auch einfach von Erlebnissen oder Hobbys inspirieren, wie zum Beispiel von der Unterwasserwelt beim Schnorcheln. Oder ich verarbeite aktuelle Geschehnisse. Manchmal träume ich auch neue Produkte.

Ach was, passiert Ihnen so etwas öfter?

Graf: Ja, das passiert mir öfter. Ich glaube, man kann nicht nur von neun bis fünf Designer sein. Designer ist man rund um die Uhr. Das hat auch etwas mit dem eigenen Blick auf die Welt zu tun und den Menschen, denen man begegnet. Wenn mich eine Idee oder ein Entwurf sehr beschäftigen, dann schaltet mein Kopf nicht einfach ab, sondern macht im Traum weiter. Deshalb habe ich immer ein Skizzenbuch neben meinem Bett. Wenn ich dann plötzlich irgendeine Vision habe, muss ich sie aufschreiben oder in das Buch hinein kritzeln, sonst kann ich nicht mehr schlafen.

Wie kommen Sie von einer ersten Idee zum fertigen Entwurf?

Graf: Bevor man etwas entwirft, muss man erstmal Fachwissen anhäufen. Das sage ich auch meinen Studenten immer. Man muss mit dem Material experimentieren, wissen, wie es sich bei Hitze verhält oder wie es geschnitten werden kann. Kann ich das stanzen, prägen oder was auch immer. Ich habe zum Beispiel schon mal ein Praktikum beim Schuster gemacht, um zu lernen, wie man flexible, textile Materialien am besten miteinander verbindet. Danach braucht das Hirn dann ein bisschen Inkubationszeit und spuckt irgendwann eine neue Idee aus. Der Rest ist dann einfach ein Prozess. Wenn die Idee da ist und das Wissen, wie ich es machen könnte, dann mache ich einfach.

Was wollten Sie immer schon mal entwerfen und haben es aus irgendwelchen Gründen nicht getan?

Graf: Eigentlich gebe ich mich selten damit zufrieden, dass etwas nicht klappt. Meistens wird es dann einfach anders oder sogar besser. Oft entsteht bei mir aus einem Entwurf auch direkt der nächste. So hat mich einer meiner Ringe plötzlich an einen Sessel erinnert. Daraus ist dann der Sitzsack „Chillow“ entstanden.

Haben Sie einen Lieblingsentwurf?

Graf: Ja, die „Psycho Furniture Collection“, die ich zusammen mit Fabian Seibert entworfen habe. Das ist eine Möbelkollektion auf der Grenze zwischen Kunst und Design. Wir haben die komplett selbst entworfen und gebaut. Da gibt es ein magersüchtiges Bett oder einen Borderline-Stuhl. Und das Spannende daran ist, dass man das Gefühl hat, die Menschen bauen eine Beziehung zu den Möbeln auf. Es gab Besucher auf den Designmessen, die das Bedürfnis hatten, unsere depressive Lampe zu streicheln. Die Möbel strahlen etwas aus. Aber sie sind auch ein Statement in Bezug auf unsere Gesellschaft.

Sie machen ja öfter mal durch verrückte Aktionen von sich reden, wie zum Beispiel dem Fahnenklau am Ludwig Forum…

Graf: …das waren wir ja gar nicht (lacht). Das war die „Redesign Aachen Fraktion“ (RAF). Nein, Spaß beiseite. Das ist mittlerweile schon der Running Gag, dass wir weiterhin behaupten, wir wären das nicht gewesen. All diese Aktionen entstehen aus einer Laune heraus oder weil ich auf irgendetwas aufmerksam machen will. Ich bin das aber ja alles nicht alleine. Uns stört zum Beispiel, dass Designpreise oft nur noch als PR-Masche funktionieren. Also haben Fabian Seibert und ich kurzerhand eine Bühne im Apollo gemietet, uns gegenseitig den „PYG Designpreis 2010“ und den „Sülzkotelett Designpreis 2010“ überreicht mitsamt Blumen und Scheck, Fotos gemacht und Pressemitteilungen rausgegeben. Fabian tauchte mit seinem PYG Designpreis dann auch tatsächlich im Jahresmagazin der Industrie- und Handelskammer auf.

Hat es Sie jemals in die große, weite Welt gezogen? Oder wie kommt es, dass Sie mit all Ihren Ideen in Aachen hängen geblieben sind?

Graf: Klar, wollte ich nach dem Studium eigentlich mal hier raus und etwas Anderes sehen. Dass ich geblieben bin, hat hauptsächlich persönliche Gründe. Und da ich aus diesen Gründen nicht von hier weg konnte, musste die Metropole eben nach Aachen kommen. Man ist ja zum Glück kreativ (lacht). Ich habe aber gemerkt, dass sich dadurch mein Blick verschoben hat. Design heißt auch, dass man sein Umfeld aktiv mitgestaltet. Deshalb bin ich zum Beispiel in die Stadtteilarbeit Aachen Nord eingestiegen und habe angefangen mich bei der low-tec, einer Gesellschaft zur Arbeitsmarktförderung, zu engagieren. Außerdem wohnen in Aachen einfach meine Lieblingsmenschen.

Ich merke, Sie sind wirklich viel beschäftigt. Wie viel Energie stecken Sie denn aktuell in was?

Graf: Das sind zurzeit 90 Prozent Hotel Total, 30 Prozent FH Aachen, fünf Prozent PYG, 15 Prozent Designmetropole, 17 Prozent low-tec — und Schlafen wird völlig überbewertet...