Aachen: Ostern auf dem Bend: Für die Sturms ein geliebtes „Muss”

Aachen: Ostern auf dem Bend: Für die Sturms ein geliebtes „Muss”

Ein Mal nur, bekennt der „Chef von et Janze”, ein einziges Mal ist tatsächlich eines seiner Securit-Schätzchen spektakulär zu Bruch gegangen - obwohl der funkelnde Irrgarten so sicher montiert war wie tausendfach zuvor.

Da ging´s schwer kriminell zu bei den Sturms. Und Millionen von Menschen waren Zeugen.

„Der Mörder ist natürlich nicht weit gekommen”, griemelt Ralf Sturm. Und das nicht nur, weil der sich ausgerechnet in sein glitzerndes Labyrinth geflüchtet hatte. Kommissar Simmel fackelte nämlich nicht lange und zerschlug eine der 180, rund 30 Kilo schweren Glasscheiben im „Kristall-Palast”, um den Bösewicht zu schnappen...

„Vergangenes Jahr hat das ZDF in Düsseldorf die Showdown-Szene für den TV-Krimi Marie Brand und die letzte Fahrt mit Mariele Millowitsch in der Titelrolle bei uns gedreht”, erzählt Sturm nicht ohne Stolz. Denn das ist so klar wie die unsichtbaren Wände in seinem Spiegelkabinett auf dem Öcher Bend: „Der Kristall-Palast ist eben ein echter Kirmes-Klassiker. Ohne ihn geht es einfach nicht.” Will heißen: Für Sturm, seine Frau Andrea, die Kinder Sascha (22) und Ralf (12) wird die „letzte Fahrt” noch lange, lange auf sich warten lassen.

„Schausteller wirst du nicht...”

„Okay, das klingt jetzt abgedroschen”, sagt Sturm und deutet mit dem Daumen aufs „Geschäft”, wie er sein gläsernes Reich stets nennt. „Ist aber einfach so: Schausteller wirst du nicht, du bist es oder nicht. Wir haben das im Blut.” 1957 hat sein Großvater Anton Gormanns das „Geschäft” mit eigenen Händen aufgebaut. Später hütete Sturms Vater den „Kristall-Palast”, 1994 übernahm der Filius das Ruder - mit Begeisterung. „Schon als Kind hab´ ich auf dem Bend im Staub gespielt”, sagt der 46-Jährige. „Die Aachener Kirmes hat einfach was”, meint auch seine Frau. „Wir fühlen uns hier sehr wohl, so eine Ballermann-Atmosphäre wie in manchen anderen Städten gibt es hier nicht.”

Spricht´s und gestattet gern einen Blick in den ganz privaten Alltag der Familie. „Wir haben sogar fließendes Wasser!”, ruft die charmante Gastgeberin mit gespieltem Ernst. Denn das rollende Eigenheim, das sich die Eheleute mit ihrem Jüngsten teilen, mag mit seinen 52 Quadratmetern nicht das größte darstellen - feinstens ausgestattet und penibel gepflegt ist es offensichtlich. Spülmaschine und Backofen, Dusche und Waschmaschine selbstverständlich inklusive. Schließlich kriegen die Sturms ihre Stolberger Wohnung allenfalls Weihnachten und in den Wochen danach zu Gesicht. Von März bis Dezember sind sie auf Tour durch ganz Deutschland - Düsseldorf, Herne-Crange, Recklinghausen, Stuttgart...

2012 zum 55. Mal dabei

Ostern feiern sie in gewissem Sinne allerdings ebenso zu Hause. „Nächstes Jahr sind wir zum 55. Mal auf dem Frühjahrsbend”, verrät Ralf Sturm. Natürlich hat er schon als Kind mit angepackt, genauso enthusiastisch, wie sein Ältester Sascha und Ralf junior es längst tun. Im Grunde läuft sein Unternehmen, wie es immer lief - quasi im Achterbahnrhythmus. „Es geht rauf und runter, mal sind die Zeiten mies, mal gut. Im Moment sind wir wirklich zufrieden.” Auch wenn die laufenden oder besser rollenden Kosten für Otto Normalverbraucher so unsichtbar sind wie die blitzblanken Wände des „Geschäfts” (zwecks täglicher Reinigung schwört der Chef übrigens auf schlichtes Spülmittel).

Zwei Sattelschlepper fressen abertausende Kilometer, abertausende Liter Diesel pro Jahr; der „Kristall-Palast” schluckt mit seinen 4000 neuen LED-Lichtern und 150 Neonleisten zehn Mal so viel Energie wie ein normaler Haushalt, zwei fest angestellte Mitarbeiter wollen pünktlich entlohnt werden... Trotzdem: „Wir wollen die Preise jetzt sogar senken.” Was also ist das Erfolgsgeheimnis des „größten Kristalls der Welt”, wie die Sturms ihr Lebenswerk auch im Internet bezeichnen dürfen (http://www.kristall-palast.de)? Es ist eben ein Familienbetrieb in jedem Sinn, antwortet der Chef. „Wir Schausteller halten fest zusammen. Und unsere Kunden kommen aus allen Generationen. Der Opa erinnert sich an seinen ersten Besuch und kommt mit den Enkeln wieder.” Dann stelle sich meist heraus, dass die Jüngsten die vertrackten Pfade durchs verflixte Labyrinth am flottesten meistern: „Am schwersten fällt es Zeitgenossen, die mit Logik durchkommen wollen - aber drinnen geblieben ist garantiert noch keiner...”

So einfach ist das, und so schwer. „Man schuftet wirklich viel, ist Elektriker, Schreiner, Schweißer, Lackierer, Lkw-Fahrer und Unternehmer in einer Person”, sagt Sturm. Und: Ja, es gibt Augenblicke, da möchte man alles hinwerfen. „Wenn ich nachts bei strömendem Regen und Eiseskälte stundenlang abbauen muss, dann denke ich manchmal: Hätt´ ich nur auf meine Mutter gehört und wäre Arzt geworden.”

Er lacht. Weil er schon wieder an diesen einen Moment denkt, auf den er sich das ganze Jahr über mindestens so sehr freut wie die Öcher: „Wenn der Bend opjeht, schaue ich zu, wie die ersten Leute durch die Gassen kommen. Dann weiß ich genau: Die ganze Mühe hat sich wieder gelohnt.”