Aachen: Opernsängerin mit einer Vorliebe für Haifische

Aachen: Opernsängerin mit einer Vorliebe für Haifische

Emily Newton hat als Sopranistin in den USA bereits Karriere gemacht. Sie feierte Auftritte an der weltberühmten New Yorker MET, heimste mehrere Preise ein, sang die großen Rollen ihres Fachs in der Neuen Welt. Während andere damit zufrieden gewesen wären, verfolgte die heute 35-Jährige einen neuen Traum.

Sie wollte unbedingt nach Europa. Anfang 2013 hat die sportbegeisterte Opernsängerin den Sprung über den großen Teich gewagt.

Liebe, die keine Grenzen kennt: Sopranistin Emily Newton spielt in Aachen Leonore, die sich als Mann Fidelio verkleidet, um ihren Ehemann Florestan (Ünüsan Kuloglu) aus dem Gefängnis zu befreien. Foto: Carl Brunn

Nach ihrer ersten Station in Dortmund spielt die Texanerin in dieser Saison die Hauptrolle in Beethovens einziger Oper „Fidelio“ am Theater Aachen. Im AZ-Wochenendinterview verrät die Amerikanerin, warum sie gerne auf Tauchstation geht, was sie tun würde, wenn sie für einen Tag in den Körper eines Mannes schlüpfen könnte und wie Öcher Printen in Texas ankommen.

Viele Menschen trällern gerne ein Lied unter der Dusche. Wie muss man sich das bei einer Opernsängerin vorstellen? Stimmen Sie dann die große Arie an?

Newton: (lacht) Nein, eher nicht. Als ich jünger war, habe ich mir nicht vorstellen können, als Sängerin auf der Bühne zu stehen. Ich habe mich immer für Musik interessiert, saß schon mit 14 Jahren im Orchestergraben und habe Holzbläser für Musicals gespielt. Als ich dann an der Uni war, habe ich während der Ferien daheim bei mir in Texas für eine Messe einen Psalm gesungen. Danach hat mich der Musikdirektor angerufen und meinte: „Hey, denk doch mal darüber nach, ob du nicht Opernsängerin werden willst.“ Er hat mir empfohlen, mit einer Gesangslehrerin zu arbeiten. Das habe ich getan und mich hat direkt das Interesse gepackt - zunächst als Jazz-Sängerin. Später habe ich dann herausgefunden, dass meine kräftige Stimme wirklich besser für die Oper geeignet ist.

Damit war also der Grundstein gelegt?

Newton: Genau. Als ich dann das erste Mal selbst in eine Oper gegangen bin, fand ich es richtig cool und habe mich in die klassische Opern-Tradition direkt verliebt.

Nach dem Studium und mehreren Engagements in den USA spielen Sie nun in „Fidelio“ im Theater Aachen. Wie kam es dazu?

Newton: Ich habe immer davon geträumt, im Ausland zu leben. Mein erster Gesangslehrer, ebenfalls ein Amerikaner, hat seine Karriere in Österreich und Deutschland verbracht. Das fand ich stets spannend. Aber zu Beginn war ich sehr beschäftigt in den Staaten und hatte keine Zeit, nach Europa zu kommen und vorzusingen. Im vergangenen Herbst hat es dann aber endlich in Deutschland geklappt.

Aber es ging nicht direkt nach Aachen?

Newton: Mein erstes Engagement war am Opernhaus Dortmund. Jetzt bin ich in Aachen, und es sieht gut aus, dass ich auch zukünftig in Deutschland auftreten werde. Da die Verträge noch nicht unterschrieben sind, kann ich aber leider noch nicht mehr verraten.

Wie unterscheidet sich die Arbeit als Opernsängerin in Deutschland zu der in den USA?

Newton: Die Probenzeiten sind hier deutlich länger, und es gibt mehr Vorstellungen. Die Leonore singe ich über 15 Mal in Aachen. In den Staaten musste ich häufig eine große Rolle wie „Lady Macbeth“ lernen, um sie schließlich nur dreimal aufzuführen. In den USA ist das System einfach anders.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag für Sie als Opernsängerin in Aachen aus?

Newton: In den sechs Wochen vor der Premiere proben wir bis zu sechs, sieben Stunden am Tag. Und das Ganze in einer Sechs-Tage-Woche. Darüber hinaus müssen wir uns einsingen, die Texte auswendig lernen. Jetzt, während die Aufführungen laufen, habe ich ein wenig mehr Zeit für mich. Wir proben nicht mehr direkt für „Fidelio“. Ich singe derzeit noch ein paar weitere Konzerte. Langweilig wird’s aber nie: Man knüpft neue Kontakte - klassisches Networking -, lernt neue Stücke auswendig, außerdem möchte ich mein Deutsch weiter verbessern.

Seit einigen Wochen läuft „Fidelio“ in Aachen. Was ist Ihr Eindruck: Wie reagiert das Aachener Publikum auf die Inszenierung?

Newton: Ich habe bisher noch nie an einer so kontrovers diskutierten Inszenierung wie hier in Aachen mitgewirkt. „Fidelio“ ist eine heftige, eine schwere Oper. Dort die richtige Regie zu finden, ist nicht leicht. „Fidelio“ ist ein tolles Stück und gehört für mich mit zur Spitze der traditionellen Oper. Die Inszenierung hier in Aachen erklärt einige Sachen, andere lässt sie aber auch im Unklaren, so dass sich der Zuschauer selbst eine Bedeutung erschließen muss. Das war auch für mich eine völlig neue Erfahrung. Umso schöner finde ich es zu spüren, wie uns Darstellern und Musikern nach der Aufführung die Wärme und der Dank des Publikums entgegen schlägt.

Vor Aachen standen Sie in Dortmund auf der Bühne.

Newton: Dort habe ich die Hauptrolle in „Anna Nicole“ (Anna Nicole Smith, Anm. d. Red.) gespielt.

Das klingt nach einem Kulturschock.

Newton: (lacht) Ein bisschen schon. Vom Playmate und Sex-Objekt Anna-Nicole Smith zur richtigen, edlen Heldin Eleonore ist schon ein großer Schritt. Aber genau das ist das Tolle an unserem Beruf, solche Sprünge machen und in völlig unterschiedliche Rollen schlüpfen zu können. Mir hat „Anna Nicole“ wahnsinnig viel Spaß gemacht. Das Besondere dort war, dass ich den Komponisten des Stücks, Mark-Anthony Turnage, kennenlernen und mit ihm über sein Werk sprechen konnte. Das ist ja bei Werken von Verdi oder nun Beethoven nicht mehr möglich (lacht).

Gibt es eine richtige Traumrolle für Sie?

Newton: Desdemona, die Frau von „Otello“ aus Verdis gleichnamiger Oper, würde mich sehr reizen. Ich interessiere mich generell für diese klassischen Rollen, auch für das deutsche Repertoire.

In „Fidelio“ verkleidet sich die Hauptfigur Leonore als Mann, um ihren Ehemann aus dem Gefängnis zu befreien. Würden Sie im wahren Leben gerne einmal in den Körper eines Mannes schlüpfen? Was würden Sie dann tun?

Newton: Wahrscheinlich würde ich dann eine schöne Frau zu einem Date einladen (lacht).

Viele Menschen verbinden die Welt des Theaters gerne mit einem Haifischbecken: Intrigen, die hinter den Kulissen ablaufen, schwierige Charaktere. Wollen Sie mal aus dem Nähkästchen plaudern?

Newton: Ich habe diese Erfahrung bisher nicht gemacht. Als ich jünger war, hatte ich auch das Bild von Schauspielern und Sängern, deren ganzes Leben ein großes Drama ist. Aber wir am Theater sind ganz normale Menschen. Die großen Gefühle zeigen wir auf der Bühne, das Privatleben sieht dann doch etwas anders aus. Ich hatte bisher das Glück, mit Kollegen zu arbeiten, die sehr geerdet und entspannt sind.

Apropos Haifischbecken: Dort fühlen Sie sich aber trotzdem besonders wohl.

Newton: Das stimmt. Ich habe ein großes Faible für Haifische. Ich liebe alles, was unter dem Wasser ist, und tauche leidenschaftlich gerne. Natürlich sind Haie gefährliche Tiere und ich möchte sie nicht streicheln, aber ich finde sie so interessant. Als ich zum ersten Mal einen Hai beim Tauchen gesehen habe, hatte ich solch ein Grinsen im Gesicht, dass mir kurzfristig sogar mein Mundstück der Sauerstoffversorgung rausgerutscht ist.

Was bedeutet für Sie als Sängerin, die für neue Engagements immer wieder den Wohnort wechselt, Heimat?

Newton: Es ist natürlich schwierig, irgendwo richtig Wurzeln zu schlagen. Gleichzeitig finde ich es spannend, soviel reisen und erleben zu können. Ich finde Aachen so schön. Seit über drei Monaten bin ich nun hier, und ich sehe es als Geschenk an, wenigstens für eine gewisse Zeit Teil dieser Stadt und ihrer Menschen sein zu dürfen. Ich besuche zum Beispiel momentan einen Kurs an der Volkshochschule und lerne Italienisch.

Sie stammen aus Texas. Da haben viele Deutsche direkt das Bild eines typischen Amerikaners im Kopf: die Cowboy-Mentalität, jeder besitzt eine Waffe - die klassischen Vorurteile. Hatten Sie ein Bild vom typischen Deutschen, bevor Sie hierhergekommen sind?

Newton: Ich dachte, jeder Deutsche würde gerne ein Bierchen mit mir trinken. Meine Vorurteile betrafen eher das Essen als die Menschen. Aber ich musste in Aachen feststellen: So viele Würste werden hier gar nicht gegessen (lacht).

Dafür Printen. Schon probiert?

Newton: Oh ja! Und ich habe sie sogar schon an Verwandte in den Staaten geschickt. Meine Tante ist ganz verrückt nach ihnen.

Dann steht ein Weihnachtsgeschenk also schon fest?

Newton: Ich werde sicherlich einige Packungen mit in die Heimat nehmen. Eigentlich wollte ich über Weihnachten in Deutschland bleiben, aber mein Verlobter und ich werden kurz nach den Feiertagen heiraten. Daher geht’s also zurück nach Texas — mit vielen Printen im Gepäck.

Seit der NSA-Affäre wird hierzulande heftig über das deutsch-amerikanische Verhältnis diskutiert. Werden Sie im Alltag auch darauf angesprochen?

Newton: Nein, das zum Glück nicht! Aber ich finde es wirklich peinlich, was da nun alles herauskommt. Viele Amerikaner haben erwartet, dass US-Präsident Barack Obama den Ruf der USA in der Welt nach George W. Bush etwas aufpoliert. Das gelingt gerade überhaupt nicht. Ich finde es gut, wie sehr in Deutschland auf Privatsphäre und deren Schutz Wert gelegt wird. Das fehlt mir in den Staaten.

Wenn Sie nicht proben oder auf der Bühne stehen: Wie sieht Ihr Leben in Aachen aus?

Newton: Die Lage von Aachen mitten in Europa ist toll. Ich plane in nächster Zeit den ein oder anderen Tagestrip nach Frankreich, Belgien und in die Niederlande. Aber auch die Stadt selbst hat viel zu bieten. Ich besitze ein „Stadtfahrrad“ und ein Rennrad. Damit bin ich viel unterwegs, zum Beispiel auf dem Vennbahnradweg. Und von so vielen Stellen in der Stadt kann man stets den Dom sehen, dieses so alte und imposante Kirchengebäude. Ich bin in der Nähe von Houston groß geworden, einer sehr jungen Stadt. Aachen dagegen hat eine jahrtausendealte Geschichte, das spürt man an so vielen Ecken. Für mich ist es einfach traumhaft, an so einem Ort leben und arbeiten zu können.