ÖPNV-Projekt: Straßenbahn von Aachen nach Baesweiler

Linie Baesweiler - Aachen/Bushof : Kommt die Tram zurück in die Städteregion Aachen?

Es ist der 10. März 2013. Selten hat man mehr bedröppelte Gesichter im Krönungssaal des Rathauses gesehen. Obwohl eine überwiegende Mehrheit des Stadtrats eine Stadtbahn in Aachen einführen will, gibt es vom Bürger eine satte Abfuhr.

66,3 Prozent der am Bürgerentscheid Beteiligten erteilen dem ehrgeizigen, aber in der Bevölkerung heftigst umstrittenen Projekt eine mehr als deutliche Absage. Öffentlicher Nahverkehr auf der Schiene wird nach dem Aus der historischen Tram im Jahr 1974 endgültig in die Geschichtsbücher gefahren. Oder doch nicht? Ein Vorstoß von CDU und Grünen könnte das Rad zurückdrehen. Die Fraktionen haben beantragt, mit dem Aachener Verkehrsverbund (AVV) und den Kommunen des Nordkreises sowie der Stadt Aachen das Projekt „Euregio-Tram“ zu entwickeln.

Am Donnerstag berät darüber der Städteregionsausschuss (16 Uhr, Haus der Städteregion, Zollernstraße 16, Raum E072). Es kommen Pläne wieder auf den Tisch, die bereits 2001 in der Region diskutiert wurden. Es geht im Prinzip um einen Ausbau der Euregiobahn von Baesweiler über Alsdorf und Würselen bis nach Aachen. Zielpunkt ist der Bushof.

2001 hatte die Idee des AVV wenig Aussicht auf Erfolg. In erster Linie, weil ein Ausbau bedeutet hätte, dass bis in die Aachener Innenstadt schwere dieselgetriebene Bahnen fahren mit Haltestellen, deren Einstiegskante bei 76 Zentimeter über dem Straßenniveau liegt. Unvorstellbar heutzutage, dass noch mehr Abgase in die Stadt geblasen werden, dass Züge neben Bussen in die City fahren.

Das alles ist der sprichwörtliche Schnee von gestern. Aber die Grundsatzidee, die massiven Pendlerströme aus dem Nordkreis nach Aachen und wieder zurück (rund 66.000 Pendlerbewegungen laut Zählungen aus dem Jahr 2014) idealerweise zu einem maßgeblichen Teil mit der Bahn abzuwickeln, hat offensichtlich nicht an Faszination verloren. Weil die Technik — Stichwort Elektromobilität — weit vorangeschritten ist. Weil heutzutage hochmoderne, niederflurige Bahnen ganz normaler Stand der Technik sind.

Insofern kann der Vortrag von Hans-Joachim Sistenich, ehemaliger AVV-Geschäftsführer und jetziges Vorstandsmitglied der Initiative Aachen, am kommenden Donnerstag sicher auf breiteres Interesse stoßen als noch vor gut 17 Jahren.

Sistenich ist davon überzeugt, dass die bisherigen Hemmnisse für die Innenstadtanbindung von Aachen und Würselen durch ein modernes Betriebskonzept mit einer Tram, einen modifizierten Linienverlauf und eine veränderte Haltepolitik überwunden werden können. Ein Vorteil: Die Nutzung vorhandener Gleisinfrastruktur ist nach wie vor möglich, zum Beispiel auf der Ringbahn zwischen Alsdorf, Busch und Merzbrück und teilweise auch in Würselen und Aachen-Nord.

Startpunkt dieser Regio-Tram sollte Baesweiler sein, schlägt Sistenich in seinem Papier vor. Weiter geht es über Alsdorf-Annapark, Mariadorf, St. Jöris, Merzbrück (Anbindung des geplanten Gewerbegebietes!), Aachener Kreuz, Würselen und Haaren bis Bushof.

Akkubetrieb in der Innenstadt

In Aachen-Nord könnte die Bahn — wie früher schon angedacht — auf die Jülicher Straße schwenken. Wobei in den Innenstadtbereichen nicht an einen Oberleitungsbetrieb gedacht ist. Dort soll die Bahn akku-betrieben fahren. Die Firma Siemens wird als ein Beispiel genannt, das solche Technik liefert. Städte wie Bordeaux und ganz neu Doha (Katar) werden als Vorbilder genannt, wie sich moderne, niederflurige Bahnen ins Stadtbild einpassen können.

Die Regio-Tram wäre nur ein Bestandteil eines weiteren massiven Ausbaus der Elektromobilität. „Einhergehend mit dem Tram-Projekt wäre dies ein effektiver Baustein des Ausbaus der Städteregion Aachen zur ,Mobile Region‘“, heißt es in der Vorlage für den Städteregionsausschuss. Für die Modellregion Elektromobilität (Elektrobusse der Aseag, Dienstwagenflotte mit E-Autos, Car- und Bike-Sharing, Cambio und Velocity) stelle die „elektrifizierte Tram-Perspektive im Verbund mit weiteren Konzepten und Projekten zur Umsetzung und Anwendung alternativer Antriebstechnologien einen grundsätzlichen Baustein zur wesentlichen Verbesserung der Umweltqualität dar“.

Nicht explizit ausgesprochen, aber in diesem Modell durchaus vorstellbar ist die Möglichkeit, die Tram innerhalb Aachens auch sukzessive weiter auszubauen. Zunächst geht es jedoch lediglich um eine einzige regionale Tram-Linie. Alles andere, so heißt es in Kreisen der Initiatoren, würde eine Phantom-Diskussion in Gang setzen, die lediglich zu einer Verunsicherung der Bürger führen würde.

Jetzt ist zunächst die politische Beratung dran. Es geht um prinzipielle Weichenstellungen und dann — ein positives Votum vorausgesetzt — um die Frage, wie eine Finanzierung gestemmt werden kann. Ausreichend öffentliche Fördermittel, ist zu hören, seien durchaus realistisch.

Und die aktuelle Diskussion um Luftreinhaltung und Zukunft des Verkehrs könnten das Projekt beschleunigen. Zitat aus der Verwaltungsvorlage: „Die Umsetzung eines umweltschonenden Regio-Tram-Projektes hat wesentliche Auswirkung auf die Luftqualität in der Region.“ Insgesamt trägt der Umstieg vom motorisierten Individualverkehr auf den elektrifizierten ÖPNV wesentlich zum Klimaschutz und somit zur Umweltentlastung bei.

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