Aachen: OB sieht „kriminelle Energie”

Aachen: OB sieht „kriminelle Energie”

Draußen vor dem Tivoli weinten die Fans, drinnen wurde die nackte Wahrheit in Sachen Alemannia Aachen auf den Tisch gelegt. Diese ist bitter. Rechtsanwalt Michael Mönig (Münster), der in den vergangenen Wochen nach eigenem Bekunden alle Zahlen des Fußballklubs hin und her gedreht hat, kommt zu einem ernüchternden Ergebnis.

Alemannia fehlen aktuell 4,5 Millionen Euro zur Finanzierung des Betriebs. Würde alles so weiterlaufen, stiege dieser Betrag bis Saisonende auf sage und schreibe rund zwölf Millionen Euro. Klarer Fall: Es muss Insolvenz angemeldet werden.

Das allerdings will Berater Mönig erst Mitte kommender Woche tun - und zwar mit einem „Insolvenzplan” in der Tasche. Mit diesem soll es in einem vorläufigen Insolvenzverfahren gelingen, den Spielbetrieb bis Ende der Saison aufrecht zu erhalten. Nur so kann Alemannia laut DFB-Statuten weitermachen. Dann allerdings in der Regionalliga.

Dort könne man dann nach einer Sanierung schuldenfrei einen Neuanfang starten. Wobei der geplante Abstieg noch die beste Lösung zu sein scheint. Die Alternative lautet, dass vor Saisonende das eigentliche Insolvenzverfahren eingeleitet würde, was die völlige sportliche Talfahrt aller Mannschaften bis zur U13-Jugend und die Zwangsliquidation der Alemannia GmbH zur Folge hätte.

Das könnte laut Mönig auch Auswirkungen auf den Gesamtverein haben. Präsident Meino Heyen bekundete, man werde alles daran setzen, den Gesamtverein zu schützen. Man werde aber auch überlegen müssen, ob man sich einen „Kostenträger Volleyball” noch leisten könne. Die Volleyballdamen spielen Bundesliga.

Es gibt aber noch einen großen Haken: Um es bis zum Saisonende zu schaffen, müssen laut Mönig „ganz kurzfristig” Geldgeber aufgetan werden, die den laufenden Betrieb - mit drastisch gesenkten Ausgaben - aufrecht erhalten. In ersten Gesprächen habe er den Eindruck, dass es dazu Bereitschaft gebe. Er selber wolle als Berater mit dem Insolvenzverwalter helfen. Die Verantwortlichen werden mit dem „Klingelbeutel” herumziehen.

Die Gründe für die krasse Entwicklung sieht Mönig in einer Schuldenwelle, die man vor sich herschob und die sich immer weiter aufgetürmt habe. Verbindlichkeiten seien mit Geldern beglichen worden, die für die neue Saison gedacht waren. Zudem sieht er Fehlplanungen: „Alemannia ist nicht in der dritten Liga angekommen.” Was Mönig etwa an der Mitarbeiterzahl von über 150 festmacht. Das sei für einen Drittligaklub völlig überdimensioniert. Ohne Personalabbau wird es im Insolvenzverfahren wohl nicht abgehen.

Kein frisches Geld wird es von der Stadt geben, wie Aachens OB Marcel Philipp betonte. Die Stadt ist nach der Umschuldung im Frühjahr einer der Hauptgläubiger der Alemannia und muss im Zuge des Insolenzverfahrens mit hohen Einnahmeverlusten rechnen. Maximal könnten 19 Millionen Euro verloren gehen, die man als Kredite in eine Stadiongesellschaft gegeben hat und die der Klub durch Mietzahlungen „abstottern” sollte.

Ob überhaupt noch Miete fließt, ist völlig offen. Auch städtische Töchter haben noch offene Forderungen in sechsstelliger Höhe. Vor der Ratsentscheidung für die Umschuldung sei die Stadt bezüglich der tatsächlichen Schulden getäuscht worden, so Philipp, der sogar noch einen Schritt weiter geht: „Ich glaube, dass man diese Dimension der Verschleierung ohne kriminelle Energie gar nicht erreichen kann.”

Apropos: Seit Freitag ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen „Verantwortliche” des Klubs, nachdem eine Strafanzeige wegen des Verdachts der Insolvenzverschleppung und anderer Straftaten dort eingegangen war.

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