Aachen: OB Philipps Alleingang im Rotlichtbezirk

Aachen: OB Philipps Alleingang im Rotlichtbezirk

Oberbürgermeister Marcel Philipp macht genau das, wofür er jüngst im Stadtrat gestimmt hat. Er sucht mit Hochdruck Alternativstandorte für die Bordellbetriebe in der Antoniusstraße. Raus mit dem Puff aus der Innenstadt, lautet sein Motto.

Da liegt er ganz auf einer Linie mit Polizeipräsident Dirk Weinspach, der das zuletzt vehement gefordert hat. Philipp liegt auch auf einer Linie mit der FDP, die den Rotlichtbezirk lieber auf der grünen Wiese sähe. Und der OB liegt auf einer Linie mit den Investoren Norbert Hermanns und Gerd Sauren, denen ein Großteil der Immobilien im „Altstadtquartier Büchel“ nebst Parkhaus gehört und die mit viel Geld das zentrale Viertel aufmöbeln sollen.

Mit oder ohne Bordelle? Die Frage, ob die Aufwertung des Altstadtquartiers Büchel zwischen ehemaligem Kaufhaus Lust for Life (1), Parkhaus Büchel (2) und Großkölnstraße (3) mit einem Laufhaus in der Antoniusstraße (4) gelingt, treibt OB Marcel Philipp um. Während die Politik auf einen entsprechenden Ratsbeschluss pocht, sucht er nach Alternativstandorten. Derweil treten die Investoren auf die Bremse: In der Mefferdatisstraße werden wieder leere Ladenlokale zur Vermietung angeboten (kleines Bild), die zum Plangebiet gehören. Foto: Michael Jaspers

Doch damit hört es auch auf. Denn das Dumme ist: Der Oberbürgermeister liegt ganz und gar nicht auf einer Linie mit der weit überwiegenden Mehrheit des Stadtrats. Die hat bei besagter Abstimmung erneut zementiert, was schon vormals beschlossen wurde: Die Bordelle sollen bleiben und in einem Laufhaus konzentriert werden. Zudem soll der Bebauungsplan für die Flächen nach dem Ergebnis des längst über die Bühne gegangenen städtebaulichen Wettbewerbs vorangetrieben werden.

Der OB hatte sich vor dieser Ratssitzung für einen Kompromiss ausgesprochen: Bebauungsplan bearbeiten, gleichzeitig Alternativstandorte für die Bordelle suchen. Doch diese Variante stand erst gar nicht zur Abstimmung, weil CDU und SPD beantragt hatten: entweder alles stoppen oder so weitermachen wie geplant inklusive City-Bordell. Für Letzteres stimmte fast der gesamte Rat. Auf dieses Votum pfeift Marcel Philipp jetzt aber, salopp gesagt. Dem Vernehmen nach soll er schon fast zehn Ideen für einen alternativen Bordellstandort aufgelistet haben.

Auf AZ-Anfrage bestätigt der OB seinen Solokurs in Sachen Rotlichtbezirk, sieht aber keinen Konflikt zur Beschlusslage des Rates. „Das kann parallel laufen“, sagt Philipp. Der Bebauungsplan müsse nicht zwingend die Bordellfrage beantworten, spätere Veränderungen seien durchaus möglich. Allerdings weiß der OB auch, dass er in der Politik isoliert dasteht: „Die Mehrheit will nicht nach Standorten suchen, ich habe da wohl eine andere Einschätzung als die meisten anderen.“

Auch diskutieren wolle mit ihm in der Politik niemand über seine Ideen: „Deshalb ist das meine eigene Liste.“ Nennen will Philipp seine Standorte, die dem Vernehmen nach von der Verwaltung geprüft werden, zurzeit öffentlich nicht, hält aber eine politische Diskussion darüber für notwendig. Denn: „Ich fürchte, dass wir uns am Büchel auf einen Stillstand zubewegen.“

Allerdings finden jene, die im Rat die breite Mehrheit für den Verbleib der Bordelle in der City gebildet haben, Philipps Alleingang im Rotlichtbezirk gar nicht witzig. So etwa sein Parteifreund Harald Baal, der bekundet, er habe davon erst durch den Anruf der AZ erfahren.

Es könne nicht sein, dass „durch solche Nebenaktivitäten die Planung, wie sie der Stadtrat beschlossen hat, torpediert wird“, sagt der CDU-Fraktionschef. Das laufende Bebauungsplanverfahren sei grundsätzlich „ergebnisoffen“. Am Ende könnte auch die Erkenntnis stehen, dass das Nebeneinander von familienfreundlicher Wohnbebauung und „Laufhaus“ nicht machbar ist. Aber in dieses Verfahren könne man „nicht willkürlich eingreifen“.

Auch der Koalitionspartner SPD reagiert äußerst verschnupft: „Das kann der OB gerne in seiner Freizeit machen, wenn er dazu noch Zeit findet“, ärgert sich Fraktionschef Michael Servos. „Aber der OB entscheidet das nicht, sondern die Politik.“ Zumal sich an den Rahmenbedingungen nichts geändert habe. Zum Beispiel an den sozialen Gründen für den Verbleib der Bordelle in der City. Der OB riskiere das Gelingen der Quartiersaufwertung und müsse letztlich ein Scheitern „auf seine Kappe nehmen“.

Die Investoren hätten indes die Planung — auch in der Wettbewerbsjury — mit abgesegnet. „Ich gehe davon aus, dass sie Wort halten. Sie wollen ja auch an anderer Stelle der Stadt noch bauen. Es dürfte ihnen an einem guten Verhältnis zur Politik gelegen sein“, so Servos unmissverständlich. Michael Rau (Grüne) meint gar: „Man muss sich langsam die Frage stellen: Wem gehört eigentlich die Stadt?“ Es sei nicht das erste Mal, dass klare Ratsbeschlüsse nicht umgesetzt würden. „Wenn demokratische Spielregeln nicht mehr eingehalten werden, dann ist das eine Entwicklung, die man sich auf der Zunge zergehen lassen muss.“

Philipp dagegen sagt, er sei in Sachen Büchel in Sorge. „Es fällt mir schwer, mir vorzustellen, dass dort in eine Situation investiert wird, die man nicht will“, begründet er seine Angst, dass dort einmal mehr alles im Stillstand erstarrt. „Und damit meine ich zum Beispiel, dass ich mir keinen Kindergarten neben einem Laufhaus vorstellen kann.“ Womit er wieder auf einer Linie mit den Investoren ist.

Auf Anfrage sagt Kolja Linden, Sprecher von Herrmanns‘ Landmarken AG, zur Puff-Problematik zwar nicht, dass die Pläne ohne Verlagerung platzen würden. Aber: „Klar ist, dass es eine sehr deutliche bauliche und optische Trennung des Bordellbetriebs von der anderen Bebauung geben muss.“ Übersetzt: eine Abschottung des Laufhauses. Just dagegen aber stemmt sich die Polizei mit massiven Sicherheitsbedenken.

Generell sieht es zurzeit nicht so aus, als würden die Investoren auf die Tube drücken. In leerstehenden Geschäftslokalen in der Mefferdatisstraße, die zum Plangebiet gehören, hat die Landmarken AG wieder „Zu vermieten“-Plakate aufgehängt. Und auf Anfrage teilt Stefan Herrmann vom städtischen Presseamt mit, dass von den Investoren ein wichtiger Termin abgesagt worden sei, bei dem der Kompromiss über die Büchelplanung mit Laufhaus verbindlich vertraglich fixiert werden sollte — ohne Angabe von Gründen. „Und es gibt auch keinen neuen Termin“, sagt Hermann.

Derweil versuchten die städtischen Planer, am Büchel voranzukommen — im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Der Wettbewerb für den Bereich des Parkhauses Büchel, der bis Jahresende starten soll, sei weitgehend vorbereitet, sagt Herrmann. Ausgelobt wird er aber von den Investoren — also von jenen, die den Vertragsschluss erst einmal verschoben haben.

Auch im Bebauungsplanverfahren gibt es einen kleinen Aufschub. Bis Mitte Juli lief die frühzeitige Beteiligung der Öffentlichkeit, auch die Träger der öffentlichen Belange wurden um Stellungnahmen gebeten. Nur einer bat um Fristverlängerung — nach AZ-Informationen war dies die Polizei. Während der OB mit Hochdruck nach Alternativstandorten für die Bordelle sucht, treten andere offenbar bei einer Büchelplanung inklusive Laufhaus eher auf die Bremse.

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