Aachen: NS-Opfer kehren zurück im „Zug der Erinnerung”

Aachen: NS-Opfer kehren zurück im „Zug der Erinnerung”

Dieser Zug kommt nie zu spät - so könnte man die Botschaft der Verantwortlichen von Stadt und katholischer Kirche in der Region auf den Punkt bringen.

Vom kommenden Sonntag, 3. April, bis Mittwoch, 6. April, macht der „Zug der Erinnerung” auf Gleis 6 des Hauptbahnhofs Station. Und hunderte vor allem junge Menschen haben bereits „reserviert”, um das authentische Lehrstück über eine menschenverachtende Mordmaschinerie zu erleben, die vor rund 70 Jahren auch durch Aachen gerollt ist. Ziel: die Todeslager der NS-Diktatur im Osten des „Dritten Reichs” und in Polen.

„Wir alle wissen, dass rund sechs Millionen Menschen durch Terror und Krieg der Nationalsozialisten ihr Leben verloren haben. Noch weniger zu begreifen ist aber, dass darunter rund zwei Millionen Kinder waren”, sagte Bürgermeister Björn Jansen am Dienstag im Vorfeld der mobilen Ausstellung, die bereits 2008 tausende Aachener beeindruckt hat. Denn immer mehr Namen und Schicksale der jüngsten, während des Krieges aus den westdeutschen Städten deportierten Juden sind im „Zug der Erinnerung” dokumentiert.

„Greifbar wird das Unfassbare wohl erst, wenn man es mit Gesichtern und individuellen Geschichten in Verbindung bringt”, sagte Jansen. Und so übernahm die Stadt einmal mehr die Hälfte der Kosten - insgesamt rund 20.000 Euro - die für die rollende Ausstellung aufgebracht werden müssen. Die andere Hälfte - und vor allem die Organisation des Projektes vor Ort - trägt nicht von ungefähr die Region Aachen-Stadt im Bistum. Denn auch die Kirche, unterstrich Regionaldekan Josef Voß am Dienstag im Rathaus, habe allzu oft weggeschaut, wenn die traurigen Kolonnen der Rechtlosen bei helllichtem Tag durch die Straßen getrieben und in die Konzentrationslager gezwungen wurden. „Die NS-Schmierereien an der Synagoge vor wenigen Tagen und die Verunstaltung des jüdischen Friedhofs mit Nazi-Symbolen im vergangenen Jahr zeigen, dass offenbar gerade manche junge Leute, auch und gerade in der Region, für die Parolen der Hitlerzeit wieder empfänglich sind”, meinte Voß. Und Rabbiner Max Bohrer unterstrich im Namen der Jüdischen Gemeinde: „Ich glaube, wenn Erwachsene und junge Menschen die Schau gemeinsam besuchen, können wir am ehesten erreichen, dass sich Ereignisse wie dieses nicht wiederholen.”

Umso erfreulicher für Gerd Mertens und Udo Breuer, die das Gastspiel des „Zugs der Erinnerung” betreuen, dass sich schon jetzt rund 80 Jugendgruppen und Schulklassen für die Ausstellung angemeldet haben. „Vor drei Jahren mussten wir mangels Kapazität leider viele abweisen”, erklärte Mertens. „Diesmal bleibt der Zug einen Tag länger, und wir gehen davon aus, dass rund 10.000 Besucher kommen werden.” Als „handfesten Skandal” bezeichnete Breuer, dass die Deutsche Bahn nach wie vor saftige Gebühren für die Nutzung der Gleise kassiere - mindestens 1000 Euro würden da pro Tag fällig.

„Damals hat sie an den KZ-Transporten verdient”, kritisierte der Referent des Regionaldekans, „heute verdient sie nochmals daran.” Komme hinzu, dass der Zug diesmal nicht, wie vordem, auf Gleis 1 Station machen dürfe. „Dort wären die Bedingungen ideal, weil die Bahnhofsmission direkt daneben liegt und der Reiseverkehr nicht gestört würde.” Dennoch habe die DB lediglich das Gleis Nummer 6 zur Verfügung gestellt - Begründung laut Breuer: Andernfalls seien Verspätungen von vier bis sechs Minuten zu befürchten.