Aachen: Notunterkunft Barbarastraße: Massive Kritik der Eltern an Stadt

Aachen : Notunterkunft Barbarastraße: Massive Kritik der Eltern an Stadt

Es hat weniger Widerstand gegeben, als zu erwarten war — das hat Sozialamtsleiter Heinrich Emonts Anfang der Woche gesagt. Und zwar, als in der Turnhalle der Grundschule Barbarastraße gerade Betten für bis zu 40 Flüchtlinge aufgebaut wurden.

Laminatboden war zuvor ebenfalls bereits verlegt worden — und dass die Turnhalle zur Notunterkunft für Flüchtlinge wird, hatte die Stadt in einer Pressekonferenz schon in der Woche davor mitgeteilt. „Klar gab es keinen Widerstand, den konnte es auch gar nicht geben. Denn wir haben davon bis Anfang der Woche gar nichts gewusst“, ärgert sich Petra Reitz, deren Kind die Schule besucht.

Jetzt steht sie zusammen mit Bülent Lortoglu, Nicole Szwaiczyk, Sabine Kneer, Sevilay Eroglu und Katharina Schulz vor dem Eingang der Schule — stellvertretend für alle Eltern der 56 Kinder, die in der Barbastraße unterrichtet werden, wie sie sagen. Denn jetzt hat sich der Widerstand formiert, und zwar ganz massiv.

Die Eltern betonen ausdrücklich, dass es dabei nicht etwa um die Flüchtlinge geht. „Es ist für uns alle eine Selbstverständlichkeit, dass den Menschen auf der Flucht geholfen wird“, sagen sie unisono. Hier gehe es um etwas ganz anderes. Denn noch vor einem Jahr tobte der Kampf um den Erhalt der Schule. Die Verwaltung hatte schon vorgeschlagen, die Grundschule Barbarastraße zu schließen. Dem widersprachen dann aber die Politiker mit breiter Mehrheit.

„Das Stadtviertel braucht diese Schule. Wir erhalten die Grundschulen in Horbach und in der Siedlung Preuswald. Das müssen wir aber auch für das Ostviertel tun“, hieß es damals von CDU, SPD und Grünen. Die Schule blieb als „Ableger“ der Grundschule Brühlstraße in Eilendorf erhalten. Der Rettung folge nun aber der Niederschlag, sagen die Eltern. Die Anmeldungen fürs nächste Schuljahr stehen bevor. Da sei es höchst fraglich, ob jemand sein Kind auf eine Schule schicke, die auf unabsehbare Zeit keine Turnhalle mehr habe. So lange müssen die Schüler nämlich zwecks Turnunterricht zur Brühlstraße gekarrt werden.

Viele Eltern haben schon überlegt, ihr Kind dort ab- und anderswo anzumelden. „Aber das ist auch nicht der richtige Weg. Wir müssen weiter um unsere Schule kämpfen“, sagt Petra Reitz. Bülent Lortoglu wiederum ist selber schon in der Barbarastraße zur Schule gegangen. Er will ihr aber den Rücken kehren, wenn die Stadt nicht von ihren Plänen ablässt. Damit sie das tut, seien schon Briefe an alle möglichen Stellen herausgegangen — bis hin zum OB.

Genug Platz in leeren Gebäuden

Die Eltern bringen noch weitere Argumente gegen das Umfunktionieren der Turnhalle als Flüchtlingsunterkunft: Die Schule sei wegen der Anmeldezahlen weiterhin in Gefahr, ihr Ruf sei schlecht. Völlig zu unrecht, wie Bülent Lortoglu sagt. Die Lehrer seien sehr gut, das pädagogische Konzept auch. Lediglich gebe es keine Schulleitung vor Ort, weil diese in der Brühlstraße sitze. Das müsse sich ohnehin ändern. Und er fügt hinzu: „Wir kämpfen doch gerade darum, nach der Rettung auch den Ruf der Schule zu verbessern“, unterstreicht Lortoglu. Da müsse sich die Stadt schon fragen lassen, warum diese Notunterkunft nun einmal mehr im Ostviertel entstehe.

Emonts hatte das mit fachlichen Kriterien begründet — etwa mit der Belegungsquote der Halle. Die Eltern bezweifeln das und meinen: „Die Verwaltung macht es sich einfach. Im Südviertel würde wohl nie jemand auf den Gedanken kommen.“ Überhaupt müsse gar keine Turnhalle umgewidmet werden, es gebe auch so ausreichend leerstehende Räume für diesen Zweck. So etwa am Kronenberg oder auch in der ehemaligen Hauptschule Franzstraße.

Offiziell unterrichtet worden seien sie übrigens erst am Mittwoch mit einem Schreiben der Verwaltung. Darin sei auch die Rede von einem separaten Eingang der Notunterkunft und eine getrennte Zuwegung nebst Zaun gewesen, damit die Flüchtlinge nicht immer über den Schulhof gehen müssen. Davon sei allerdings noch rein gar nichts zu sehen, berichtet Katharina Schulz. Die Eltern stehen übrigens mit ihrer Meinung nicht alleine da: „Mit der Entscheidung, die Turnhalle als Notunterkunft zu nutzen, dürfte das Ende der Grundschule Barbarastraße besiegelt sein. Ein Konzept zur Standortsicherung sieht anders aus“, schreibt zum Beispiel Rolf Strauß aus Eilendorf in einem Brief an unsere Redaktion.

Diese Woche keine Flüchtlinge

Die Eltern hoffen aber noch, dass die Stadt trotz der bereits erfolgten Umbauten ihre Pläne ad acta legt. Eine Mitteilung der Stadt von Donnerstag verschafft der ganzen Sache zumindest etwas Luft. Darin heißt es, dass diese Woche keine der 32 am Freitag erwarteten Flüchtlinge nach Rothe Erde kommen. Man habe sie anderweitig untergebracht. In der Mitteilung heißt es, die Halle sei „prophylaktisch“, also vorsorglich hergerichtet worden. Der Arbeitsgruppe der Stadt bleibe jetzt „eine weitere Woche Zeit, neue Räumlichkeiten zu finden bzw. herzurichten“. Es würden gerade verschiedene Objekte, die auch kurzfristig zur Verfügung stehen könnten, geprüft. Auch will man auf Bund und Land zugehen und diese „in die Verantwortung nehmen“ mit Blick auf deren leerstehende Gebäude.

Schon länger schwelt zum Beispiel die Diskussion über das ehemalige Landesstraßenbauamt an der Adenauerallee. Zudem habe der zuständige Dezernent Manfred Sicking Vertreter der Kirchen und Wohlfahrtsverbände für kommende Woche zu einem Runden Tisch eingeladen. Man suche „dringend Unterstützung in den Bemühungen um eine menschenwürdige Unterbringung“ der zu erwartenden Flüchtlinge. Menschenwürdig finden die Eltern übrigens die Unterbringung in der Turnhalle keineswegs.

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