Aachen: Nie wieder wegschauen, wenn Hass gesät wird

Aachen: Nie wieder wegschauen, wenn Hass gesät wird

Stille herrscht an diesem milden Montagabend im Krönungssaal des Aachener Rathauses. Denn vor 77 Jahren, am 9. November 1938, erlebte Deutschland eine Nacht der Unmenschlichkeit: 1400 Synagogen gingen in Flammen auf, 30.000 Menschen wurden verhaftet, über 400 ermordet.

Auch in Aachen hat die Reichsprogromnacht eine zertrümmerte Synagoge, ungezählte zerstörte Geschäfte, viele blutige Spuren hinterlassen. Bürgermeisterin Dr. Margrethe Schmeer, Jens-Peter Bentzin, Pfarrer und Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Aachen, Rabbiner Mordechai Bohrer, zahlreiche Gedenkende und Schüler der Maria-Montessori-Gesamtschule Aachen erinnerten aus diesem Anlass an die Opfer und gestalteten gemeinsam eine bewegende Feier.

Engagierter Appell, die Erinnerung wachzuhalten: Pfarrer Jens-Peter Bentzin sprach im Namen der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit. Foto: Andreas Schmitter

„Wir als junge Generation haben kaum direkten Bezug mehr zum damaligen Geschehen“, sagten die Schüler Leon, Fabio, Regina und Antonia. Die Vier haben sich im Geschichtsleistungskurs ein Jahr lang mit der NS-Zeit beschäftigt und hielten nun zusammen die traditionelle Gedenkrede im Namen der Jugend: „Zeitzeugen werden immer seltener, doch das Erinnern wollen wir nicht verlernen“, sagten sie. Es reiche nicht allein, die historischen Fakten zu kennen. Das Geschehen müsse persönlicher, greifbarer dargestellt werden, um ein Vergessen zu verhindern.

Und so erzählten die Schüler die Geschichte einer Aachener Zeitzeugin. Sie erzählten von der eigenen Exkursion ins berüchtigte Konzentrationslager Auschwitz. Und sie erzählten von ihren Fragen: „Wieso schaute ein Großteil der Gesellschaft weg?“ Sie erinnerten auch an die Anfänge, an Hetze, Vorurteile und Gewalt. Und ganz unvermittelt verwiesen die Jugendlichen mit ihren Gedanken auch auf brandaktuelle Ereignisse der Gegenwart: Die zeichneten ein Bild von hunderttausenden Flüchtlingen, die Schutz vor Zerstörung, Armut und Krieg suchen. Sie betonten, wie groß bei vielen die Bereitschaft zur Integration sei.

Und doch: Noch immer gebe es viele Menschen, die voller Hass und Vorurteile gegenüber anderen seien. „Wir können aus der Geschichte lernen“, sagten sie. Wir müssten derartige Hetzreden stoppen. Denn zu oft würden aus grausamen Worten grausame Taten.

Auch Pfarrer Bentzin sieht diese Parallelen. Er appellierte an seine Zuhörer, die Erinnerung wachzuhalten, sie in sich weiterleben und „den eigenen Geist zum Denkmal der Erinnerung“ werden zu lassen.

Ein letztes Intermezzo mit Darbietungen klassischer und jüdischer Musik von Studierenden der Musikhochschule Aachen erklang. Vor 77 Jahren, am 9. November 1938, erlebte auch Aachen eine Nacht der Unmenschlichkeit. Viele Fragen bleiben bis heute — und die Pflicht zum Widerstand gegen den Ungeist des Hasses. Auch das Gedenken wird deshalb immer wichtig bleiben.

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