Nicht nur in Aachen müssen Fahrschüler lange auf Prüftermine warten

Lange Wartezeiten für Prüftermine : Fahrlehrer kritisieren massiv den TÜV Rheinland

Ging vor einigen Monaten noch ein Rumoren durch die hiesigen Fahrschulen, dürfte es mittlerweile ein Erdbeben sein. So bezeichnet zumindest Ralf Dovermann den Prüfungsstau, den die Fahrschulen vor sich hertreiben. Der Grund: Der TÜV Rheinland kommt mit den Terminen nicht hinterher.

Bereits im November hatte der Aachener Bezirksvorsitzende des Fahrlehrerverbandes Nordrhein Alarm geschlagen, weil der TÜV wegen eines „überdurchschnittlich hohen“ Krankenstandes etliche Termine für Führerscheinprüfungen ausfallen ließ. Verbessert habe sich die Situation seitdem nicht. Im Gegenteil. Seit Januar habe sie sich sogar noch massiv verschärft.

Zwei Wochen im Voraus müssen Fahrschulen über ein Online-Portal Prüftermine anmelden. Normalerweise sei dieser Termin auch mit einer Abweichung von ein bis zwei Tagen zu bekommen. „Jetzt müssen wir vier bis fünf Wochen auf einen Termin warten“, kritisiert Dovermann. Im Juni habe der TÜV sogar drei Wochen komplett für Prüfungen gesperrt. Nur sogenannte Überhangprüfungen hätten stattgefunden. Zum Vergleich: „Die Fahrschule Dovermann gibt es seit über 50 Jahren. Noch nie haben wir eine Woche ohne Prüfungen gehabt.“ Die Situation sei entsprechend „schwierig“, sagt Dovermann, der in seinem Bezirk für rund 150 Fahrschulunternehmer spricht. Derweil wächst der Berg der abzunehmenden Prüfungen weiter. Dabei fängt die Urlaubszeit gerade erst an.

„Für uns ist das eine Katastrophe“, sagt Matthias von Helden, Leiter der Fahrschule von Helden mit drei Standorten in Aachen. Nicht nur kämen auf seine Fahrschüler Mehrkosten von 200 bis 300 Euro hinzu, weil sie zusätzliche Fahrstunden nehmen müssen, um nicht aus der Übung zu geraten. Auch für die Fahrschulen selbst sei der organisatorische Aufwand enorm. „Wegen der neuen Wartezeiten werden Fahrschüler nicht fertig, und andere können nicht anfangen“, erläutert von Helden. Mit Zusagen an seine Fahrschüler hält er sich mittlerweile zurück. „Niemand weiß, wann er einen Termin bekommt.“ Besonders brisant sei das vor allem für jene, die aus beruflichen Gründen dringend einen Führerschein brauchen. Auch bei der Arbeitsagentur Aachen-Düren ist das Thema mittlerweile bekannt, wie Pressesprecher Klaus Jeske auf Anfrage bestätigt. So müssten Bildungsmaßnahmen verlängert werden, weil Fahrschüler, denen der Führerschein von der Arbeitsagentur bezahlt wird, ihre Prüfung nicht ablegen können. Die Kosten dafür übernimmt der Steuerzahler.

Ralf Dovermann, Aachener Bezirksvorsitzender des Fahrlehrerverbandes, beschreibt die prekäre Situation als „Erdbeben“. Foto: ZVA/Harald Krömer

Neben der allgemeinen Personalknappheit beim TÜV Rheinland erschwert wohl auch eine Veränderung in der Organisationsstruktur die Lage: Zum Januar 2019 wurde der TÜV Rheinland zu drei großen Gebieten zusammengefasst, unter anderem die Standorte Aachen und Bonn wurden zusammengelegt, erläutert Dovermann. Die Disposition für den gesamten Raum Aachen, zu dem neben der Städteregion auch Heinsberg, Düren und Schleiden gehören, und dem gesamten Bereich Bonn, der bis nach Niederkassel reicht, liegt seitdem in Bonn. „Das hat die Situation deutlich verschärft“, sagt Dovermann. „Telefonisch erreichen kann man seitdem fast niemanden mehr.“ Auch für die Presse ist die Rheinland-TÜV-Zentrale in Köln am Dienstag trotz mehrfacher Nachfragen nicht zu sprechen. Im November bezifferte ein Unternehmenssprecher die Prüfungstotalausfälle auf etwa 40 bei insgesamt bislang 20.250 Prüfungen im Jahr 2018.

Mittlerweile hinterfragt Dovermann auch die Monopolstellung des TÜV bei der Abnahme von Fahrprüfungen. „Der Kunde muss bedient werden.“ Und wenn der TÜV dies nicht bewältigen könne, müssten Alternativen her. Matthias von Helden fordert das Ende der Monopolstellung ganz offen: „Wenn der TÜV es nicht kann, dann muss es jemand anderes machen.“ In Berlin, in dem neben dem TÜV auch die Dekra Führerscheinprüfungen abnimmt, sei das Problem in dieser Form nicht bekannt. Derweil müssten längst nicht nur im Raum Aachen Fahrschulen und Fahrschüler lange auf Prüftermine warten. Auch in Köln, Düsseldorf, Wuppertal und Mönchengladbach gibt es nach Angaben der Fahrlehrer lange Wartezeiten.

Wie der TÜV den Prüfungsstau zeitnah abarbeiten will, ist unklar. Im November hatte die Zentrale gegenüber unserer Zeitung versprochen, bis Ende 2018 eine zusätzliche Prüfstelle zu schaffen. Damit wäre die Anzahl der Prüfer am Standort Aachen auf 15 gewachsen. Ob dies geschehen ist, ist am Dienstag bis Redaktionsschluss nicht zu erfahren.

Von Helden glaubt jedenfalls nicht, dass es ein kurzfristige Lösung für das Problem gibt. Seine kurzfristige Hoffnung ist ganz pragmatischer Natur: Mindestens drei Termine benötige er in der ersten Juliwoche. Sonst müssten einige seiner Fahrschüler nämlich nicht nur weiter Fahrstunden nehmen. Sondern auch noch die theoretische Fahrprüfung nachholen, weil die Ein-Jahres-Frist verstrichen sei.

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