Neunte Auflage der Krimitage in Aachen eröffnet

Ausverkaufte Veranstaltung im Franz : Joe Bausch zieht Zuhörer in seinen Bann

Mit Gangster-Geschichten aus dem Knastalltag hat der bekannte Tatort-Pathologe die 9. Aachener Krimitage eröffnet.

„Wenn du wissen willst, wie es um die Gesellschaft steht, dann schau dir die Gefängnisse an.“ Mit diesen knappen Worten macht Joe Bausch deutlich, dass sich die Dinge auch hinter den Mauern durchaus verändern. Und ein Blick in ein Hochsicherheitsgefängnis wie das in Werl lohne allemal.

„Hier wird alles abgeladen, was in der Gesellschaft nicht mehr funktioniert“, sagt er und nennt auch Zahlen. Demnach sind unter den Strafgefangenen immer mehr Drogenabhängige, und nur wenige können auf eine qualifizierte Berufsausbildung zurückgreifen (einer von zehn). Während Joe Bausch vor dem ausverkauften Saal im Franz mit seinen Geschichten aus seinem Buch „Gangsterblues aus dem Knastalltag“ immer mehr eintaucht in die Welt der Gangster, hängen die Zuhörer förmlich an seinen Lippen.

Seelische Abgründe

Über die vielen, pointiert erzählten Geschichten und Anekdoten aus dem Knast gerät fast in Vergessenheit, dass all das eigentlich gar nicht lustig ist. „Es ist nicht zum Lachen im Gefängnis“, sagt er dann auch zwischendurch ganz unvermittelt streng: „Nicht, dass Sie hier den Eindruck bekommen!“

Er selbst hat 30 Jahre als Gefängnisarzt gearbeitet und dabei ganz offensichtlich in viele seelische Abgründe geschaut. Er kommt unter anderem zu dem Schluss: „Es gibt Menschen, die gehen über Leichen. Ich weiß das. Aber ins Gefängnis gehen die nicht.“ Gerade die größten Verbrecher finden demnach immer Mittel und Wege, um sich der Strafe zu entziehen.

Die drei älteren Herren, die wider Erwarten nach ihrer Entlassung dann doch erneut als Juwelenräuber unterwegs sind, gehören laut Bausch zu einer ganz anderen Kategorie. Keiner hätte erwartet, dass sie es in ihrem fortgeschrittenen Alter riskieren würden, noch einmal ins Gefängnis zu kommen, erzählt Bausch. Doch Paule, Arne und Ralle planen draußen das eine oder andere neue „Projekt“ und blühen dabei förmlich auf: „Jeder von uns kann ja was“, sagen sie und gehen deshalb ein letztes Mal auf „Tour“. Nur wenige Monate später sitzen sie wieder ein.

Und während solche Geschichten nahezu rührend wirken und den Zuhörer in harmlose Gangsterromantik eintauchen lassen, geht es auch ganz anders: Wenn beispielsweise ein kraftstrotzender Schrank von einem Mann im Kraftraum des Gefängnisses entmannt wird, indem ihm beim Training eine Hantel brutal zwischen die Beine gerammt wird. „Doc, es hat schon den richtigen getroffen und an der richtigen Stelle“, ist der Kommentar, den Bausch später dazu hört. Maßlose Gewalt gehört zum Knastalltag, und auch wenn die Angelegenheit akribisch untersucht wird, ist kein Schuldiger zu finden. Eine Mauer des Schweigens verurteilt jede weitere Untersuchung zum Scheitern.

Sexualstraftäter, Mörder, Dealer und Gangster der alten Schule sitzen in Werl ein und sollen dort eigentlich zu besseren Menschen werden. Resozialisierung oder einfach nur Sozialisierung: Das ist laut Joe Bausch der Plan. Er stellt in seinem jüngsten Buch „Gangsterblues aus dem Knast­alltag“ einzelne Menschen und ihre Schicksale vor. Und aus diesen vielen kleinen Mosaiksteinchen ergibt sich ein Bild des Strafvollzugs.

Aufmerksamer Beobachter

Joe Bausch wertet nicht, er ist ein aufmerksamer Beobachter, der einige der vielen Menschen, denen er im Gefängnis begegnet ist, mit ihrer jeweiligen Tat vorstellt: Den Mörder, der seine Familie auslöscht, und dann seiner Geliebten im Bett ganz beiläufig davon erzählt; der junge schwarze Dealer, der als große Fußballhoffnung ins Land kam und dann aus gesundheitlichen Gründen scheitert; der arrogante Betrüger, der plötzlich Millionen erbt und sich die Freiheit erkauft ... Bausch steht vor seinem Publikum und erzählt und erzählt, und dann plötzlich erinnert er sich: „Das ist ja eine Lesung hier, ich werde jetzt auch etwas lesen, damit sie sehen, dass ich das kann ...“

Vor allem kann er auch das Publikum in seinen Bann ziehen. Die Geschichten aus dem Knastalltag faszinieren und bringen die Zuhörer immer wieder zum Lachen, auch wenn sie sehr wohl wissen, dass das eigentlich alles gar nicht so lustig ist. Zweifelsohne hatte Walter Vennen von der Buchhandlung Schmetz am Dom, der gemeinsam mit vielen anderen Buchhändlern Veranstalter der Krimitage ist, recht, als er gleich zu Beginn sagte: „Joe Bausch ist der beste Mann, um die neunten Aachener Krimitage zu eröffnen.“

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