Aachen: Neues Sozialraumteam soll Kinder schützen

Aachen : Neues Sozialraumteam soll Kinder schützen

Verprügelt der Nachbar sein Kind? Hat der Zweijährige bei eisigen Temperaturen nur ein T-Shirt an? Besteht der Verdacht von Kindesmissbrauch? Unter der Kinderschutz-Hotline 432-5151 kann man das dem Jugendamt der Stadt Aachen melden.

Seit 2003 nimmt die Stadt hier 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche Meldungen über Kindeswohlgefährdungen entgegen. Daran wird sich bis auf weiteres auch nichts ändern — allerdings werden ab dem 11. Juni die Mitarbeiter des neu gegründeten Kriseninterventionsdienstes den Hörer abnehmen. Damit nimmt ein weiteres Sozialraumteam vom Fachbereich Kinder, Jugend und Schule mit neun Mitarbeitern die Arbeit auf.

Es wird das neunte Team sein, das sich dann ausschließlich um die Fälle kümmert, in denen entschieden werden muss, ob das Kind noch in der eigenen Familie bleiben kann oder zum eigenen Schutz vielleicht doch — zumindest vorübergehend — in Obhut genommen wird. „Zum einen sind die Mitarbeiter des Sozialraumteams IX speziell für solche Einsätze geschult, zum anderen entlastet es die anderen Teams. Denn bei einer drohenden Kindeswohlgefährdung steht alles andere still“, erläuterte die Abteilungsleiterin „Jugend“, Brigitte Drews, die Entscheidung für die Umstrukturierung.

Neben fünf Teams, die tatsächlich Sozialräumen zugeordnet sind, gibt es derzeit bereits drei Spezialteams: für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, für die Betreuung von Pflegefamilien und Pflegekindern sowie für Kinder mit seelischen Erkrankungen. Der Kriseninterventionsdienst wird das vierte Spezialteam des Jugendamtes sein. Insgesamt beschäftigt der Fachbereich Kinder, Jugend, Schule jetzt 115 Mitarbeiter in diesem Bereich, vier mehr als bisher.

Im vergangenen Jahr wurde die Kinderschutz-Hotline 1106 Mal gewählt. Hinter 650 bis 700 Fällen steckte ein begründeter Verdacht, dem das Jugendamt gezielt nachging. In etwa 450 Fällen griffen Hilfen zur Erziehung — etwa zehn Prozent der Hilfen zur Erziehung insgesamt.

In weniger als 100 Fällen wurde das gefährdete Kind langfristig anderweitig untergebracht — in erster Linie in Pflegefamilien. Diese Zahlen sind in den vergangenen Jahren gestiegen. Was für Heinrich Brötz, Fachbereichsleiter Kinder, Jugend und Schule, insofern eine gute Nachricht ist, weil er die Sensibilität bei Bürgern sowie bei Kooperationspartnern wie Polizei, Krankenhäusern und Betreuungseinrichtungen gestiegen sah. „Die Menschen schauen heute eher hin als vor zehn Jahren“, glaubte er.

2014 gab es einen Mord an einem Kind. Seither nicht mehr. „Allerdings war es manches Mal knapp. Und wir sind auch nicht davor gefeit“, kennt Drews die Grenzen des Kindesschutzes. Umso wichtiger ist, dass alle die Augen offen halten und keine falsche Scham haben.

Malte Mommertz hat die Teamleitung des Sozialraumteams IX übernommen. Seine acht Mitarbeiter — davon zwei Männer — haben sich freiwillig für die Mitarbeit im Kriseninterventionsdienst entschieden. Zunächst soll diese Struktur zwei Jahre bestehen. Dann wird überprüft, ob sie sinnvoll ist. „Dann werden wir auch wissen, wie lange man diese Arbeit — immer mit den härtesten Fällen konfrontiert — machen kann“, sagte er. „Sicherheitshalber haben wir neben Supervision und Fortbildungen aber auch eine Ausstiegsklausel. Die gilt für alle Mitarbeiter der Sozialraumteams, aber für den Kriseninterventionsdienst bevorzugt.“

Zu erreichen ist der Kriseninterventionsdienst über die Hotline 432-5151, per Email an kriseninterventionsdienst@mail.aachen.de oder persönlich im Bezirksamt Eilendorf, Heinrich-Thomas-Platz 2 (montags bis donnerstags von 8 bis 17 Uhr, freitags von 8 bis 13 Uhr). Dort wurde auch ein spezieller Raum eingerichtet, in dem Kinder vor ihren Peinigern vorübergehend in Schutz genommen werden können.

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