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Aachen: Neues Aachener Kurhaus wird Tag für Tag teurer

Aachen : Neues Aachener Kurhaus wird Tag für Tag teurer

Zeit ist Geld. Würde es diese Weisheit nicht geben, dann müsste man sie beim Thema Neues Kurhaus erfinden. Denn während die Uhr tickt, wird die Sanierung des Prachtbaus an der Monheims-Allee teurer und teurer und teurer.

Als würde es noch nicht reichen, dass die geschätzten Kosten von einst kalkulierten rund 20 Millionen auf 40 Millionen Euro explodiert sind, so spielt eben auch noch die Zeit gegen den städtischen Etat. Bei rekordverdächtigen sechs Prozent pro Jahr liegt derzeit die Steigerung des Baukostenindexes. Das bedeutet: In einem Jahr wird das heiß diskutierte Projekt nochmals um satte 2,4 Millionen Euro teurer. Macht Tag für Tag 6575 Euro und 34 Cent. Tendenz steigend.

Denn erstens klettert der Index weiter. Und zweitens geht man in der Politik davon aus, dass unter dem Strich inklusive Einrichtung sogar 50 Millionen Euro stehen werden. Was dann pro Tag schon 8219 Euro und 18 Cent mehr bedeuten würde. Quasi fürs Nichtstun. Da sollte man annehmen, dass nun ruckzuck eine Entscheidung über die künftige Nutzung getroffen wird. Pustekuchen.

Ein Votum des Rates darüber ist noch nicht in Sicht. Für viele Politiker gibt es angesichts der Tragweite dieser Entscheidung noch zu viele offene Fragen. Selbst innerhalb der Ratsmehrheit aus CDU und SPD wird alles andere als ein gemeinsamer Kurs gesteuert.

Dienstags Beratung

Am Dienstag wird mal wieder beraten. Diesmal im Betriebsausschuss für das Eurogress. Das spielt in den meisten Überlegungen eine zentrale Rolle, da das Veranstaltungszentrum dringend weitere Raumkapazitäten braucht. Eine Variante wäre, dass das Eurogress das Kurhaus zum allergrößten Teil nutzt und es dort auch einen Saal mit rund 800 Plätzen geben würde. Im Obergeschoss könnte das Standesamt standesgemäß unterkommen, einen Gastronomiebereich soll es geben — und einen Club im Keller.

Eine andere Variante sieht ähnlich aus. Allerdings mit einer für das Eurogress wesentlichen Änderung, nämlich einem „Klangflügel“. Der Name ist angelehnt an die „Klangbrücke“, deren — vor allem kulturelle — Nutzer im Kurhaus eine neue Heimat bekommen könnten. Die „Klangbrücke“ an der Komphausbadstraße steht nämlich den Planungen für das Areal des Bushofs buchstäblich im Weg. Aus der umfangreichen Vorlage für den Betriebsausschuss geht hervor, dass das Eurogress erstere Variante als die günstigere ansieht. Insbesondere aus betriebswirtschaftlicher Sicht.

Denn mit der Maximalexpansion könnte auch am meisten Geld — etwa mit Kongressen — eingenommen werden, was wiederum die enormen Finanzierungskosten des Projekts zumindest etwas kompensieren würde. Rechnen würde sich auch diese Lösung gleichwohl nicht annähernd. Auf den städtischen Etat kämen so oder so hohe Kosten zu. Zumal das Gebäudemanagement — dort wird mit der „Klangflügel“-Variante geliebäugelt — davon ausgeht, dass bei der „großen“ Euro-gress-Lösung die Kosten für die technische Ausstattung am höchsten sind.

Die SPD hat sich als erste Fraktion deutlich positioniert — in Richtung Eurogress. Der Mehrheitspartner CDU will da bisher noch nicht mitziehen. Es knirscht im Koalitionsgebälk. Die Christdemokraten sehen es so, dass die SPD unabgesprochen nach vorne geprescht ist. CDU-Fraktionsvorsitzender Harald Baal merkt ironisch an: „Ich bewundere jene, die zehn Minuten nach der Vorstellung der Pläne schon wissen, was sie wollen.“

Doch gerade nach Erfahrungen wie jener mit dem Tivoli seien „Schnellschüsse nicht angebracht“. Das Credo der CDU: „Gut geht vor schnell.“ Manche Variante sei noch gar nicht durchgeprüft. Etwa eine neue, bei der es Synergien zwischen dem Club und den „Klangbrücke“-Nutzern im Keller geben könnte. Erst wenn „der Zirkel komplett geschlagen ist“, so Baal, könne man Entscheidungen fällen. Und die CDU will eine mögliche Beteiligung privater Investoren nicht ausschließen.

Privatisierung für SPD tabu

Das ist für den Koalitionspartner ein rotes Tuch: „Für uns gibt es zwei Rahmenbedingungen: Es muss zügig eine Lösung gefunden werden. Und es gibt keine Privatisierung“, so SPD-Fraktionschef Michael Servos. Beides — und zudem eine Chance der Finanzierbarkeit — biete die Eurogress-Lösung. Deswegen drängt die SPD darauf, dass genau das jetzt in die konkrete Prüfung gegeben wird. „Man muss doch mal loslaufen“, so Servos, der damit auch OB Marcel Philipp (CDU) aus der Seele sprechen wird, der bereits im April wegen der davongaloppierenden Kosten zur Eile gemahnt hatte, derzeit aber vor allem von den eigenen Parteifreunden ausgebremst wird.

Michael Servos kontert in Richtung Harald Baal: „Wir haben nicht zehn Minuten überlegt, sondern uns sehr intensiv und seit einer langen Zeit mit dem Thema beschäftigt.“ Lösungen unter Einbindung von Privaten seien mehrfach vor die Wand gefahren. „Es ist doch naiv zu glauben, dass ein Privatinvestor einsteigt, ohne seine eigenen Vorstellungen durchsetzen zu wollen.“ Ob und wie es hier einen Kompromiss zwischen den Koalitionären geben kann, ist bislang also völlig offen.

Aus der Opposition heraus sind schon Grüne und Piraten in die Offensive gegangen — insbesondere mit der Privatisierungsoption. Grünen-Fraktionsgeschäftsführer Helmut Ludwig bekräftigt: „50 Millionen Euro — da fragt man sich, ob wir sonst keine Probleme haben. Man muss doch Prioritäten setzen.“ Und die sind seiner Ansicht nach zum Beispiel im krassen Wohnungsmangel und bei der Entwicklung des Bushofareals zu finden. Das Kurhaus hingegen sei ein „Nice-to-have“.

Ein Ende dieser Diskussion ist unterdessen nicht in Sicht. Im Stadtrat steht das Thema kommende Woche nicht auf der Tagesordnung. Ob es vor der Sommerpause noch etwas wird, ist äußerst fraglich. Derweil jeden Tag — so die Stadt am Ende das Projekt alleine stemmt — mindestens 6575 Euro in die Tonne gehauen werden. Und 34 Cent.