Aachen: Neuer CDU-Chef Brantin: Klare Ansagen auch an den OB

Aachen : Neuer CDU-Chef Brantin: Klare Ansagen auch an den OB

„100 Prozent wollte ich gar nicht haben“, sagt Holger Brantin schmunzelnd. Nach solchen Traumergebnissen hat mancher — siehe Martin Schulz — schon heftige Abstürze erlebt. Mit den 91,9 Prozent, mit denen der 54-Jährige am Freitag zum neuen Aachener CDU-Vorsitzenden und Nachfolger von Ulla Thönnissen gewählt wurde, ist er „uneingeschränkt zufrieden“.

102 Mitglieder gaben ihm ihre Stimme, neun stimmten gegen ihn. Diese Neun von sich zu überzeugen, sieht Brantin nicht als oberstes Ziel: „Ich wäre sehr zufrieden, wenn ich das Ergebnis halten kann.“ Was einigen Vorgängerinnen und Vorgängern aus verschiedenen Gründen — oft nach Querelen und Intrigen — nicht geglückt ist.

brueckmja15 30.01.2018 Brücke Horbacher Straße.

Auf den neuen Vorsitzenden, der auch Ratsherr und Bezirksvertreter in Richterich ist, kommen einige gewichtige Aufgaben zu. Das gilt sowohl CDU-intern als auch mit Blick auf kommunalpolitische Themen. Dabei schlägt er im Gespräch mit unserer Zeitung gleich einmal Pflöcke ein und vertritt konsequente Linien, die auch manchem Parteifreund nicht unbedingt gefallen werden. So hat er beim Thema Neubaugebiet Rich-tericher Dell denn auch völlig andere Vorstellungen als sein CDU-Vorstandskollege Marcel Philipp, seines Zeichens auch Oberbürgermeister. Ein Überblick:

Klare Vorstellungen: Aachens neuer CDU-Chef Holger Brantin.

CDU intern

„Ich hatte ja schon vor meiner Wahl gesagt, dass es vor allem darum gehen muss, Ruhe in die Partei zu bekommen“, sagt Brantin. Unter anderem geht es da um die Kreisgeschäftsstelle. Zwischen deren Mitarbeiter und Ex-Geschäftsführer Harro Mies und Brantins Vorgängerin war es zum offenen Bruch gekommen — ein Grund für ihren Rücktritt. Der neue Vorsitzende will intensive Gespräche mit den Mitarbeitern führen. Zudem ist der vakante Posten des Geschäftsführers — eine wichtige Schnittstelle — zu besetzen. Arbeitgeberin ist in diesem Fall die Landespartei. „Aber wir werden unsere Vorstellungen klar einbringen“, sagt Brantin.

Da sei er auch froh, dass mit Elke Eschweiler (neue Schatzmeisterin) eine Politikerin im geschäftsführenden Vorstand sitze, die in Richtung Land sehr gut vernetzt sei. Insgesamt sei der CDU-Vorstand auch aufgrund der Wahl von Annika Fohn, Vorsitzende der Jungen Union, „weiblicher und jünger“ geworden.

Bezirke

Nach den inhaltlichen Schwerpunkten befragt, nennt Holger Brantin diesen Punkt als ersten. „Mein Ziel ist es, die Bezirke und die Bezirksrathäuser weiter zu stärken.“ Vor allem gelte es, den angeschobenen Prozess fortzusetzen, vor Ort mehr Serviceleistungen als bisher anzubieten.

Richtericher Dell

Das geplante riesige Neubaugebiet zwischen Alt-Richterich und Horbach ist ein Thema, bei dem es für den Richtericher Brantin keine Kompromisslinie gibt: „Mit dem Bau von Richtericher Dell wird nur begonnen, wenn vorher die neue Umgehungsstraße fertig ist.“ Das Wort „Basta“ sagt er nicht. Aber er meint es so. Mehr noch: Die Umgehungsstraße, die die Horbacher Straße vom Ortsausgang von Alt-Richte-rich an künftig mit der Roermonder Straße verbinden soll, um den heute schon hoch belasteten Ortskern vor einem Verkehrskollaps zu schützen, müsse auch fertig sein, wenn 2020/21 die Eisenbahnbrücke an der Horbacher Straße abgerissen und erneuert werden muss. Anderthalb Jahre lang werde die Achse komplett gesperrt sein. Ohne Umgehung, so Brantin, würden dann Laurensberg, Vetschau und Uersfeld schwer belastet. Schnellstmöglich müsse der Bau der Umgehung beginnen.

Überhaupt kein Verständnis hat Brantin für die jüngst beim Forum von AZ und IHK getätigte Aussage von OB Marcel Philipp, man müsse in Richtericher Dell endlich vorankommen und den Wohnbau auch ohne fertige Ortsumgehung beginnen. Brantin dreht den Spieß um und kontert: „Es wäre schön, wenn die Verwaltung angesichts der bestehenden Beschlusslage bei diesem Thema endlich das Engagement zeigt, das wir erwarten können, und nicht durch solche Aussagen auch noch auf die Bremse drückt.“

Schule

Der dreifache Familienvater Holger Brantin ist schulpolitischer Sprecher der Ratsfraktion. Da gibt es auch einige dicke Bretter zu bohren. Etwa angesichts der Tatsache, dass der Ansturm auf die Gymnasien diese an die Kapazitätsgrenze bringt. „Vor einigen Jahren wurde überlegt, ein Gymnasium zu schließen. Heute muss man darüber nachdenken, ein neues zu bauen“, so Brantin. Gerade vor dem Hintergrund der Wiedereinführung des Abiturs nach neun Jahren müsse man in diesem Zusammenhang auch die weitere Entwicklung der Gesamtschulen, die vormals überrannt wurden, beobachten. Möglicherweise tendierten jetzt noch mehr Eltern zum Gymnasium. Weswegen Brantin bei der Forderung, noch eine fünfte Gesamtschule zu bauen, „eher zurückhaltend“ ist. Wobei er die Gymnasien in die Pflicht nimmt, die Kinder, die sie — oft auch ohne Gymnasialempfehlung — aufnehmen, auch zum Abitur zu führen. Stattdessen gebe es oft reihenweise „Abschulungen“ Richtung Haupt- und Realschule, deren Entwicklung man ebenfalls fest im Auge haben müsse.

Mobilität

Thema mögliche Dieselfahrverbote: Da müsse man Lösungen finden, „die für alle tragbar sind“. Es könne zum Beispiel nicht so sein, alles aufs Fahrradfahren zu konzentrieren: „Autos sind nun einmal da. Und auch für sie müssen Lösungen gefunden werden.“

Stadtentwicklung

Da kommt die nächste klare Ansage. Wenn es nämlich ums Altstadtquarter Büchel und dessen Zukunft geht: „Wir müssen eine konsequente Linie gehen. Störfeuer von rechts und links helfen nicht. Alle müssen mitziehen“, so Brantin. Der neue CDU-Vorsitzende sieht als Sozialpolitiker manchen Vorteil darin, die Bordelle gebündelt in der City zu belassen: „Deren Betreiber sind sicher keine Kandidaten für den Friedenspreis. Aber wir kennen sie. Das könnte auf der grünen Wiese ganz anders aussehen.“ Das Verfahren sei jedoch „ergebnisoffen“.

Unter dem Strich: Der neue CDU-Chef will es mit seinen klaren persönlichen Positionierungen keineswegs jedem recht machen. Auch nicht parteiintern. Mit 100 Prozent Zustimmung bei der nächsten Vorstandswahl dürfte es deswegen kaum etwas werden. Aber die sind für ihn ja ohnehin kein erstrebenswertes Ziel.