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Neuer Besitzer im Zacharias-Grill in Aachen

Zacharias-Grill im Frankenberger Viertel : Zwischen Spazierfrittchen und Gyros-Geheimrezept

Abschied und Neuanfang: Despina und Stavros Sidiropoulou verlassen den Zacharias-Grill im Frankenberger Viertel. Nachfolger Ljubomir Spiric will Bewährtes aber fortführen. Und am Sonntag gibt es ein großes Benefizessen in der urigen Taverne.

Vegetarier müssen jetzt ganz stark sein. Veganer sowieso. Und daher sollte zu Beginn eine kleine Warnung stehen. Es wird im Folgenden um Fleisch gehen, um viel Fleisch. Meist von Schweinen, gegrillt. Und es geht – in der Hauptsache – um Herz. Und davon ganz viel. Um menschliches Herz, um ganz viel Heimatliebe, um Lebensmut und eine riesige Portion Sympathie. Es geht um: Despina und Stavros Sidiropoulou. Um eine Art Lebenswerk, um eine Institution, und  – das darf man sicher hier so sagen – um das Ende einer kleinen, feinen  Ära. Und es geht um – Gyros!

Jeden Tag ein Kunstwerk

Wenn Stavros  Sidiropoulou von Gyros spricht, dann geht es nicht um einen schnöden Fleischspieß, der sich am Elektrogrill dreht. Dann geht es um ein Kunstwerk. Und zwar jeden Tag um ein Neues.  Handgemacht, nach eigenem Rezept, mit eigener Würzmischung. Unverwechselbar. „Das ist unser Gyros“, sagt Stavros. So einfach und so unverwechselbar ist das.

Wie viele dieser lukullischen Schönheiten hat der jetzt 68-Jährige mit seiner Frau Despina (67)  Portion für Portion unters Volk gebracht? „Keine Ahnung“, sagt er. Tausende waren es sicher. Nur eines steht fest. Am 26. Januar werden es die beiden zum letzten Mal tun. Ihren Zacharias-Grill an der Ecke Bismarckstraße/Triebelsstraße geben sie in andere Hände. Für sie ist Schluss.

Wie gut, dass nicht auch der Zacharias-Grill am Ende ist. Es wäre ein Kulturbruch. Die Regie an Grill und Fritteuse übernimmt Ljubomir Spiric. Und der 50-Jährige verspricht, dass im Prinzip alles beim Alten bleibt. Was sicher genau die richtige Entscheidung ist. Denn wenn es diesen Laden nicht geben würde, man müsste ihn erfinden.

In den 1960er Jahren gegründet

„Haus Schmitz“ hieß der früher im Frankenberger Viertel. Johann „Schang“ Schmitz hat den Imbiss Mitte der  1960er Jahre gegründet. Seine Fritten waren damals schon legendär,  jede einzelne Kartoffel wurde gestanzt und vorfrittiert. Von Handarbeit zu sprechen hatte damals erst recht seine Begründung. Ein Knochenjob, kräfte- und zeitraubend. Auch der Sauerbraten war damals schon über die Grenzen des Viertels hinweg mehr als ein Geheimtipp.

Kultige Taverne im Frankenberger Viertel: Am Sonntag gehen die Essenseinnahmen an die Kinderkrebsstation des Klinikums. Foto: Andreas Steindl

Johann Schmitz hatte immer ein Liedchen auf den Lippen, er konnte 45 Bestellungen gleichzeitig annehmen, ohne die gute Laune noch die Übersicht zu verlieren. Und er kann mit gutem Gewissen als Wortschöpfer der besonderen Art in die Aachener Annalen eingehen. Eine „Fritte auf die Hand“, das war bei ihm das berühmte „Spazier-Frittchen“. Guten Appetit!

1987 gab Schmitz seinen Imbiss in die Hände von Stavros und Despina Sidiropoulou. Und die beiden griechischen Staatsbürger, die sich 1972 in Aachen kennenlernten – er arbeitete beim Fleischerbetrieb Flachs in Broichweiden, sie bei Trumpf –, haben bis hin zu den vielen Geheimrezepten und Tipps so gut wie nichts verändert in dem Eckgeschäft.

Okay, das Bild des griechischen Bergs Athos und den Wimpel von Alemannia Aachen, die  gab es bei Schmitz noch nicht. Aber das Interieur atmet immer noch den ganz besonderen Charme der 1960er und 1970er Jahre. Auch die Aufteilung von Theke, Fritteuse und Bratofen sind geblieben. Im Hinterzimmer stapeln sich die Vorräte, hier wurden früher die Schnitzel paniert, jetzt entstehen hier jeden Morgen die Gyros-Spieße – Lage für Lage frisch gewürzt, kunstvoll aufgeschichtet. Zwei  Stück am Tag gehen weg, mindestens.  Da könnte selbst den eher fleischlos Lebenden das sprichwörtliche Wasser im Mund zusammenlaufen.

Integration der besonderen Art

Nur der legendäre Hähnchen-Drehgrill am Fenster zur Bismarckstraße wurde mit Übernahme des Geschäfts entfernt. Platz für Gyros musste eben her. Schwein statt halber Hahn – Integration der ganz besonderen Art: Die deutsche Frittenbude und die griechische Taverne – das passte, und das passt immer noch.

Tradition, das bedeutet auch: Kundenfreundlichkeit, immer ein offenes Ohr haben, Zeit für ein Pläuschchen. Auch wenn Despina und  Stavros Sidiropoulou zwischenzeitlich einmal für wenige Jahre dem Frankenberger Viertel „untreu“ wurden. Im Yannis-Grill an der Kasinostraße sorgten sie für eine Übergangszeit für griechische Gaumenfreuden, seit 2011 sind sie wieder zurück an der Bismarckstraße.  „Die Kunden lieben uns“, sagt Stavros ein wenig schüchtern. Warum so schüchtern? Weil es seine sympathisch-zurückhaltende Art ist. Also sagen wir es noch einmal: Ja, die Kunden lieben die beiden! Mittags und abends ist kaum ein Platz zu bekommen. Wo gibt es das, dass Imbissbetriebe auf fast jedem Tisch das „Reserviert“-Schildchen stehen haben?

Dann wirbeln Despina und Stavros hinter der Theke hin und her. Was dem Laien unverständlich ist, versetzt den Profi in Staunen: Den Überblick verlieren sie nicht. Okay, das Spazierfrittchen gibt es nicht mehr. Da wird knapp „für unterwegs?“ gefragt. Man versteht sich. Die meisten Besucher sind Stammgäste. Und manch einer – Klimadebatte hin, CO2-Reduktion her – setzt sich ins Auto und nimmt ein paar Kilometer An- und Abreise in Kauf, um beim Zacharias zu speisen oder Speisen mit nach Hause zu nehmen. Nur: Autofrittchen – den Begriff gibt es noch nicht…

Hat es je Beschwerden gegeben? Ja, gibt Stavros zu. In jüngster Zeit, da häufen sie sich. Aber keine Angst. Diese Beschwerden sind auch eine Liebeserklärung. „Warum hört ihr auf?“, fragte jüngst ein kleines Mädchen. Die beiden sollten doch bitte bleiben! Doch irgendwann ist eben Schluss. Man spricht in diesem Falle gerne vom wohlverdienten Ruhestand. Und wo würde es besser passen als bei Despina und Stavros? „Alles Gute“, wird man ihnen wünschen oder:  Σου εύχομαι όλλα τα καλά (Su efhome ola ta kala)!

Das gilt sicher auch für Ljubomir Spiric. Der 50-Jährige erfahrene Gastwirt hat in den vergangenen Wochen schon Frankenberger Luft geschnuppert. Er kennt die Ureinwohner wie die Zugereisten gut, und er wird sie in der Zukunft noch besser kennenlernen. „Ich lasse fast alles so, wie es ist“, weiß Spiric, dass konservativ bleiben in diesem Falle die richtige Geschäftsidee ist. Vielleicht gibt es die eine oder andere bosnische Spezialität zusätzlich. Aber der Zacharias-Grill ist eine Taverne, und da muss das Fleisch brutzeln! Man erinnert sich irgendwie immer an einen amerikanisch-griechischen Komödienklassiker. „Mama, er ist Vegetarier“, sagt die Tochter über ihren Zukünftigen. „Okay, dann mache ich Lamm“, sagt die griechische Mutter. Auch das ist Logik, irgendwie…

Spenden für Kinderkrebsstation

Am Sonntag werden Despina, Stavros und Ljubomir gemeinsam hinter der Theken stehen. Und sie werden Verzicht üben, um mit ihren vielen Gästen Gutes zu tun. Denn wer (von der für diesen Aktionstag verkleinerten Speisekarte) Essen bestellt, der spendet das Geld für die Kinderkrebsstation des Klinikums. Das ist allen Beteiligten eine Herzensangelegenheit.