Aachen: Neue Ausstellung im Centre Charlemagne ist kreativ und rebellisch

Aachen : Neue Ausstellung im Centre Charlemagne ist kreativ und rebellisch

Passanten bleiben stehen und schauen den Sprayern bei der Arbeit zu. Manche gucken interessiert, andere irritiert. Graffiti sprayen an einem öffentlichen Gebäude in Aachen? Mitten am Tag? Ist das erlaubt? Michael Gerst ist einer der Sprayer, und er lässt sich nicht ablenken.

In ein paar Tagen muss alles fertig sein. Der Streetart-Künstler arbeitet hier mit anderen Aachener Künstlern für die neue Ausstellung im Centre Charlemagne in Aachen. „Uns gehört die Stadt! Kids, Kunst, Krawall in Aachen“ heißt die Schau zum Thema Jugendkultur. Gezeigt werden Schlaglichter der Jugendbewegungen von den Wandervögeln in der Vorkriegszeit über 50er-Jahre-Rockabilly-Kult bis hin zur HipHop- und Grafitti-Szene der heutigen Jugendlichen.

Wie immer im Centre Charlemagne ist das Ganze nicht nur besonders anschaulich mit vielen Kulissen und interaktiven Elementen gestaltet, sondern auch mit viel Lokalkolorit aus Aachen angereichtert. Und wie immer ist auch die Bevölkerung selbst mit ihren eigenen Schätzen vertreten. Die Ausstellungsmacher der Schau im Centre Charlemagne, Myriam Kroll, Robert Kaltenhäuser und Holger Hermannsen, haben ungezählte Stücke von Aachenern erhalten: So werden gut gehütete Bikerjacken, alte Skateboards und heiß geliebte Plattencover zu Zeitzeugen. Hinzu kommen original Fotos, es sind Interviews zu hören und zu sehen.

Künstler der Region

Die Einzelstücke sind größtenteils schrill und bunt. Als Kontrapunkt sind sie eingebettet in ein aufwendiges, kulissenartiges Gesamtkonzept, das in Scharz-Weiß- und in Grautönen gehalten wurde, um so den städtischen Außenraum von Häuserfronten und Mauern in den Innenraum zu holen.

Hinzu kommen die Werke einiger regionaler Graffiti- und Streetart-Künstler, die die Chance genutzt haben, mal ganz legal zu zeigen, was junge Kunst in der Stadt ausmacht. „In Sachen Streetart ist Aachen noch Entwicklungsland. Da sind andere Städte im Ruhrgebiet, aber auch Heerlen, wesentlich weiter“, sagt Michael Gerst. Anderswo habe man gemerkt, dass Streetart eine Kunstform ist, die Touristen anzieht und die eine Stadt bunter, attraktiver und jünger mache. „Das ist eine zeitgenössische Kunstform, auf die viele abfahren“, ist sich der 33-Jährige sicher. Der Mangel an legalen Flächen, die Künstler nutzen könnten, führe auch dazu, dass sich eine weniger hohe Qualität entwickeln könne.

Die Künstler haben einfach wenig Möglichkeiten zum Üben. So hoffen Künstler wie er, dass eine Ausstellung über Jugendkultur dabei hilft, die Akzeptanz zu erhöhen. Auch die Ausstellungsmacher haben Ziele: Sie wollen junges Publikum ins Museum holen. „Jungendliche kommen eher selten. Das möchten wir ändern“, erklärt Myriam Kroll. Das breite Rahmenprogramm zur Ausstellung soll helfen, dass sich junge Menschen angesprochen fühlen. So passieren an vielen Orten in der Stadt spannende Dinge: Konzerte, Breakdance und HipHop-Wettbewerbe oder auch Streetart-Workshops bringen Straßenkunst ins Museum und Museales in den städtischen Raum.

Jung und modern

Die Ausstellung selbst ist jung und modern, spricht aber Menschen jeden Alters an, sofern sie jemals jung gewesen sind. So erinnern sich bestimmt heute Hochbetagte an ihre Jugendkultur in den 50ern, die aus Amerika den Elvis-Presley-Hype importierte, an Hippiezeit oder die Hausbesetzer-Szene, die es auch in Aachen gab. Leute im mittleren Alter können ihren Teeniekindern vielleicht die Anfänge der Skaterbewegung oder ihre Vergangenheit als Punk erklären.

Mit manchen Jugendbewegungen wie der Hitlerjugend oder rechten Strömungen bei Skinheads oder in der Heavy-Metal-Szene setzt sich die Ausstellung kritisch auseinander.

Und über all dem schwebt die Frage, was Jugendkultur generationsübergreifend ausmacht. Eindeutige Antworten gibt die Ausstellung nicht, aber Hinweise. Jugendkulturen sind freiheitsliebend, ein bisschen durchgeknallt, rebellisch, kreativ und in ihrer direkten Art total ehrlich. Eigentlich so ähnlich wie Sprüche in einem Klohäuschen. Im Eingangsbereich ist eines nachgebaut. Ein paar passende Sprüche kann der Besucher am stillen Örtchen nachlesen.

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