Aachen: Neuartige Sonnenreflektoren: Heiter bis sonnig, Temperatur 1000 Grad

Aachen: Neuartige Sonnenreflektoren: Heiter bis sonnig, Temperatur 1000 Grad

In Marrakesch wollen sie die Bombe platzen lassen, wollen ihre Erfindung bekannt machen. „Wir hoffen, das Fachpublikum zu begeistern”, sagt Günther Kunz fast beschwörend. Zusammen mit seinem Geschäftspartner Pierre Lorenz reist er Anfang September nach Marokko zur „Solar Paces”, der wichtigsten Wissenschaftkonferenz im Bereich „concentrated solar power” (CSP).

In der Branche dreht sich alles darum, Sonnenlicht mithilfe von Spiegeln oder Linsen zu bündeln, um so Energie zu gewinnen. Und was die beiden aus ihrer 2011 in Aachen gegründeten Firma „AM-Brain” mit nach Afrika bringen, könnte schon bald Standard in CSP-Anlagen werden.

Erster Gedanke: Typisch dynamisches Jungunternehmerteam aus dem Dunstkreis der Hochschulen, wahrscheinlich ein Spin-Off. Falsch! Pierre Lorenz ist mit 44 Jahren das Nesthäkchen und beschäftigt sich seit 2009 mit Energie aus Sonnenkraft. Günther Kunz ist 73 und eigentlich längst im Rentenalter.

Daran verschwendet er derzeit aber keinen Gedanken. Ihre Geschichte verkörpert die Energiewende par excellence: Lorenz, Bergmann aus dem Ruhrgebiet in dritter Generation, und Kunz, vor Jahrzehnten Kernforscher im Forschungszentrum in Jülich, wenden sich unabhängig voneinander von umstrittenen Energieträgern ab, um über Umwege zur Solarenergie zu finden.

Optimale Reflexion gesucht

Die Erfindung - von Kunz in einem Satz erklärt: „Wir haben ein Verfahren entwickelt, um einen günstigen, herkömmlichen Flachglasspiegel exakt zu krümmen”. Das ist neu. Stand der Technik ist, entweder flache Spiegel zu verwenden, die das Sonnenlicht großflächiger - nicht gebündelt - reflektieren und somit Einbußen in der Wirksamkeit mitbringen und viel mehr Platz brauchen, oder thermisch gebogene Spiegel einzusetzen.

Diese zeigen durch die temperaturintensive Behandlung auf der Oberfläche jedoch Verzerrungen, die sich auf die Reflexionsfähigkeit übertragen. Eine Minderung der Lichtbündelung und somit der Leistung ist die Folge. Außderdem ist die Technik teuer. Spiegel, die mit der neuen Methode von Kunz und Lorenz gebogen werden, bündeln das Licht bei unverminderter Reflexionsfähigkeit der Oberfläche und sind darüber hinaus günstig.

„Wir haben das Rad nicht neu erfunden, aber verfeinert, das heißt die Anlagen in ihrer Wirksamkeit signifikant verbessert”, sagt Lorenz. Eigentlich wollten die Beiden klein anfangen, mit Anlagen für den Hausgebrauch in Spanien, die den Pool heizen und die Wohnung kühlen können.

Auf einer Messe in Sevilla merkte der ehemalige Bergmann aber schnell: „Was wir haben, gibt es noch nicht, wird in der Großindustrie aber benötigt”. Also verschob sich der Fokus. Die Konferenz in Marokko ist für eine Vorstellung dieser Art das richtige Parkett. AM-Brain hat sich dort beworben, um ihre Innovation vorstellen zu dürfen. Nach einer Vorprüfung kam die Zulassung. Klar ist, was als Souvenir mit zurück in die Kaiserstadt soll: der Innovationspreis der Konferenz. Wer ihn gewinnen will, muss gegen die Besten der Branche antreten.

Kennengelernt haben sich die zwei Experten, als Lorenz 2010 auf Anraten eines Freundes nach Aachen reiste, um Günther Kunz und seine Experimente kennenzulernen. „Und was ich da gesehen habe, hat mir komplett die Sprache verschlagen: Der Herr Kunz stand da, in einer Doppelgarage am Krugenofen, eine alte Fahrradspeiche in der Hand und kam mir vor wie Daniel Düsentrieb in einer 50er-Jahre-Werkstatt”, erzählt er. Die Chemie stimmte auf Anhieb. „Lorenz hat mich gefragt: ,Brauchst du Geld?. Ich hab ?Ja gesagt, und er hat es mir in die Hand gedrückt, ohne Vertrag, ohne alles”, sagt Kunz. Heute führen die beiden Männer gemeinsam das Unternehmen.

„Natürlich sind wir in Marrakesch auch auf der Suche nach seriösen Finanzpartnern, um unsere Forschung weiter vorantreiben zu können”, erklärt Lorenz.

Derzeit bauen sie im Hof des Unternehmens einen Powerblock, der ihre Erfindung in Aktion zeigen soll. Acht konvex gebogene Spiegel produzieren durch bündeln der Sonnenstrahlen thermische Energie. Temperaturen bis zu 1000 Grad Celsius sollen geeignete Trägerflüssigkeiten in dem schmalen Streifen, in den die Spiegel die Strahlen reflektieren, machbar sein. Kunz: „Es wäre schön, einen Unternehmer aus der Region oder Partner aus der Kraftwerkstechnik zu finden, der Ideen zur wirtschaftlichen Nutzung dieser thermischen Energie mitbringt”.

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