Aachen: „Netzwerk Neue Nachbarn“: Neuen Mut geben

Aachen: „Netzwerk Neue Nachbarn“: Neuen Mut geben

Ohne Menschen wie sie wäre unser reiches Land arm dran. Sabine Fenchel und Michaela Schoop gehörten zu den ersten „ganz normalen“ Bürgern, die sich im „Netzwerk Neue Nachbarn“ organisiert haben, um jenen beizustehen, die in Burtscheid Zuflucht vor Krieg und Elend gefunden haben.

„Je mehr Menschen sich engagieren, den Flüchtlingen mit Freundlichkeit, Offenheit und Menschlichkeit begegnen, desto besser gelingt ein Zusammenleben.“ So bringen sie ihre Botschaft auf den Punkt. Im AZ-Interview berichten die beiden, wie gut das schon funktioniert — und welche Hindernisse nach wie vor zu überwinden sind.

Das Netzwerk hat sich im September vergangenen Jahres gegründet. Erzählen Sie doch erst einmal, wie es dazu kam!

Schoop: Schon im Frühjahr hatten wir im Pfarrgemeinderat des Gemeindeverbunds St. Gregor, dem ich angehöre, überlegt, wie wir uns für Flüchtlinge engagieren können. Seinerzeit gab es ja bereits die Unterkünfte des Zentrums für Soziale Arbeit an der Karl-Marx-Allee. Es ging zunächst auch darum, ob und wie wir einige leerstehende pfarreigene Wohnungen bereitstellen können. Inzwischen sind dort übrigens vier Flüchtlingsfamilien untergebracht.

Aber es ging eben auch um die Frage, wie man den Migranten durch praktische Begleitung Unterstützung geben kann. Während der Sommerferien hatte sich die Situation dann ja erheblich verändert, nachdem so viele unvermittelt zunächst unter anderem in Schulen einquartiert werden mussten. Soforthilfe war gefragt. Nach den Ferien gab es ein zweites Treffen in St. Aposteln, an dem bereits über 200 Menschen teilgenommen haben. Es war klar, dass die hauptamtlichen Betreuer der Stadt und der Wohlfahrtsverbände auf ehrenamtliche Helfer angewiesen waren.

Fenchel: Inzwischen haben wir eine gute Verknüpfung zwischen den einzelnen Aufgabenbereichen erreicht. Es gibt Organisationsstrukturen, aber keine Hierarchien. Auch wir beide sind ganz „normale“ Helferinnen.

Wie viele Aktive haben Sie heute?

Fenchel: Etwa 150 stehen jetzt in unseren Listen. Natürlich waren anfangs ein paar Hemmschwellen zu überwinden. Auch deshalb war es sehr wichtig, erst einmal zu sortieren, was konkret gebraucht wird, um es dann mit den Angeboten in Einklang zu bringen. Das übernehmen jetzt sogenannte Koordinatoren, die den Ehrenamtlichen genau sagen können, in welchen Bereichen gerade Bedarf ist.

Schoop: Natürlich bestimmt aber jeder selbst, wie und wo er sich engagieren will. Man muss sich auch nicht genau festlegen, wann man Zeit hat. Das lässt sich durchaus kurzfristig regeln.

Wie viel Zeit „investieren“ Sie persönlich?

Fenchel: Momentan bin ich im Schnitt drei bis vier Stunden pro Woche im Einsatz, schwerpunktmäßig bin ich jetzt damit beschäftigt, unseren Internet-Auftritt im bereits bestehenden Web-Portal „www.aachenschafftdas.de“ zu organisieren. Wir hoffen, dass er in Kürze an den Start gehen kann.

Schoop: Bei mir sind es im Schnitt auch nicht mehr als ein bis zwei Stunden pro Woche.

Ist bestimmt nicht immer ganz einfach, so viele Ehrenamtliche unter den sprichwörtlichen Hut zu bekommen, oder?

Fenchel: Das übernimmt ein Koordinationskreis, der regelmäßig zusammenkommt. Er besteht aus je einem bis zwei Standortkoordinatoren, die den Kontakt zu den Verantwortlichen in den Unterkünften halten, den Leitungen der katholischen und evangelischen Gemeinden in Burtscheid sowie einigen freien Unterstützern. Für uns spielt es keine Rolle, welche Konfession man hat oder ob jemand überhaupt religiös ist oder nicht. Und gerade diese Vielfalt der unterschiedlichsten Personen ist auch der Grund, weshalb die Arbeit so gut klappt. Jeder bringt seine eigenen Fähigkeiten und Ideen ein. Erst dadurch wird das Angebot so vielfältig und das Zusammenleben so spannend.

Wie nehmen die Flüchtlinge Ihre Angebote auf und an? Können Sie ein paar Beispiele geben?

Fenchel: Sehr beliebt sind Sprachlernprogramme, mit denen die Flüchtlinge über Laptops selbstständig Deutsch lernen können. Da braucht es dann meist nur jemanden, der dabei ist, besondere Qualifikationen sind da gar nicht erforderlich. In der Unterkunft in Kalverbenden haben wir auch ein Sprachcafé, wo jeder Bewohner dazukommen kann, wie er mag.

Schoop: Die Spiel- und Sportangebote sind immer gut frequentiert. Einer unserer Koordinatoren steht im ständigen Kontakt zu den Vereinen, um zu sondieren, welche Angebote die zum Beispiel für Kinder und Jugendliche machen können, das geht von der Schach-AG über Fußball bis zum Lauftreff. Auch unsere Stadtspaziergänge werden sehr gut angenommen, es wurden schon Führungen zum Beispiel durch die Stadtbibliothek oder durch den Tivoli organisiert.

Wo gibt es Schwierigkeiten?

Schoop: Im Grunde klappt das alles sehr gut. Man muss sich nur ein wenig daran gewöhnen, dass man es immer wieder mit anderen Menschen zu tun hat, dass man kein regelrechtes „pädagogisches“ Lernziel verfolgen kann. Wie gesagt: Flexibilität und Spontaneität bleiben gefragt.

Viele Flüchtlinge brauchen nicht nur Orientierung im Alltag. Wo sind Ihre Grenzen, wenn es etwa darum geht, psychischen Beistand zu leisten oder Antragsverfahren durchzustehen?

Fenchel: Das gehört nicht wirklich zu unseren Aufgaben. Dazu gibt es professionelle Kräfte. Es soll demnächst sogar eine Vereinbarung getroffen werden, dass wir als ehrenamtliche Unterstützer uns ausschließlich darum kümmern, den Flüchtlingen mit ganz praktischen Angeboten zur Seite zu stehen. Inzwischen können zum Glück alle Kinder zur Schule gehen, das ist für die Kinder, ihre Eltern und die Helfer gut. So haben die Kinder Kontakt nach außen, lernen Deutsch, und der Bewegungs- und Beschäftigungsdrang ist schon etwas gestillt.

Aber das Spektrum der Möglichkeiten trotzdem ist riesig: Die Erwachsenen dürfen ja vorerst nicht arbeiten. Viele sind sehr gebildet, und viele sind froh, wenn sie jemanden haben, mit dem sie reden und etwas unternehmen können. Ich bin eine Zeitlang mit meiner Gitarre in die Unterkunft in Kalverbenden gegangen, das hat viele Kinder begeistert. Einmal kam ein Mann und erzählte, er habe als professioneller Violinist in einem Orchester gespielt. Er war einfach froh, überhaupt noch einmal ein Instrument in die Hand zu nehmen.

Haben Sie noch Bedarf an Helfern?

Schoop: Auf jeden Fall! Vor allem, was die sportlichen Aktivitäten anbetrifft. Fenchel: Drei Mal ja! Man kann uns eine Mail schicken und bekommt einen Fragebogen, in dem man seine Angebote und die zeitlichen Möglichkeiten formulieren kann. Die Koordinatoren kümmern sich dann darum, etwas Passendes zu finden. In vielen Einrichtungen gibt es Doodle-Listen, in die man sich für bestimmte Aufgaben eintragen kann. Natürlich kann man sich auch Angebote ausdenken, die es noch nicht gibt!

Gerade in Burtscheid gab und gibt es auch erhebliche Widerstände gegen die Ansiedlung weiterer Flüchtlinge. Vor allem angesichts der geplanten Container-Standorte in der Löwenstein-Kaserne und an der Adenauerallee glauben viele, dass der Stadtteil die wachsende Zahl von Migranten nicht verkraften könne. Ist das Argument, dass eine „echte“ Integration schon angesichts der Unterbringung von hunderten Menschen an einzelnen Orten kaum zu leisten sei, nicht nachvollziehbar?

Fenchel: Die Einwände sind zwar verständlich, eine gleichmäßigere Verteilung der Asylsuchenden wäre sicher wünschenswert. Aber das ist eben schwierig. Hier in Burtscheid haben wir die geeigneten Plätze, und Container sind allemal viel besser als Turnhallen. Außerdem: Man sieht jetzt schon, dass die Flüchtlinge, die vielen jungen Leute, auch eine Bereicherung für denStadtteil sind.

Schoop: Diese Unterkünfte sind ja nur Übergangslösungen. Ziel ist es, alle Asylbewerber früher oder später in richtigen Wohnungen unterzubringen. Allerdings: Für uns als Helfer ist es einfacher, in eine Unterkunft zu gehen, als wenn die Menschen später dezentral untergebracht sind, wo der Kontakt viel schwieriger wird.

Trotzdem: Was erwidern Sie Kritikern, die um die „innere“ oder die „soziale Sicherheit“ im Stadtteil besorgt sind?

Schoop: Je mehr Menschen sich engagieren, den Flüchtlingen mit Freundlichkeit, Offenheit und Menschlichkeit begegnen, desto besser gelingt ein Zusammenleben. Fenchel: Gerade die Älteren sollten sich daran erinnern, dass viele von ihnen selbst einmal Flüchtlinge waren — und das in einer Zeit, wo niemand etwas hatte und das Wenige noch teilen musste. Wir aber leben heute im Überfluss — und viele haben das Teilen verlernt.

Was brauchen Ihre Schützlinge derzeit in besonderem Maße?

Schoop: Sachspenden brauchen wir nur vereinzelt, das läuft über die Wohlfahrtsverbände sehr gut. Viele Neuankömmlinge wünschen sich Kontakt zu Deutschen, viele möchten sich sinnvoll betätigen. Und eigentlich alle, die ich kennengelernt habe, möchten Deutsch lernen . . .

Fenchel: . . . und ein ganz normales Leben führen. Man muss sich bewusst machen, dass wir es mit Menschen mit sehr unterschiedlichen Bildungsniveaus zu tun haben, vom Analphabeten bis zum Professor, vom Friseur bis zum Organisten. Jeder kann sich doch vorstellen, wie es ist, zum Nichtstun verurteilt und auf Hilfe angewiesen zu sein. Deshalb setzen wir uns jetzt auch dafür ein, Patenschaften für junge unbegleitete Flüchtlinge zu organisieren, die die Einrichtungen für Minderjährige verlassen müssen, sobald sie 18 sind.

Hat sich die Haltung der Menschen in Burtscheid in den vergangenen Monaten verändert? Überspitzt gefragt: Steht die „gute Nachbarschaft“ vor einer Zerreißprobe, haben sich die Fronten zwischen Befürwortern und Kritikern der „Willkommenskultur“ verhärtet?

Schoop: Das denke ich nicht. Natürlich gibt es Verunsicherung. Aber es gehört auch zu unseren Aufgaben, auf die „Alteingesessenen“ zuzugehen. Wir erleben, dass manche passiv bleiben und abwarten, wie sich die Situation entwickelt. Die meisten Menschen versuchen einfach, das Beste daraus zu machen.

Haben Sie auch persönlich schon negative Reaktionen erlebt?

Schoop: Nein. Allerdings hat es mich sehr betroffen gemacht zu sehen, wie viele aus meiner Sicht unverständliche Ängste gegenüber den Flüchtlingen zum Ausdruck gebracht worden sind. Für mich sind die Flüchtlinge Menschen wie Sie und ich. Wir haben hier so viele Möglichkeiten, da können wir ruhig ein wenig zusammenrücken und Platz und Zeit teilen.

Fenchel: Ich habe bisher ausschließlich positive Erfahrungen gemacht. In der Unterkunft in den ehemaligen FH-Räumen in Kalverbenden ist man mir vom ersten Tag an mit so viel Herzlichkeit begegnet. Obwohl ich inzwischen meist nicht mehr direkt vor Ort, sondern übergreifend in der Öffentlichkeitsarbeit tätig bin, werde ich von den Bewohnern auf der Straße mit wildem Winken begrüßt, sobald sie mich erblicken.

Wie stellen Sie sich die weitere Entwicklung des Netzwerks vor? Wo besteht mittel- bis langfristig besonderer Handlungsbedarf?

Schoop: Wir stellen jetzt schon fest, dass sich die Schwerpunkte verändern. Deshalb sind wir gerade dabei, gemeinsam mit vielen Partnern ein Integrationskonzept zu erarbeiten, um zu ermitteln, welche Erwartungen wir an die Zugezogenen haben und welche sie gegenüber uns haben. Mein Traum ist, dass wir zu einem echten, vertrauensvollen Miteinander kommen, bei dem alle von einander profitieren.

Fenchel: Deshalb haben wir ja auch den Namen „Netzwerk Neue Nachbarn“ gewählt. Wir wollen „echte“ Nachbarn im besten Sinne sein und werden — nach dem Motto: Jeder hilft dem anderen, aber jeder hat auch sein eigenes Leben. Es macht viel Mut zu erleben, dass unser Engagement schon jetzt längst keine „Einbahnstraße“ mehr ist. Man nimmt so viele schöne Dinge mit, wenn man sich diesen neuen Nachbarn wirklich zuwendet.

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