Aachen: Nervenkitzel bis zur letzten Sekunde bei den Proben des Weihnachtscircus

Aachen: Nervenkitzel bis zur letzten Sekunde bei den Proben des Weihnachtscircus

Wenn Stefan Rausch am Freitag seinen derzeitigen Arbeitsplatz auf dem Aachener Bendplatz betritt, weiß er, dass wieder ein sportlicher Tag vor ihm liegt. Und das, ohne in dem rot-blauen Zirkuszelt auch nur einen Fuß auf die Turnmatte zu setzen, geschweige denn sich in schwindelerregender Höhe an Seile zu hängen.

Rauschs Beitrag für den perfekten Show-Auftritt des Weihnachtscircus Aachen ist als Lichtdesigner vor allem Kopfsache — aber dadurch bei weitem nicht weniger anstrengend als die Arbeit der mehr als 50 Artisten aus 18 Ländern, die ab Freitagabend körperliche Höchstleistungen erbringen. Denn für jeden Act, jeden Sprung, jede ausschweifende Geste der Künstler muss das Licht individuell und von Hand programmiert werden.

16 Stunden am Tag am Lichtpult: Lichtdesigner Stefan Rausch sorgt dafür, dass die Künstler perfekt in Szene gesetzt werden.

Und das in Abstimmung mit den Regisseuren sowie den einzelnen Künstlern selbst. „Da kann es schon mal vorkommen, dass man vier Stunden lang an einer Nummer arbeitet, bis alle zufrieden sind“, sagt Rausch. Denn auch wenn sie bei den Künstlern zu den absoluten Favoriten gehöre: Die Farbe Blau könne nun mal nicht jeder bekommen. Pro Show gebe es deshalb insgesamt 430 sogenannten Lichtstimmungen.

Die farbliche Untermalung sei dabei eher zweitrangig. Wenn es um die Sicherheit der Künstler geht, wird nichts dem Zufall überlassen. Dann lautet für Rausch die Devise: Erst kommt die Pflicht, dann die Kür. „Wichtig ist, dass das Arbeitslicht für die Künstler stimmt und sie genug sehen“, erklärt Rausch. „Wenn das Arbeitslicht steht, kann ich drumherum auch etwas Nettes zaubern.“

Und diese „Zauberei“ wurde an den vergangenen Tagen nicht selten erst dann ausprobiert, wenn die Artisten die Manege nach den intensiven Proben bereits verlassen haben. „Wenn jemand auf dem Seil steht, kann ich schließlich keine Lichteffekte testen“, so der Lichtdesigner.

Der Schönheitsschlaf muss für den 34-Jährigen also noch ein wenig warten. Seit Sonntag sitzt er gut 16 Stunden lang vor seinem Lichtpult mit den vier Bildschirmen und Dutzenden Knöpfen. Täglich. Er stellt Lichtkegel ein, fügt Bemerkungen zu den einzelnen Programmpunkten hinzu, modifiziert immer wieder die Reihenfolge. Sobald die Show steht, muss er dann nur noch die entsprechenden Knöpfe drücken. Was einfacher klingt, als es ist. „So eine Show muss man als Lichtdesigner komplett lernen“, sagt Rausch. „Das ist schon anstrengend.“

Bei der offiziellen Generalprobe vor geladenem Publikum ist am Donnerstagnachmittag für Rausch höchste Konzentration angesagt. „An einigen Stellen passt das Licht noch nicht zur Musik, da ist es zu hart. An anderen Stellen wieder zu sanft“, sagt er während der Pause mit Blick in sein Notizbuch. Zudem hätten sich dadurch, dass die Abfolge der Programmpunkte während der Proben immer wieder mal verändert wurde, ein paar Programmfehler eingeschlichen. Die natürlich bis Freitagabend noch beseitigt werden müssten.

Am Zoll hängengeblieben

Doch nicht nur am Lichtpult wird kurz vor der Premiere noch nachjustiert. Auch Spielleiter Thomas Merz sowie die beiden Regisseure Sandor Donnert und Thomas Bruchhäuser beobachten während der Vorpremiere nicht nur ihre Künstler, sondern vor allem auch die Reaktionen der geladenen Zuschauer ganz genau. „Die Vorpremiere vor Publikum ist für uns unglaublich wichtig“, betont Merz. „Denn vielleicht finden wir bei den Proben etwas total witzig, doch beim Zuschauer kommt der Gag überhaupt nicht an.“

Deshalb zeige der Weihnachtscircus bei der Generalprobe auch immer mehr Programm als eigentlich geplant sei. „So können wir genau sehen und hören, an welchen Stellen wir das Programm noch straffen müssen.“ Doch der Stress kurz vor der Premiere und der damit verbundene Nervenkitzel gehören laut Merz einfach zum Zirkusleben dazu.

Den großen Höhepunkt der Show — die Nummer der Duffy Brothers mit dem „Todesrad“ — habe man zum Beispiel am Donnerstag erstmals proben können, weil eine Seite des überdimensionalen Hamsterrads erst Mittwochabend in Aachen angekommen sei. „Die ist beim Zoll hängengeblieben.“ Aus der Fassung bringen lasse sich davon indes niemand. „Das sind alles Profis.“

Profis, die nicht nur innerhalb von 14 Tagen ein Zirkuszelt samt Vorzelt errichten. Sondern zudem noch zum Teil auf die letzte Sekunde das benötigte Equipment heranschaffen. „Wir haben rund 350 Artikel in Aachen zusammengesucht und gekauft“, sagt Merz. Vom Teppichklebeband über das Nachthemd für den Clown Fumagalli bis hin zum goldenen Fransenband für den Vorhang. „Und versuchen Sie mal im Winter eine Gartenbank zu besorgen!“

Unmöglich? Nicht für den Spielleiter. Am Freitag soll die benötigte Bank ankommen. Und vielleicht wird diese dann ja sogar in blaues Licht gehüllt.