Aachen: Nancy Graves Project: Vielschichtig, hintergründig und sinnlich

Aachen: Nancy Graves Project: Vielschichtig, hintergründig und sinnlich

Normalerweise ist es für einen Gastgeber ein peinlicher Moment, wenn er feststellt, dass die vorgesehenen Plätze für die Gäste nicht ausreichen. Doch im Fall der Eröffnung zur Ausstellung „Nancy Graves Project & Special Guests“ im Ludwig Forum am Sonntag war der Platzmangel ein Anlass zur Freude, zeigte er doch, dass das Thema viele Kunstinteressierte lockte.

„Gegen Klischees zu arbeiten war ein Vorsatz von mir, als ich meine Arbeit hier begann“, so Museumsdirektorin Brigitte Franzen, „ein solches Klischee ist, dass die Aachener ein gespaltenes Verhältnis zum Ludwig Forum haben.“

OB fordert „offenen Dialog“

Oberbürgermeister Marcel Philipp ließ die Diskussion um die Neugestaltung des Eingangs nicht unerwähnt. Aus seiner Sicht gehe es um die „Beseitigung eines Planungsfehlers aus der Anfangsphase des Forums“. Die Umbaupläne bewegten sich im angemessenen Rahmen. Gleichwohl räumte er ein, dass es einen offenen Dialog darüber geben müsse, wie mehr Leben in das Haus kommen könne. Denn an vielen Tagen im Jahr sei das Ludwig Forum fast leer.

Das könnte sich jetzt ändern: Bis zum 16. Februar widmet das Ludwig Forum der New Yorker Künstlerin Nancy Graves (1939-1995)eine umfassende Werkschau — die erste überhaupt. In gewisser Hinsicht schließt sich damit auch ein Kreis. Ihre erste große Ausstellung in Europa hatte die Künstlerin in der Neuen Galerie in Aachen. Sie gehört auch zu den Künstlern, die kontinuierlich über ihre Schaffensperiode gesammelt wurden. „Nancy Graves hat Irene und Peter Ludwig viel zu verdanken“, so Sanford Hirsch von der Nancy Graves Foundation New York, die viel zum Entstehen der Aachener Ausstellung beigetragen hat.

Drei Jahre haben die Kuratorinnen Brigitte Franzen und Annette Lagler an der Konzeption der Ausstellung gearbeitet. Sie folgen, ähnlich der Arbeit der Künstlerin selbst, einem eher wissenschaftlichen Ansatz. Die Kunstwerke werden durch Ausstellungsstücke ergänzt, die ihr Entstehen dokumentieren. Daneben zeigen Kunstwerke der „Special Guests“ — Kollegen, Weggefährten und Vorbilder — in welchem künstlerischen Spannungsfeld sich Nancy Graves bewegt.

Als „vielschichtig, hintergründig und sinnlich“, beschrieb Regina Wyrwoll von der Peter und Irene Ludwig Stiftung die Kunst von Nancy Graves. Nach den Reden hatten die Besucher Gelegenheit, die Vielschichtigkeit der Künstlerin selbst zu erfassen. Zum Konzept gehören auch interaktive Ansätze, mit denen die Ausstellung abschließt.

Die offene Restaurationswerkstatt demonstriert die Arbeiten an der bronzenen Gussform für ihre Skelettskulptur. „Sind das echte Knochen?“ fragte eine Besucherin Restauratorin Julia Rief mit Blick auf den imposanten „Hingucker“ aus der Werkstatt der Künstlerin. Doch die konnte sie beruhigen: Die „Knochen“ bestehen aus einer Mischung aus Wachs, Draht, Gips und Farbe. Die Restaurationswerkstatt biete eine gute Gelegenheit, um der Öffentlichkeit die Problematik aufzuzeigen, dass die Restaurierung zeitgenössischer Kunstwerke immer auch eine Gratwanderung sei.

„Man steht vor der Frage: Wollte der Künstler das überhaupt?“ Gleichzeitig zeigt die Werkstatt, wozu ein Museum viel Geld benötigt. „Kunstrestaurationen sind aufwendig und teuer“, so Julia Rief. Gleich gegenüber dem Knochen-Ensemble bot das „Kombinatorium“ die Möglichkeit, nach Graves-Manier selbst aus verschiedenen Materialien ein Kunstwerk herzustellen. Besonders die kleinen Gäste nahmen diese Einladung gerne an.