Aachen: Nahe an der Historie: 200 Schüler lauschen einem NS-Zeitzeugen

Aachen : Nahe an der Historie: 200 Schüler lauschen einem NS-Zeitzeugen

Als Heinrich Kolberg das letzte Wort ergreift, wird es ganz still in der Auferstehungskirche. „Tut alles, damit ihr nicht eine Minute das erlebt, was wir in unserer Zeit erleben mussten“. „Unsere Zeit“, das ist die Zeit des Nationalsozialismus.

Der Aachener Heinrich Kolberg kämpfte als Soldat an der Front, auch in Stalingrad. Am vergangenen Dienstag sprach der 93-Jährige als Zeitzeuge zu über 200 Schülern der GHS Drimborn. Die gesamten Klassen 8 bis 10 waren in die Auferstehungskirche gekommen, um an das Kriegsende in Aachen vor 70 Jahren zu gedenken.

Am 21. Oktober 1944 hatten die letzten deutschen Truppen in der Stadt vor den Amerikanern kapituliert. Damit war Aachen die erste deutsche Großstadt, die von der NS-Herrschaft befreit wurde. Zur Erinnerung an das Ereignis wurden um 12.05 Uhr, dem Zeitpunkt der Kapitulation, alle Glocken geläutet. Der Klang der Glocken war Martin Obrikat, Pfarrer der Auferstehungskirche, zu wenig. Gemeinsam mit Matthias Fischer, Lehrer an der GHS Drimborn, hatte er deshalb die Gedenkveranstaltung organisiert.

In seinem Vortrag gewährte Kolberg einen emotionalen Einblick in die NS-Zeit: Er sprach von seiner Kindheit in der Aachener Peterstraße und erzählte von seiner Verweigerung, in die Hitlerjugend einzutreten. Die Zwangsverpflichtung als Soldat traf ihn schwer. Heute noch schäme er sich dafür, sich dem NS-Regime gebeugt zu haben. Die Konsequenz daraus hat er gezogen: Sein ganzes Leben engagiert sich Kolberg für Friedensprojekte; den Aachener Friedenspreis hat er mitbegründet.

Auch die Schüler folgten bei der Gedenkveranstaltung dem Engagement und sprachen Friedensgebete. Eine von ihnen war Nele Müllejans. Die Neuntklässlerin zeigte sich vom Zeitzeugen beeindruckt. „Seine Worte regen auf jeden Fall zum Nachdenken an“. Pfarrer Obrikat freute sich, dass sich die Schüler für die Veranstaltung begeistern konnten. „Gerade in Zeiten militarisierter Konflikte ist es wichtig, aus der Vergangenheit zu lernen und Frieden wertzuschätzen“, stellte er heraus.

Annett Koch-Thoma, Schulleiterin der GHS Drimborn, sah es zugleich als Selbstverständlichkeit und Verpflichtung an, die Erinnerung an die junge Generation weiterzugeben. Besuche von Zeitzeugen seien an ihrer Schule keine Seltenheit. Matthias Fischer ist es ein besonderes Anliegen, dass die geschichtliche und politische Bildungsarbeit mit zusätzlichen außerschulischen Aktivitäten bereichert wird. Für Kolberg müssten mehr Schulen diesem Beispiel folgen und sich intensiver mit der NS-Geschichte auseinandersetzen.

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