Aachen: Nacht der offenen Kirchen: Exklusive Wahrheiten sind nicht vorgesehen

Aachen: Nacht der offenen Kirchen: Exklusive Wahrheiten sind nicht vorgesehen

„Hast Du Duldung?“ Die unbedarfte Frage eines zufälligen Besuchers der Citykirche ist die Reaktion auf die archaische Kopfbedeckung, das lange Gewand und die Sandalen an den Füßen, in denen Axel Wiederhold an diesem Vormittag durch die Citykirche schreitet. Er will, verkleidet als Urvater Abraham, eigentlich Werbung für George Taboris „Die Goldberg-Variationen“ machen, die das Theater Ludus im Rahmen der Nacht der offenen Kirchen aufführt.

Er wird zugleich zum Symbol des Formats, das am Freitag, 20. Oktober, in die 17. Runde geht: Die uralte Botschaft der Bibel, die 2000 Jahre alte Institution Kirche trifft auf die heutigen Menschen und ihre Erfahrungen.

Um ihr Ohr zu gewinnen und ihren Geist zu berühren, gehen die Protagonisten immer wieder andere Wege. Und bringen so jeden Herbst so viele unterschiedliche Menschen in Kirchen, Gemeindehäuser und vor allem zusammen, wie sonst kaum ein kirchliches Angebot. Traditionen dürfen hierbei durchaus gepflegt werden: Die Zeitfenster-Gemeinde in St. Foillan setzte den halb modernen, halb historischen Kirchenraum immer wieder mit raumfüllenden Installationen neu in Szene. Dort stand schon ein Schiff aus Kartons oder ein Sammelsurium von Lampen. „In diesem Jahr wird es eher eine Video- und Klangperformance“, erklärte Jürgen Maubach am Dienstag.

Die Gemeinde hat den Kölner Licht- und Tonkünstler Ludwig Kuckartz eingeladen, die Raumstrukturen unter dem Titel „Verflüssigung“ gleichsam aufzulösen. Dafür hat Kuckartz eine etwa einstündige oktophone Klangcollage zusammengestellt, die in St. Foillan mit Bildern und weiteren Klängen live ergänzt wird. Apropos Tradition: Natürlich kann sich wieder jeder mit seinen eigenen Gedanken und Bitten einbringen. „Dieses Mal werden wir sie aber nicht projizieren, sondern sprechen oder singen“, meinte Maubach.

Ganz handfest geht dagegen die Emmaus-Gemeinde in Forst an die Programmplanung der Kirchennacht. „Wir bieten eine lange Nacht der Reparaturen an“, beschrieb Cord Elias vom gemeindeeigenen Repair-Café. „Oftmals ist bei kleineren Haushaltsgeräten wie Kaffeemaschinen nur ein kleines Bauteil kaputt, das sich leicht ersetzen lässt. Dennoch wird den meisten geraten, sich lieber ein neues Gerät zu kaufen. Wir wollen dem Wegwerfen entgegenwirken.“ Außerdem hat die evangelische Gemeinde die Verbraucherzentrale eingeladen, um über nachhaltiges Verbraucherverhalten zu informieren.

Körperbetont wird die Nacht der offenen Kirchen in der Jungen Kirche in der Dreifaltigkeitskirche. „Im vergangenen Jahr haben Menschen zwischen 14 und 70 Jahren bei uns getanzt. Das wurde so toll angenommen, das wir es wiederholen wollen“, sagte Fabian Schönborn. Für die mit den beiden linken Füßen kommt mit Tanzlehrer Daniel Napolitano professionelle Unterstützung für Latein- und Standardtanzschritte.

Lasten tragen

Bei „Weltweit am Dom“ — „keine Kirche oder Gemeinde, aber eine spirituelle Begegnungsstätte auf 28 Quadratmetern“, wie Thomas Bürgerhausen den kleinen Laden am Dom beschrieb — wird es natürlich: weltläufig. Denn Schwester Anne-Béatrice aus Burkina Faso nimmt sich Zeit, um das traditionelle Tragen von Gefäßen oder Wasserkrügen auf dem Kopf, das nahezu jede afrikanische Frau im Schlaf beherrscht, auch den gemeinen Mitteleuropäern beizubringen — ganz nach dem aktuellen Missio-Motto „Lasten tragen — Solidarität zeigen“.

In der Gemeinde „karfana:um“ am Hof steht alles unter dem Motto „break:free“: Erst slammen junge Storyteller übers Gefangensein und ausbrechen. Anschließend sind die Besucher selbst gefragt, Auswege zu finden: „Alle Räume des Hauses werden Escape-Rooms, die entweder einzeln oder im Zusammenhang nacheinander besucht werden können“, erklärte Lena Kroner.

Die Citykirche nimmt die kulturelle Dimension von Spiritualität unter die Lupe: Neben Chormusik, Celtic Music, Klezmer meets Bach und Late Night Jazz ist hier vor allem eine Uraufführung des musikalisch-literarischen Rilke-Projekts „Das sind die Stunden, da ich mich finde“ von Eberhard Schmitz aus Köln zu nennen. „Zu hören sind 24 Gedichte von Rilke und zwölf Vertonungen — ein fortlaufender Wechsel zwischen meditativem Sprechtext und Gedichtvertonung in spätromantisch-neoexpressionistischem Stil“, erklärte Pfarrerin Sylvia Engels vom ökumenischen Team der Citykirche diese eine von rund 120 Stunden Programm in 25 Kirchen und Gemeinden näher.

Und Abraham alias Axel Wiederhold? Der muss sich tatsächlich nicht um einen Aufenthaltsstatus kümmern, sondern wird sich zusammen mit den Kollegen des Theater Ludus und unter der Regie von Ingrid Wiederhold in St. Fronleichnam „Taboris ganz anderer Auseinandersetzung mit biblischen Szenen stellen“. So viel sei schon verraten: „Abraham, Sarah und Isaak sind ganz sicher keine heilige Familie — eine Sicht, die ich als Herausforderung für mich als Christ erlebt habe.“

Denn auch das hat Tradition bei der Nacht der offenen Kirchen: Bewegung in Kopf und Füßen bringt neue Perspektiven. Querdenken ist erlaubt und exklusive Wahrheiten sind nicht vorgesehen.

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