Aachen: „Nacht der Bibliotheken“ führt durch Keller und Gewölbe

Aachen: „Nacht der Bibliotheken“ führt durch Keller und Gewölbe

Es ist ein besonderer Einblick, den die Besucher jetzt in den Bestand der Stadtbibliothek erhielten: Anlässlich der „Nacht der Bibliotheken“ führte deren Leiter Manfred Sawallich durch die unterirdischen Kellerräume des Gebäudes, das 113.000 historische Bände umfasst. Sawallich garnierte die Führung mit vielen Anekdoten rund um die Geschichte der Stadtbibliothek.

„Über diesen Gewölben stand im späten Mittelalter einmal das Gasthaus ‚Zum wilden Mann‘“, erzählt Sawallich. Im Lauf der Zeit hätten dort so große Herrscher wie Napoleon, Zar Alexander, Kaiser Franz Joseph und Friedrich Wilhelm von Preußen genächtigt. Verständlich, dass angesichts solcher Gäste der Name des Gasthauses anschließend in ‚Zur kaiserlichen Krone‘ geändert wurde. Der Besuch jener berühmten Persönlichkeiten habe sich auch anderweitig niedergeschlagen und erkläre die Straßennamen Alexanderstraße, Franzstraße und Friedrich-Wilhelm-Platz, weiß Sawallich.

Dass die Stadtbibliothek nach dem Zweiten Weltkrieg in dieses Gebäude zog, ist für ihn ein Glücksfall: „Hier ist es schön trocken, nicht zu warm und nicht zu kalt. Es ist ein richtiger Palast für unsere Bücher.“ Eines wird an diesem Abend klar: Die Geschichte der Stadtbibliothek ist eng mit der Geschichte Aachens verknüpft.

Dass es sie überhaupt gibt, ist nicht zuletzt dem Aachener Journalisten und Universalgelehrten Franz Dautzenberg (1769-1828) zu verdanken. Dautzenberg war ein Anhänger der französischen Revolution und sammelte Bücher aus allen Wissensgebieten. In seinem Besitz befanden sich Biografien, Ratgeber, Reiseberichte und natürlich auch Werke aufklärerischer Autoren wie Voltaire. „Er interessierte sich für alle neuen Erkenntnisse“, sagt Sawallich. Im Lauf seines Lebens hatte der eifrige Sammler 10.000 Exemplare zusammengetragen — in der damaligen Zeit eine sehr umfassende Sammlung. Er verfügte, dass sie nach seinem Tod mit der Ratsbibiliothek zusammengelegt und den Bürgern zugänglich gemacht werde.

Im Anschluss an die Führung ging es in den bekannten Räumen der Bibliothek weiter im Programm. Rezitator Andreas Grude unternahm mit den zahlreichen Zuhörern einen „Streifzug durch die Geschichte der erotischen Poesie“, wie er es nennt. Dabei ließ er ganz unterschiedliche Autoren zu Wort kommen. Schmerzlich sehnsuchtsvoll klang Johann Christian Günthers „Als er ihretwegen einen schweren Traum hatte“, geradezu verdorben dagegen Gottfried August Bürgers „An die Feinde des Priaps“. Am Ende öffneten die Gäste nicht nur Ohren und Herzen, sondern auch ihre Börsen: Nicht weniger als 473,95 Euro konnte Grude zugunsten des Frauennotrufs sammeln.

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