Aachen: Nach Petition: Pius-Schülerin darf vorerst in Deutschland bleiben

Aachen: Nach Petition: Pius-Schülerin darf vorerst in Deutschland bleiben

Noch steht der Weihnachtsbaum etwas verloren in der Ecke. In dem spartanisch eingerichteten Wohnzimmer sticht der kleine Plastikbaum im Blumentopf mit dem weißem Kunstschnee und bunten Kugeln beinahe schon wie ein Fremdkörper hervor. „Der echte Baum kommt noch“, sagt Mahdeyi Rustami, zwölf Jahre alt. „Den stellen wir aber erst an Heiligabend auf.“ Wegen der Nadeln.

Dass Mahdeyi dieses Jahr überhaupt von „unserem Weihnachtsbaum“ sprechen kann, ist aus vielerlei Gründen erstaunlich. Denn eigentlich sollten sie und ihre Familie gar nicht mehr in Aachen sein, geschweige denn in Deutschland.

1540 Unterschriften gesammelt: Freunde, Lehrerkollegium und Klassenkameraden setzten sich mit einer Petition für die Schülerin ein. Foto: Michael Jaspers

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) hatte den Antrag der fünfköpfigen afghanischen Familie auf Asyl am 25. August dieses Jahres abgelehnt, mit der entsprechenden Aufforderung Deutschland innerhalb von 30 Tagen zu verlassen. Und damit das Leben der Familie Rustami erneut völlig auf den Kopf gestellt. Die Familie reichte Klage gegen den Ablehnungsbescheid ein und schob damit die Ausreiseverpflichtung auf. Was blieb, war die Ungewissheit.

Ist glücklich, erstmals in Aachen mit einem eigenen Tannenbaum Weihnachten feiern zu können: die zwölfjährige Mahdeyi Rustami aus Afghanistan. Foto: Michael Jaspers

Eine „politische Lehrstunde“

Unterstützt wurden sie dabei allerdings noch auf überraschende Weise. Denn Mahdeyi — von ihren Mitschülern und Lehrern nur Hedi genannt — ist in Aachen bestens integriert. Seit anderthalb Jahren besucht sie das Pius-Gymnasium. Wegen ihrer sehr guten Deutschkenntnisse und Schulleistungen nahm sie von Anfang am Regelunterricht teil — und das, obwohl sie seit gerade mal zwei Jahren in Deutschland lebt.

Als ihre Klassenkameraden von der drohenden Abschiebung erfuhren, stand für sie bald fest: „Dagegen müssen wir etwas tun!“ Also starteten sie eine Petition für den Verbleib ihrer Mitschülerin und Freundin — der sie letztlich sogar bis in den nordrhein-westfälischen Landtag führte.

Wenn Dr. Josef Els, Schulleiter des Pius-Gymnasiums, von der „politischen Lehrstunde“, die die kleine Delegation aus Aachen im allerbesten Sinne in Düsseldorf erfahren habe, berichtet, schwingt auch Wochen später noch das Erstaunen in seinen Worten. Gemeinsam mit Hedi, ihren beiden besten Freundinnen und fünf Schülern der Schülervertretung waren er sowie Hedis Klassenlehrerin Eva Leesmeister mit dem Zug in die Landeshauptstadt gefahren, um Vertretern des Vermittlungsausschusses ihr Anliegen vorzutragen.

Mit im Gepäck: rund 1540 Unterschriften und ein Gutachten des Pius-Gymnasiums. „Uns war wichtig zu zeigen, dass Integration gelingen kann und in diesem Fall sogar so weit geht, dass Kinder lautstark füreinander einstehen“, sagt Els.

Davon durfte sich — zur Überraschung der Aachener Delegation — auch Integrationsminister Joachim Stamp überzeugen, der die Schülergruppe kurzerhand im Landtag „abgefangen“ habe. Und Hedi das wohl beste Weihnachtsgeschenk machte: Sie und ihre Familie dürfen in Deutschland bleiben — zumindest vorerst.

„Herr Stamp hat Mahdeyi Rustami im Landtag Nordrhein-Westfalens getroffen und ihr versichert, dass unabhängig vom Ausgang des Verfahrens aus Nordrhein-Westfalen derzeit ausschließlich Kriminelle und Gefährder nach Afghanistan abgeschoben werden, aber keine Familien mit Kindern“, bestätigt Wibke Op den Akker, Sprecherin des Integrationsministeriums, auf AZ-Anfrage. Das bringt zwar noch keine abschließende Gewissheit, aber immerhin einen wichtigen Hoffnungsschimmer.

Bei der Erinnerung an die Erleichterung, die sie nach dem Gespräch mit Minister Stamp gespürt habe, kommen Hedi noch immer die Tränen. „Ich habe erst ein bisschen geweint — war dann aber total glücklich.“ Nicht nur für Hedi, sondern auch für ihre Mitschüler sei diese Erfahrung unglaublich wichtig gewesen, betont.

„Der Abschiebebescheid hat bei allen große Betroffenheit ausgelöst“, sagt Almut Straukamp-Korte, Koordinatorin der Internationalen Förderklasse am Pius-Gymnasium. Dass ihnen Vertreter der Politik im Landtag „auf Augenhöhe“ begegnet seien, hätte ihnen auch ein Stück Vertrauen in die Politik zurückgegeben. Auch, wenn die Zitterpartie noch nicht ganz ausgestanden ist.

Fest in der eigenen Wohnung

Für Hedi, ihre jüngeren Brüder Milad und Mehrab und ihre Eltern zählt dieser Tage vor allem eins: dass sie in ihrer kleinen Wohnung in Haaren zum ersten Mal Weihnachtsgeschenke unter ihren eigenen Tannenbaum legen können. „Letztes Jahr haben wir ein bisschen Weihnachten in der Flüchtlingsunterkunft Kalverbenden gefeiert“, sagt Hedi.

„Da gab es aber nur einen Baum für alle im Garten.“ Was sie sich für das Fest wünsche? Eigentlich nur ein paar schöne ruhige Tage mit der Familie. Und natürlich Gewissheit, dass sie das noch etwas fremde Fest auch im nächsten Jahr in Aachen feiern können. Aber die müsse eben noch etwas warten.