Aachen: Nach dem Anschlag in Berlin: Polizei und Stadt gehen auf Nummer sicher

Aachen: Nach dem Anschlag in Berlin: Polizei und Stadt gehen auf Nummer sicher

Der Mann, der an diesem Tag nach dem Berliner Terroranschlag mit ein paar Freunden an einem Glühweinstand auf dem Katschhof steht, mag seinen Namen zwar nicht nennen, aber was er sagt, taugt durchaus zum gemeinsamen Nenner — und das nicht nur an diesem Nachmittag auf dem Aachener Weihnachtsmarkt. „Natürlich ist es schrecklich, was in Berlin passiert ist“, sagt der Mann, während seine Freunde nicken. „Aber wir dürfen uns unsere Art zu leben nicht nehmen lassen. Sonst haben die Terroristen gewonnen.“

So oder so ähnlich hört man das an diesem Tag immer wieder auf dem Aachener Weihnachtsmarkt — und nicht nur dort. Nur ein paar Meter entfernt sitzt Aachens Polizeipräsident Dirk Weinspach kurz darauf hinter den dicken Mauern des Rathauses vor den Medienvertretern und sagt fast beschwörend: „Wir dürfen uns nicht unterkriegen lassen.“

Polizei und Ordnungskräfte zeigen massiv Präsenz und schauen ganz genau hin: Seit gestern werden alle Zufahrten zum Weihnachtsmarkt — wie hier an der Jakobstraße (Bild links) — blockiert. Polizei und Ordnungsamt verstärken ihre Einsatzkräfte erheblich, die Videoüberwachung soll scharf gestellt werden. Foto: Michael Jaspers

Im Ratssaal nimmt er mit Oberbürgermeister Marcel Philipp, Ordnungsdezernentin Annekathrin Grehling und Manfred Piana vom Weihnachtsmarktveranstalter Märkte und Aktionskreis City (MAC) Stellung zur Sicherheitslage in Aachen. Und dazu, dass man den Aachener Weihnachtsmarkt nach der Berliner Terrorattacke nicht absagt. „Wir dürfen uns unser Lebensgefühl von den Terroristen nicht nehmen lassen“, sagt Weinspach, „sonst gehen wir ihnen auf den Leim.“

Ernste Mienen: Ordnungsdezernentin Annekathrin Grehling, Oberbürgermeister Marcel Philipp, Polizeipräsident Dirk Weinspach und Manfred Piana (MAC) informierten nach dem Berliner Terroranschlag über die Sicherheitslage auf dem Aachener Weihnachtsmarkt.

Stattdessen wolle man den Markt „in angemessener Form fortführen“, betont Philipp. Und an diesem Tag heißt das, dass man aus Respekt vor den Opfern auf die sonst übliche Musikbeschallung und jegliches Bühnenprogramm verzichtet.

Uniformierte Kräfte, wohin man schaut: Bis zum Ende des Weihnachtsmarkts am Freitagabend will die Polizei die Zahl der eingesetzten und seit gestern schwer bewaffneten Beamten verdreifachen.

Aber es ist noch einiges mehr anders geworden, nachdem in Berlin ein Lkw in einen Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche gerast ist und zwölf Menschen getötet sowie Dutzende verletzt hat. Ob es den Besuchern des Aachener Budendorfs noch weihnachtlich ums Herz wird, wenn an allen Zugängen Polizisten mit Maschinenpistolen stehen, mag dahingestellt bleiben. Aber zumindest sollen sie sich sicher fühlen. Um dies zu gewährleisten, haben Polizei und Stadtverwaltung bei ihrem gemeinsamen Sicherheitskonzept, das bereits im vergangenen Jahr der verschärften Terrorlage angepasst wurde, noch einmal an etlichen Stellschrauben gedreht.

Die Polizei schickt nun bis zum Ende des Marktes drei Mal so viele Beamte wie bisher in den Einsatz — und das nicht nur mit den besagten Maschinenpistolen, sondern auch in schweren Schutzwesten. Dabei werden nicht nur an allen Zufahrten Posten bezogen, sondern die Wege ins Budendorf auch mit Fahrzeughindernissen blockiert. Bisher geschah dies nur zeitweise, und zwar mit normalen Pkw an der Jakobstraße, der Ecke Großkölnstraße/Mostardstraße und an der Ursulinerstraße Richtung Münsterplatz. Doch an diesem Dienstagmittag rollen nun größere Fahrzeuge an, die als Dauersperre eingesetzt werden. Außerdem blockiert man nun auch die Zufahrt vom Büchel auf den Markt.

Auch der Veranstalter und das Ordnungsamt verstärken ihre Kräfte, wobei die Stadt zusätzlich noch ihren Blick aufs Weihnachtsmarktgeschehen schärfen will. Und zwar buchstäblich: „Scharf stellen“ lassen will Annekathrin Grehling die Videokameras auf Markt, Katschhof, Münsterplatz und in der Krämerstraße. Bislang kontrollieren sie nur schemenhaft die Besucherströme, an den letzten drei Markttagen sollen sie tatsächlich der Beobachtung dienen und das „subjektive Sicherheitsgefühl“ stärken. Juristische Bedenken hat die Dezernentin nicht: „„Ich bin überzeugt davon, dass wir in der jetzigen Situation die Rechtsgrundlage für eine Videoüberwachung haben.“

Telefonate in die Heimatstadt

Die nun verschärft in den Blick Genommenen und scharf Bewachten reagieren derweil erstaunlich gelassen auf den erneuten Terror. Dass er nur Stunden nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt seine Schicht hinterm Tresen eines Glühweinstands auf dem Katschhof beginnt, hat Benjamin Grimme beispielsweise gar nicht weiter beschäftigt. „Ich mache mir darüber keinen Kopf“, sagt er. „Die Wahrscheinlichkeit, dass ich in ein Auto hineinrenne, ist doch viel größer, als einem Anschlag zum Opfer zu fallen.“

Ähnlich unaufgeregt ist auch Fränzi Loosen vom Ardennengrill auf dem Katschhof. Sie habe „kein komisches Gefühl dabei gehabt, als ich hier hingekommen bin, und mache mir auch keine Gedanken über die Sicherheit“, sagt sie. Denn: „Wenn ich das täte, dürfte ich ja nicht einmal mehr zum Einkaufen gehen.“

Selbst Iris Graeber-Lannier, die für Yucca-Design Luhn auf dem Katschhof Edelsteinschmuck verkauft, ist an diesem Tag ganz normal zur Arbeit gegangen. Wobei es für die Berlinerin kein normaler Morgen war. „Ich habe erst einmal viel telefoniert, um zu erfahren, ob es allen Freunden und Verwandten gut geht“, erzählt sie. Dass sich eine Tragödie wie in ihrer Heimatstadt auch in Aachen wiederholen könnte, glaubt sie nicht. „Und wenn doch, dann kann man es auch nicht ändern.“

Es ist eine Mischung aus Trauer und Trotz, aus Selbstbewusstsein und auch einer Portion Fatalismus, die an diesem Tag an vielen Stellen der Stadt zu spüren ist — ob nun am Glühweinstand oder an der Wurstbude, ob im ehrwürdigen Ratssaal oder nur ein paar Meter entfernt am Kinderkarussell. Denn dessen Betreiber Hans-Günter Auras sagt zwar wie viele andere, dass er „an diesem Tag an die Toten und Verletzten in Berlin“ denkt. Aber er sagt auch: „Wir dürfen jetzt nicht einknicken, sondern sollten so weiterleben wie bisher.“