Aachen: Mussa Hudrog: Integrationsgeschichte mit strahlendem Sieger

Aachen: Mussa Hudrog: Integrationsgeschichte mit strahlendem Sieger

Nach dem Winterlauf ist vor dem Sylvesterlauf. Für Mussa Hudrog die spannendste Zeit im Jahr, denn der Sportler gehört zu den besten Läufern Westdeutschlands. Das Jahresende hat für ihn perfekt angefangen: Zum ersten Mal in seiner siebenjährigen Karriere hat der 28-Jährige den ATG-Winterlauf gewonnen.

Als erster Teilnehmer des Sylvesterlaufs des DLC Aachen hat er 2010 erst den 5-Kilometer-Lauf und direkt danach den 10-Kilometer-Lauf gewonnen. Mussa Hudrog steht — wenn er startet — fast immer auf dem Siegertreppchen.

... und ganz entspannt bei einem Tässchen Kaffee in seinem Café Liège. Foto: Michael Jaspers

Sportlich eine wunderbare Erfolgsgeschichte. Aber es gibt noch einen anderen Mussa Hudrog: das eher nachdenkliche Kind einer libanesischen Flüchtlingsfamilie, das sich als eines von 14 Geschwistern erst seinen Platz in der Gesellschaft erkämpfen musste. Heute ist er Inhaber eines Cafés nahe dem Hangeweiher. Der Sportler ist vor gut zwei Jahren ins Rennen um die Selbstständigkeit gestartet.

Zwei Welten, die aber absolut zusammengehören. Davon berichtet er im Interview.

Haben Sie sich nach dem Sieg im Winterlauf etwas Besonderes gegönnt?

Hudrog: Eine Runde Arbeit im Café. Leider — weil ich an sieben Tagen in der Woche aufhabe.

Wie läuft es sich eigentlich mit einem Stück Windbeuteltorte im Magen?

Hudrog: Ganz schlecht! Selbst nach einem Lauf schaffe ich nur ein halbes Stück.

Was essen Sie denn vor einem Lauf?

Hudrog: Am besten gar nichts. Das weckt Urkräfte! Alternativ rechtzeitig vor dem Lauf ein Früchtebrot mit Nüssen. Oder mal etwas ganz anderes: eine Praline mit einer Tasse Espresso.

Das ist aber doch nicht ernsthaft das Rezept für Ihre Laufschnelligkeit.

Hudrog: Die kommt wohl eher daher, dass ich ursprünglich ein Fußballverrückter war. In der Jugend war ich bei Alemannia. Irgendwann konnten sich meine Eltern die langen Busfahrten nicht leisten, ein Auto besaßen sie nicht. Ab da an spielte ich nur noch auf der Straße. Ein letzter Versuch, bei Borussia Brand zu spielen, scheiterte, war für die A-Jugend zu jung. Irgendwann habe ich traurig aufgegeben.

Und dadurch wird man schnell?

Hudrog: Bei Fußballern ist schon der Antritt gefragt. Mitunter ist es aber auch so, dass ich Dingen davonrenne. Während ich laufe, habe ich viele Ideen, mir geht sehr viel im Kopf herum. Laufen ist eine Lebensphilosophie, und ich philosophiere sehr gerne beim Laufen im Aachener Wald ...

Wovor laufen Sie davon?

Hudrog: Durchaus auch vor Dingen, die in meiner Vergangenheit nicht so toll waren. Meine Eltern sind aus dem Libanon vor dem Bürgerkrieg geflohen, mussten alles verkaufen, um das Geld für die Pässe und die Reise zusammenzubekommen. Ich war damals vier Jahre alt. In Deutschland haben wir dann alle auf 70 Quadratmetern nahe der holländischen Grenze gewohnt. Damals war ich schon sehr gut darin, vor Rechtsradikalen davonzulaufen.

Waren die Verhältnisse wirklich so schlimm?

Hudrog: Schlimm war die versteckte Abneigung. Die deutschen Kinder durften nicht mit mir spielen — haben sie aber trotzdem getan. Und seltsamerweise hieß es dann immer: Der Mussa ist doch eigentlich ein lieber Junge. Die Kinder von damals sind auch heute noch Freunde. Ich kann heute sagen, dass ich rundum glücklich bin.

Und dazu hat das Laufen beigetragen?

Hudrog: Das Laufen und das Leben in der Stadt Aachen.

Wie sind Sie zum Laufen gekommen?

Hudrog: Das ist im Grunde eine witzige Geschichte. Irgendjemand hat gesehen, wie fleißig ich im Fitness-Studio auf dem Stepper trainierte, und gefragt, ob ich nicht einfach mal den Lousberglauf mitmachen wollte. Ich bin dann als 15-Jähriger direkt Erster in meiner Altersklasse geworden.

Und das Laufvirus hatte von Ihnen Besitz ergriffen.

Hudrog: Nicht ganz. Ich habe mir am Tag nach dem Lauf geschworen, nie mehr zu laufen. So einen Muskelkater hatte ich. Nachdem der sich gelegt hatte, ist mir aber einiges klar geworden: Beim Laufen bin ich selbstbestimmt. Niemand entscheidet, ob ich an den Start gehe oder nicht — außer mir. Ich habe selber die Kontrolle über alles.

Das hat mich selbst befreit — und mich von Sorgen befreit und mir geholfen, die schwierige Kindheit zu verarbeiten. Nach meiner schlechten Lauferfahrung vergingen erst sechs Jahre, mit 21 Jahren endeckte ich am letzten Tag des Jahres den Sylvesterlauf.

Wie sind Sie dann bei der ATG gelandet?

Hudrog: Vor dem Sylvesterlauf habe ich mich in weiter Jogginghose und Baumwollshirt aufgewärmt. Neben mir wärmte der Leichtathletik-Leiter der ATG, Günter Drießen, im Vergleich zu mir richtig professionell seine Talente auf. Die waren toll ausgestattet. Eine andere Welt. Plötzlich fragte mich Günter Drießen, ob ich bei ihnen mitmachen wolle und ob ich nicht mal zum Training zum Chorusberg kommen wolle.

Ein Stück echte Aachener Heimat für Sie?

Hudrog: Ich habe mich sehr schnell dort aufgehoben gefühlt. Mein Trainer war Wolfgang Glöde, ein früherer Polizist, der dann als Lehrer arbeitete. Genau die zwei Berufsgruppen, mit denen ich früher eher Probleme hatte. Glöde konnte mich motivieren, ich hatte plötzlich keine Probleme, seine „Anweisungen“ zu befolgen. Viel wichtiger war aber, dass ich mich in diesem Verein nie ausgenutzt gefühlt habe. Zuerst kam und kommt hier immer der Mensch.

Und wie sind Sie dann so gut geworden?

Hudrog: Ich habe zunächst mal meine ersten Laufschuhe bekommen, Joggingschuhe und Spikes. So etwas konnten mir meine Eltern nie kaufen. Ich bin dann den Besten verbissen hinterher gelaufen. Aber es war toll, Siebter zu werden. Nach anderthalb Jahren bin ich dann bei einem Cross-Lauf zum ersten Mal Erster geworden.

War das Lauftraining für Sie eine Lebensschule?

Hudrog: Ich denke schon. Gerade durch die älteren Mitglieder, die mir imponieren. Die sind immer auf dem Platz, arbeiten mit und sind mit viel Liebe für den Verein da. Ich bewundere deren Disziplin und Geradlinigkeit. Ich habe bei Wolfgang Glöde die alte Trainingsschule durchlebt und erfahren, dass Disziplin der Schlüssel zum Erfolg ist. Die älteren Mitglieder laufen übrigens auch mit 70 Jahren noch. Ihnen möchte ich mit meinen Leistungen auch etwas zurückgeben.

Wie sieht Ihr aktuelles Trainingspensum aus?

Hudrog: Das liegt bei etwa 80 Kilometern pro Woche.

Hört sich für den Laien beeindruckend an.

Hudrog: Ist aber zu wenig. Ein Spitzenläufer sollte mindestens 120 Kilometer in der Woche absolvieren.

Was hindert Sie daran?

Hudrog: Vom Laufen kann man nicht leben. Ich habe immer in der Gastronomie gearbeitet, sieben Jahre lang Cocktails in der Pontstraße gemixt. Vor über zwei Jahren erzählte mir meine Lebenspartnerin Meltem Cetir, dass das Café Liège im alten Klinikumspark verkauft würde. Sie hatte schon acht Jahre dort gearbeitet. Ich habe dann ein halbes Jahr mit mir gerungen — und musste dann natürlich auch noch den Zuschlag bekommen. Das erste halbe Jahr nach der Entscheidung war sehr hart, ich hatte viele schlaflose Nächte.

Da war fürs Laufen keine Zeit?

Hudrog: Ich bin anderthalb Jahre nicht gelaufen, habe aber fast täglich davon geträumt. Ich war zwar ständig in Bewegung, aber die Laufbeine standen still. Inzwischen hat sich hier alles richtig etabliert.

Und Sie haben ganz offensichtlich — siehe Winterlauf — schnell wieder Anschluss gefunden?

Hudrog: Ich bin eingeladen worden zu einem Höhentrainingslager nach Marokko und konnte sehen, wie die Weltelite trainiert. Ich durfte 18 Tage lang mit trainieren und habe unheimlich viel Energie getankt. Ich habe meine Laufsachen immer im Café, und wenn Feierabend ist, renne ich los. Seit einem halben Jahr bin ich wieder unterwegs, und es läuft richtig gut. Natürlich klappt das auch nur, weil meine Partnerin so gut mitspielt.

Hört sich so an, als ob Sie sportlich und beruflich die Integration geschafft hätten.

Hudrog: Das Café macht mir unheimlich viel Freude, ich habe hier nie von viel Geld geträumt.

Also ein Musterfall für Integration?

Hudrog: Der deutsche Pass ist mein großer Traum. Ich lebe jetzt seit 25 Jahren in Deutschland, träume deutsch und liebe deutsche Gedichte. Ich kann gar kein Libanesisch. Vor drei Jahren habe ich einen Antrag auf Einbürgerung gestellt, aber auf die Genehmigung warte ich noch. Der Wunsch ist noch offen.

Zurück zum Sylvesterlauf: Wie sehen Sie als ATG-Mitglied den Lauf?

Hudrog: Der Sylvesterlauf ist ein Stück sportliches Zuhause. Inzwischen kennen mich viele Menschen in Aachen. Der ATG-Winterlauf und der Sylvesterlauf nehmen sich gar nichts, sie ergänzen sich toll. Sportlich ist der Sylvesterlauf immer eine Herausforderung, weil man überrunden kann — und überrundet werden kann. Da kann man schnell Fehler machen. Ich kenne auch viele Läufer beim DLC, die feuern einen genauso an. Das Verhältnis ist absolut in Ordnung.

Und wo wollen Sie landen?

Hudrog: Ganz vorne. Das Training funktioniert. Zum Jahresende kann ich hier nochmal alles geben. Hier hat für mich irgendwie alles angefangen.

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