Musikalische Völkerverständigung in Aachen

Flügelkonzert in der Klangbrücke : Gülsin Onay brillierte in Ballsaal

„Einen Leckerbissen der besonderen Art“ versprach Moderator Cetin Saltan anlässlich des Neujahrskonzertes des türkischen Honorarkonsulates in Aachen mit der türkischen Konzertpianistin Gülsin Onay im Ballsaal des Alten Kurhauses – doch Leckerbissen war weit untertrieben. Die 1954 in Istanbul geborene Onay brillierte auf der Klaviatur und überzeugte mit einem meisterhaften Spiel die Zuhörer, die zum Schluss mehrmals mit Standing Ovations der Musikerin dankten.

Unter Schirmherrschaft des Türkischen Generalkonsuls B. Ceyhun Erciyes aus Köln und der Unterstützung des designierten Honorarkonsuls Uwe Merklein aus Aachen war das Konzert ein Aufruf zur Verständigung, zur Kommunikation und ein Beweis der Freundschaft zwischen den Nationen und ihren Angehörigen. Die Musik zu erleben, den Stil der Künstlerin zu erfahren und zu genießen – all das waren Aspekte des Konzerts, welches mit den „Variationen f-moll“ von Joseph Haydn eröffnet wurde.

Es hätte keinen besseren Komponisten geben können, passte das 1793 komponierte Stück doch perfekt in den 1782 errichteten Saal und zeigte zugleich die großen Stärken der Musikerin. Fast meinte man, allein mit ihr in einem Raum zu sitzen, vergaß das Publikum um sich herum und genoss jede der weich gespielten Noten, die sich zu einem Klangteppich des Wohlbefindens zusammenfügten und die niemals ins Belanglose abzudriften drohten. Johann Sebastian Bachs Orgel-Choralvorspiel BWV 645 „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ für das Klavier zu adaptieren (arr. Ferruccio Busoni) ist eine interessante Angelegenheit. Das Stück dann auch so spielen zu können, gelingt nur wenigen: Bisweilen klang es nach zwei Klavieren, die unterschiedliche Melodielinien verfolgten, hervorgerufen durch schnelle Läufe in der rechten Hand, gepaart mit den dramatisch hervorstechenden Untertöne in der linken.

Es braucht viel Erfahrung und Können um dieses Werk, komponiert für Orgel, auf dem Klavier zum Strahlen zu bringen. Den spielerischen Charakter, die sommerlich-sorglose Leichtigkeit Wolfgang Amadeus Mozarts, konnte Onays Präsentation der „Sonate A-Dur KV 331“ deutlich entnommen werden. Teil dieser Sonate ist auch eines von Mozarts bekanntesten Werken und vermutlich auch eines der berühmtesten für Klavier, der dritte Satz: „Alla Turca“. Gerade dieses Stück zeigte Onays ganz eigenen Stil besonders herausragend: zwar spielte sie das Stück energisch, aber dramatisierte nicht, hämmerte nicht auf den Tasten, sondern spielte mit einer Sanftheit, die man selten so hört. Musikalisch anspruchsvoll, geladen mit hochkomplexen Motiven und einem technischen Anspruch, der an diesem Abend wohl nicht übertroffen wurde, ist Franz Liszt „Grande Marche du Sultan Abdul Medjid-Khan“, ein Stück, dass mäandert zwischen rauen, prunkhaft, fast dekadent tiefen und lauten Passagen und solchen, die eher an das Marschieren kleiner Zinnfiguren erinnerte.

Dabei gelang es Onay, das Stück in seiner Gesamtheit zu präsentieren, flüssige Übergänge zu gestalten und die Dynamik meisterhaft zu beherrschen. Ahmed Adnan Saygun war einer von Onays Lehrern und so ist es wenig verwunderlich, dass sie auch eine seiner Kompositionen spielte. Leider litt das Stück unter dauerhaftem Gerede im Publikum, dabei ist die „Sonatine op. 15“ ein Werk, bei dem jeder Ton, jeder Akkord gehört und auch genossen werden sollte, auch wenn das Stück mit ungewöhnlichen Harmonien jonglierte. Gleiches galt zu Anfang leider auch für Frederic Chopins „Andante spianto et Grand Polonaise brilliante“ in Es-Dur, denn auch hier wurde die musikalische Traumwelt, in die man sich gerne eingekuschelt hätte, durch Reden gestört. Das tat dem Gesamteindruck des Konzerts jedoch keinen Abbruch.

Am Schluss des Stückes – zwischenzeitlich mit einer solchen Energie gespielt, dass der Flügel wackelte – badete die Musikerin selbst in ihrer Musik und genoss den letzten Akkord mit großer Geste. Es wird schwierig, diesen musikalischen Genuss im nächsten Jahr mit einem ähnlichen Konzert zu überbieten.

Der Erlös dieser Benefizveranstaltung kommt dem Projekt ‚Tübi‘ zur Förderung von Sprache und Kultur für türkische Kinder zu Gute.