Aachen: Museumsfest im Centre Charlemagne zieht Besucher in seinen Bann

Aachen: Museumsfest im Centre Charlemagne zieht Besucher in seinen Bann

Der siebenjährige Oskar Lorenz führt konzentriert die angespitzte Gänsefeder übers Papier. Mit schwarzer Tinte entsteht so eine karolingische Minuskel nach der nächsten. Aber auch das schwere Kettenhemd im mittelalterlichen Stil, welches er eben noch im Ausstellungsraum anheben durfte, geht Oskar noch nicht ganz aus dem Kopf.

Vom Trubel um ihn herum bekommt er in der „Werkstatt“ des Centre Charlemagne jetzt jedenfalls wenig mit. Auch wenn er zu den rund 7500 Besuchern gehört, die am Wochenende das Museumsfest im Centre Charlemagne aus allen Richtungen ansteuerten, um das neue Stadtmuseum am Katschhof unter die Lupe zu nehmen.

Von Öchern für Öcher und ihre Gäste: Nicht weniger als 1000 Exponate umfasst die Ausstellung „Mein Aachen“ bis dato. Weitere erwünscht! Foto: Andreas Herrmann

Modern, flott, neu, interaktiv und offen, viel Licht und viel Glas — soweit der erste Eindruck, der einen direkt beim Betreten des Foyers erfasst. Eine klitzekleine Schwierigkeit gibt‘s dann doch: Wo anfangen? Denn die zweitägige Eröffnungsfeier lockt bei freiem Eintritt an allen Ecken und Enden mit Aktionen wie einem archäologischen Scherbenrätsel oder dem Anfertigen von Stabpuppen, Musik und Führungen — sogar in lateinischer Sprache.

Auch das Herzstück des neuen Stadtmuseums, der Dauerausstellungsraum, in dem auf 800 Quadratmetern komprimiert die Geschichte Aachens von der Jungsteinzeit bis in die heutigen Tage „abgegangen“ werden kann, ist gut bevölkert. Dass Karl der Große, Wegbereiter der Kaiserstadt und Namensgeber für das neue Museum, hier einen exquisiten Platz eingeräumt bekommt, versteht sich von selbst. Die eigentliche Attraktion heißt jedoch nicht Karl, sondern Thomas Hoyer — selbst wenn auch er nicht an dem Frankenherrscher vorbeikommt.

Wie viele Vornamen der studierte Grafik-Designer am Wochenende im sogenannten „Geschichtslabor“ mit Federkiel und Tinte nach original mittelalterlicher Rezeptur gekonnt in karolingische Minuskeln verwandelte, weiß er selbst nicht mehr. Auch die 53-jährige Dorothea Besgen kann ein Lesezeichen mit ihrem Namen ergattern. „Das ist eine wunderschöne und einmalige Erinnerung“, sagt sie glücklich. „Mir gefällt am neuen Stadtmuseum, dass man sich hier sehr detailliert und anschaulich über die Aachener Historie informieren kann. Allerdings wünsche ich mir mehr direkte Beschriftungen der Exponate.“ Während sie behutsam das Lesezeichen in ihrer Tasche verstaut und weiter auf geschichtliche Entdeckungstour geht, wirft Angharad Beyer vis à vis an der Station „Kleiderkammer“ ihren Webstuhl an, um mittelalterliche Webtechniken zu präsentieren.

Der Clou allerdings ist die Wechselausstellung „Mein Museum“ in der ersten Etage, die noch bis Ende März zu sehen ist. In den vergangenen Wochen konnte Kuratorin Myriam Kroll bis Sonntag über 1000 Exponate aus allen Bereichen der Stadtgeschichte von rund 220 Bürgern zusammentragen und diese erstmalig präsentieren. Ob Erinnerungsstücke rund um CHIO und Alemannia, Briefmarken mit Aachen-Motiven, Postkarten, Gemälde, alte Zeitungen, Münzen, Fotos — hier trifft „Stronks“ auf „Strönksjen“, was die Aachener Historie in einem ganz neuen Licht erscheinen lässt.

Und selbst zum Museumsfest bringen viele Aachener noch weitere sogenannte „Aquensien“ mit. So auch Andreas Lorenz, der neben historischen Briefen drei Plakate aus der Zeit der französischen Revolution in einer kleinen Talkrunde mit Stadtsprecher Bernd Büttgens und Dr. Manfred Birmans präsentierte. „Diese habe ich damals in einem Tabakladen erstanden“, erinnert er sich.

Nun ziehen sie vorübergehend in eine Vitrine des neuen Stadtmuseums ein. Von der enormen Resonanz ist auch Büttgens überwältigt: „Das ist der absolute Wahnsinn. Die Aachener nehmen ihr neues Museum an und identifizieren sich zu 100 Prozent mit diesem schönen offenen Haus.“

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