Aachen: Möglicher Brexit: Freundschaften werden erhalten bleiben

Aachen : Möglicher Brexit: Freundschaften werden erhalten bleiben

Erste Kontakte gab es nach Kriegsende Mitte der 1940er Jahre, seit 1979 ist es eine besiegelte Städtepartnerschaft: Aachen und die englische Stadt Halifax pflegen schon lange Zeit intensive Verbindungen.

Die Beziehungen zur Stadt in der Grafschaft West Yorkshire kamen nach dem Zweiten Weltkrieg auf Initiative der britischen Militärregierung zustande: Damals wurde mithilfe britischer Handwerker die „Gelbe Kaserne“ im Kennedypark zu einem Wohnheim für Aachener Jugendliche umgebaut. Die Beziehungen zwischen den beiden Städten entwickelten sich immer weiter — nach der offiziellen Städtepartnerschaft Ende der 1970er Jahre wurde 1995 der Verein „Partnerschaftskomitee Aachen — Halifax/Calderdale“ gegründet.

Foto: Harald Krömer Date: 20.06.2016 Halifax Vorstand Marianne Ax. Foto: Harald Krömer

Heute präsentiert sich der Verein bei Festen wie beispielsweise dem Karlspreis, Hauptaufgabe ist aber der regelmäßige Austausch zwischen Aachenern und Bürgern aus Halifax. So kommen im Juli wieder etwa 25 Gäste aus England für eine Woche nach Aachen und wohnen hier wie üblich in Gastfamilien. Ob und wie sich die Beziehungen zwischen den Städten, zwischen den Menschen und die Arbeit im Verein durch einen möglichen „Brexit“ verändern wird, erklärt die Vereinsvorsitzende Marianne Ax.

Wie gehen Sie im Verein mit dem Thema Brexit um?

Ax: Der mögliche Brexit ist bei uns in der Partnerschaft bislang kein Thema — klar sind wir uns alle eines möglichen Austritts Großbritanniens bewusst, aber thematisiert haben wir das mit den Engländern bislang nicht.

Haben Sie Erfahrungen gemacht mit Engländern, die Europa und der EU kritisch gegenüber stehen?

Ax: Nein, im Gegenteil. In Halifax sind sogar gerade neue und vor allem junge Leute Mitglied unseres Partnerschaftsvereins geworden — das ist für mich ein europafreundliches Zeichen und zeigt, dass die Engländer auch weiter Interesse daran haben, mit uns in einem regen Austausch zu stehen. Hinzu kommt, dass viele Engländer, die ich kenne, Kinder haben, die in Deutschland oder in den Niederlanden studieren, die hier selber vor vielen Jahren als Au-pair waren oder einfach gerne den Kontinent bereisen. Eine Europafeindlichkeit habe ich persönlich bislang noch absolut gar nicht erfahren.

Die scheint es aber doch zu geben — die Umfragen zeigen, dass das Referendum durchaus knapp ausgehen könnte. Was würde bei einem Brexit passieren?

Ax: Ein Brexit hätte meiner Ansicht nach vor allem Folgen für die britische Wirtschaft. England hat dann nicht mehr viel außer der Geldwirtschaft — das wird nicht lange gut gehen. Ich denke, viele Bänker müssten dann gezwungenermaßen auswandern, nach Paris oder Frankfurt beispielsweise. Aber auch viele Selbstständige, ich denke zum Beispiel an Bäcker oder Konditoren, hätten mit den Folgen eines EU-Austritts zu kämpfen: Gerade die bekommen nämlich ganz viele Waren aus Deutschland. Wenn auf solchen Waren dann wieder Zölle erhoben werden, würde es für die Bäcker teurer werden, was sich dann wiederum auf die Kunden niederschlagen wird. Insgesamt kann man also sagen, dass von einem Brexit vor allem der Mittelstand, Selbstständige und kleinere Unternehmen betroffen sein würden.

Wer würde von einem Brexit profitieren?

Ax: Ganz ehrlich — ich glaube niemand so wirklich. Die Leute, die für den Austritt Großbritanniens aus der EU plädieren, sind die „Ewiggestrigen“. Auch wenn genau diese Leute so denken — es wird mit einem EU-Austritt ganz sicher nicht so werden wie früher. Dafür hat sich die Welt in den letzten Jahrzehnten zu sehr verändert, der ganze Globus ist enger zusammengewachsen. Ich glaube diese Leute hoffen, die Uhr ließe sich zurückdrehen — aber das lässt sie sich bekanntlich nicht.

Hätte ein Brexit Auswirkungen auf Ihren Verein oder die Partnerschaft zwischen Aachen und Halifax?

Ax: Nein, ich denke selbst wenn es zum Brexit kommt, wird das keine großen Auswirkungen auf unser Leben hier und auch nicht auf die Freundschaft zwischen Aachen und Halifax haben. Auf den Verein sowieso nicht — dafür kennen sich die Leute zu gut: Da gibt es Freundschaften, die halten seit mehreren Jahrzehnten über die Ländergrenzen hinweg. Und diese Freundschaften sowie die Freundschaft zwischen Aachen und Halifax, die gab es auch schon, als es die EU noch gar nicht gab. Also Angst, dass sich irgendetwas ändern würde, habe ich wirklich nicht.

Also brauchen wir hier in Aachen keine Angst haben, dass demnächst weniger Engländer den Weihnachtsmarkt besuchen?

Ax (lacht): Nein, gewiss nicht. Ich denke die Besucher werden weiterhin kommen, genauso wie wir weiterhin nach Großbritannien fahren werden — Grenzkontrollen gibt es dort sowieso schon immer, das sind Englandreisende also gewohnt. Und was die Weihnachtsmarktbesucher angeht: Ich denke, wer eher europafeindlich ist, der ist auch jetzt schon nicht zum Aachener Weihnachtsmarkt gekommen. Der muss konsequent sein und Europa meiden und kann sich nicht nur die Vorteile abgreifen.

Was ist ihre Prognose für Donnerstag?

Ax: Eine Prognose kann ich nicht abgeben, ich bin mir nur sicher, dass es sehr knapp wird. Ich hoffe, dass die Briten sich insgesamt für einen Verbleib in der Europäischen Union aussprechen — aber wir werden sehen. Ich werde das Referendum auf jeden Fall sehr aufmerksam verfolgen.