Aachen: Mit Pizza zum Geometrieexperten

Aachen: Mit Pizza zum Geometrieexperten

„Der rechte Winkel hier passt überall hin, ans Fenster zum Beispiel oder an das Bild“: Merle läuft mit einer Art Viertel-Pizza-Stück aus Kunststoff — das einen rechten Winkel hat — durch die Kreativwerkstatt der Kindertagesstätte Brunssumstraße. Sie gehört zur Vorschulgruppe des Kindergartens und hat gerade gelernt, wie ein rechter Winkel aussieht und wo er so überall zu finden ist.

Merle nimmt am „Geometriekurs“ für die Kinder teil, den Professor Leif Kobbelt vom Lehrstuhl für Computergraphik und Multimedia der RWTH im Kindergarten im Aachener Westen anbietet. Vier Wochen lang kommt er jeden Montag in die Kita, um mit den Fünf- und Sechsjährigen ein Grundverständnis für Geometrie zu erarbeiten. Nun standen die sogenannten Escher-Parkettierungen auf dem Programm: Die Abdeckung einer Ebene durch gleichförmige Teilflächen wurde den Kindern mittels eines Puzzles näher gebracht.

Grund für den Kurs ist vor allem der geringe Frauenanteil in technischen Studiengängen: „Wir haben in der Informatik zehn bis zwölf Prozent weibliche Studierende, das ist viel zu wenig“, sagt Kobbelt, das müsse geändert werden. An den Universitäten selbst zu handeln sei eigentlich zu spät, so Kobbelt weiter, zu dem Zeitpunkt hätten sich die meisten schon für eine Fachrichtung entschieden. „Deshalb habe ich jetzt die Hoffnung, durch solche Projekte und Angebote das Interesse für die Technik schon bei den Kindern und vor allem bei den Mädchen zu wecken.“ Insgesamt 16 Kinder nehmen am vierwöchigen Kurs teil, aufgeteilt in zwei Gruppen.

Es sei beachtlich, welch komplexe Systeme Kinder schon verstehen können, wenn die Dinge nur richtig aufbereitet würden — mit vielen Farben und Geschichten drumherum beispielsweise. Oder auch wenn Formen betrachtet werden, denen die Kinder auch im Alltag begegnen. So das Pizzastück: „Jedes Kind weiß dank Pizzastück was ein rechter Winkel ist“, erklärt Kobbelt, „in Pflastersteinen und auf Geschenkpapier etwa können die Kinder aber auch die Muster und Formen, die sie hier kennenlernen, wiedererkennen.“

Auch die Erzieherin Ulla Kutsch, die sich um Vorschulprojekte kümmert, ist begeistert. Zum einen von den Fähigkeiten der Kinder, zum anderen von der Art und Weise, wie Geometrie hier vermittelt wird. „Ich finde es wirklich beachtlich, wie gut man die Geometrie kindgerecht aufbereiten kann, ich habe das viel theoretischer erwartet.“ Die Formen selbst — vom Pizzastück über Polygone bis hin zu Vier-, Fünf-, Acht- und Zwölfecken — lernen die Kinder als Teil einer Geschichte kennen, die Professor Leif Kobbelt ihnen erzählt.

Angelehnt an das bekannte Buch „Flatland“ sind sie „Plattländer“, können sich in der Vertikalen nicht bewegen. „Leif ist unser Plattländerexperte“, wirft Donald aus der Vorschulgruppe während des Kurses in die Runde. Schließlich wisse er immer genau, welche Form mit welcher zusammenpasst. Im Endeffekt sei Geometrie Mathematik ohne Zahlen, so Kobbelt. Insofern passt der Kurs optimal in das übliche Programm der Kita: „Der Geometriekurs ist bei uns Teil der mathematischen Bildung“, sagt Leiterin Astrid Tillmanns, „auch wenn Herr Kobbelt nicht mehr kommt, können die Kinder weiter mit den Materialien arbeiten.“

Gleiches gilt für andere Kitas: „Bei Interesse kann das Material und auch der Geschichtsplot gerne weitergegeben werden“, sagt Kobbelt, für die Kursleitung sei auch nicht zwingend ein Universitätsprofessor notwendig. „Das kann im Grunde jeder mit einem gewissen mathematischen Grundverständnis machen.“ Er würde sich wünschen, dass sich viele Nachahmer finden, denn „hier ist es wichtig, ganz früh anzufangen.“ Damit später das Geschlechterverhältnis bei den Informatikern zumindest ein bisschen ausgeglichener ist.

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